Pfingsten
24.05.2026 |
Predigt | Lesejahr A - Pfingsten, Joh 20, 19-23
P. Ambrosius Leidinger, 24.05.2026
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Pfingsten ist das große Fest der Verwandlung: wir haben es gerade gehört. Gott tritt in den Raum der Angst ein – und aus Angst wird Sendung.
Johannes erzählt Pfingsten anders als die Apostelgeschichte. Bei Lukas ist die Rede von Sturm und Feuer, von Sprachengewirr und Sprachenwunder. Johannes' Bericht ist stiller, dichter, innerlicher: Da ist ein verschlossener Raum, Jünger, die Angst haben, und Jesus, der plötzlich mitten unter ihnen steht. Kein Spektakel, kein Lärm, nur seine Anwesenheit. Und doch ist dies Pfingsten in seiner reinsten Form: Gott wird erfahren als Geist, als Leben, das hineinweht in das, was erstarrt ist.
Romano Guardini sagt: Hier wird das Christentum in seinem Kern sichtbar, nicht als Theorie, sondern als Begegnung. Jesus kommt nicht als Idee, er kommt als Du. Und dieses Du verändert die Person. Thomas Merton würde hinzufügen: Kontemplation ist die Kunst, diese Gegenwart nicht zu übersehen mitten im Alltäglichen, mitten im Verschlossenen. Oder Meister Eckhart: Der Geist Gottes ist nicht fern; er ist im Grund der Seele, und wenn er atmet, wird der Mensch neu geboren.
Die Naturwissenschaft erinnert uns – als Kontrast – wie gewaltig die Welt mit ihrer Gesetzmäßigkeit ist und wie erstaunlich es bleibt, dass in dieser Welt der „Atem“ nicht nur ein biologischer Vorgang ist, sondern Zeichen einer tieferen Wirklichkeit.
„Am Abend… die Türen waren aus Furcht verschlossen“. Die Jünger sitzen hinter verschlossenen Türen und fürchten sich. Das ist der Ort, an dem sich Pfingsten ereignet.
Als verschlossenen Raum kann man auch einen Raum in unserem Inneren verstehen, in den wir niemand hineinlassen. Es gibt Räume, in die wir uns verkriechen, weil wir verletzt sind; Räume, in denen wir uns klein machen, weil wir Angst haben; Räume, in denen wir zwar „funktionieren“, innerlich aber nicht mehr offen sind.
Wir können eine Müdigkeit und Überforderung unserer Zeit feststellen, die oft zu innerem Rückzug führt. Nicht unbedingt aus Feigheit, sondern aus Erschöpfung: Man kann nicht mehr. Man macht zu. Man schützt sich. Man lebt hinter Türen: hinter Profilen, hinter Rollen, hinter Abwehr.
Aber genau dort, sagt Johannes, beginnt Pfingsten – nicht im offenen, starken Zustand, sondern im Verschlossenen. Der Geist kommt nicht als Belohnung für den Helden, sondern als Rettung für den Verängstigten.
Jesus steht mitten unter ihnen im verschlossenen Raum. Die Türen sind zu – doch Christus ist da.
„Friede sei mit euch“.
Friede ist nicht die Ruhe nach der Lösung aller Probleme. Auseinandersetzungen gibt es nach wie vor. Die Gefahren sind nicht weg. Die Wunden sind noch da. Und doch sagt Jesus „Friede“.
Das zeigt, was sein Friede ist – nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern die Gegenwart Gottes. Friede als Grundbeschaffenheit. Friede als Halt.
Jesus zeigt den Jüngern seine Hände und seine Seite, seine Wunden. Der Auferstandene ist nicht „unverwundet“. Er ist verwandelt mit seinen Wunden. Das ist das Entscheidende. Der Friede Christi leugnet den Schmerz nicht, sondern nimmt ihn in seinen Frieden hinein.
„Er hauchte sie an und sagte: Empfangt den Heiligen Geist.“
Im Schöpfungsbericht heißt es, dass Gott dem Menschen den Lebensatem einhauchte. Wenn Jesus die Jünger anhaucht, bedeutet das „Neuschöpfung“ oder „neues Leben“.
Dann folgt ein Satz, der erst einmal irritiert: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten.“
Das klingt nach Macht. Im Zusammenhang mit Pfingsten besagt das aber etwas ganz Anderes. Es beschreibt, wie die Gabe des Geistes sich auswirkt: Sie versöhnt. Sie schafft Beziehung neu. Sie öffnet die verschlossenen Räume.
Sünde ist im Kern nicht zuerst ein „Regelbruch“, sondern ein „Beziehungsbruch“ -Abbruch der Beziehung zu Gott, zum Mitmenschen, zu sich selbst. Vergebung ist daher Heilung der Brüche, Wiederherstellen von Beziehung. Der Geist macht die Kirche zur Trägerin dieser Wiederherstellung.
Unsere Zeit spricht viel von Moral und wenig von Vergebung. Sie urteilt viel und übt wenig Barmherzigkeit. Sie empört sich ständig und tut wenig, um wiederherzustellen. Pfingsten setzt hier ein ganz anderes Zeichen, nämlich den Geist, der aus angstvollen Menschen heilende Gemeinschaft werden lässt.
Gregor Gysi sagte, in der östlichen Bundesländern, wo der Glaube an Gott fast ganz geschwunden ist, sei die saure Moralvorstellung des Protestantismus noch in den Köpfen, auch ohne Gottesglaube. Deshalb urteilten die Menschen dort so schnell und hätten wenig Barmherzigkeit.
Zum Schluss können wir uns vielleicht fragen:
Wo sind meine verschlossenen Türen? Wo bin ich von Angst bestimmt? Wo mache ich zu – innerlich, emotional, geistlich? Wo gehe ich nicht mehr das Risiko ein, verletzt zu werden?
Wo habe ich mich in der Zurückgezogenheit eingerichtet?
Wo ist mein Herz verwirrt, zerrissen, überreizt? Was raubt mir den Atem? Was macht mich unfrei?
Wo brauche ich den Frieden Christi?
Es geht bei Pfingsten nicht darum, „sich besser zu fühlen“. Etwas wird anders. Ich kann hinausgehen, ohne mich zu verlieren. Ich kann dienen, ohne mich zu überfordern. Ich kann sprechen, ohne zu verletzen. Ich kann schweigen, ohne zu fliehen. Ich kann Vergebung üben, ohne die Wahrheit zu leugnen. Der Hauch Gottes ist leise – und er erschafft doch neu.
Amen.










