Abt Adalbert von Neipperg, ein Porträt eines Glaubenszeugen
Abt Adalbert, Karl Graf von Neipperg, am 31. März 1890 geboren, trat am 7. April 1911 in die Erzabtei Beuron ein. 1920 zum Priester geweiht, wurde er Novizenmeister und Dozent für Moral- und Pastoraltheologie an der ordenseigenen Theologischen Hochschule in Beuron.
Die großen Herausforderungen begannen im Jahr 1928. Der Erzabt schickte ihn als Prior nach St. Benediktsberg in Holland (Abtei Vaals bei Aachen), doch nur ein Jahr später – im Mai 1929 - ernannte er ihn zum ersten Abt der neu errichteten Abtei Neuburg.
Es war eine heikle Aufgabe, die der 39-jährige übernahm. Die Widerstände des mehrheitlich liberalen Heidelberger Bürgertums und des Kulturprotestantismus gegen die Klostergründung waren enorm. Eine wahre Medienschlacht wurde geschlagen. So gehörte es zu den ersten Aufgaben des neuen Abtes, sich um Versöhnung und Akzeptanz des Klosters in der Heidelberger Öffentlichkeit zu bemühen, was ihm Dank seines einnehmenden Wesens und seines rhetorischen Talents auch rasch gelang. In Vorlesungen und Ansprachen vor kleineren akademischen oder kirchlichen Kreisen wusste er seine Zuhörerinnen und Zuhörer ebenso in seinen Bann zu schlagen wie bei seinen großen Reden vor Zehntausenden bei Kirchentagen, Papstfeiern und ähnlichen Anlässen. Bald musste man in Neuburg an hohen Feiertagen Eintrittskarten für die Klosterkirche ausgeben, um der Ströme der Gottesdienstbesucher, die den Abt predigen hören wollten, Herr zu werden.
Ein besonderes Anliegen Abt Adalberts war die Jugend. Er begleitete etliche Jugendverbände, hielt Exerzitien, initiierte auch Neugründungen. Er wusste um die inneren Nöte und Kämpfe der Jugendlichen und verstand es, ihre Sprache zu sprechen.
Trotz dieser guten Voraussetzungen kam es schon sehr bald zu Spannungen zwischen Abt und Mönchen. Da waren zum einen finanzielle Gründe. Der Ankauf des Stiftes in wirtschaftlich schwerer Zeit hatte die Erzabtei überfordert. Die Neugründung war bis in die fünfziger Jahre mit enormen Schulden und Hypotheken belastet. Hinzu kamen die Inflationszeit und die hohe Arbeitslosigkeit, die einen Absatz der landwirtschaftlichen Produkte erschwerten. Die drastischen Sparmaßnahmen im Kloster führten auch zu einer äußerst kargen Ernährung und der bohrende Hunger wiederum war eine dauernde Quelle des Unmutes im Konvent.
Dazu kamen nun wieder gehäuft gesundheitliche Einbrüche des Abtes wegen seiner Arbeitsüberlastung sowie personelle Querelen. Die kleine Mönchsschar konnte die großen Anforderungen, die an die einzige Abtei auf badischem Boden gestellt wurden, schwerlich erfüllen. Eine Gruppe von Adeligen im Kloster sorgte zusätzlich für Rivalitäten und Intrigen.
Doch wirklich entscheidend für die Resignation des Abtes 1934 scheinen die unterschiedlichen Vorstellungen über das pastorale Wirken der Mönche und besonders des Abtes gewesen zu sein. Abt Adalbert hatte von Anfang an erklärt, dass der Orden sich „nicht in stiller Beschaulichkeit und Abgeschlossenheit“ in Heidelberg niederlassen, sondern zum Heil der Seelen wirken wolle. Doch gerade die seelsorgliche Aktivität, die den Abt außerhalb des Klosters so bekannt und beliebt machte, stieß im Kloster auf Kritik. Die Mönche wollten sich lieber zurückziehen und erwarteten auch von ihrem Abt mehr Stabilitas und asketisches Leben.
Nach einer außerordentlichen Visitation bat Abt Adalbert 1934 schweren Herzens in Rom um die Entbindung von seinem Amt. Da die Bitte vom Erzabt unterstützt wurde, stimmte Rom nach langen Wochen des Zauderns zu. Dieses Zögern ist sicher auch ein Beweis dafür, dass die stürmischen Eingaben mit einigen Tausend Unterschriften von Heidelbergern, die den beliebten Abt nicht ziehen lassen wollten, in Rom Eindruck gemacht haben.
Inzwischen hatten die Nationalsozialisten Einfluss auf die Lage der Abtei genommen. Der Abt war ihnen ein Dorn im Auge, weil er mit seinem Charisma die Jugend in seinen Bann zog. Außerdem hatte Abt Adalbert auch oft vor den Nationalsozialisten gewarnt.
Obwohl es dann nach der Resignation doch nicht zu einem Prozess kam, hielt es die Ordensleitung für geboten, dass Abt Adalbert rasch das damalige Reichsgebiet verließ. Die Klöster Seckau und Bertholdstein in Österreich wurden seine nächsten Lebensstationen, wo er auch wieder in ungezählten Aufgaben als Seelsorger aufging.
1938 - nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich - floh Abt Adalbert über die nahe Grenze nach Jugoslawien. Dort konnte er im Schloss zu Windisch-Feistritz bei einem Jugendfreund unterkommen und übernahm nach der Vertreibung aller slowenischen Priester durch die deutschen Besatzungsbehörden die Seelsorge für zwei ausgedehnte Pfarreien. Im Laufe des Krieges kam noch die Versorgung von Gebirgsdörfern dazu. Diese lagen teilweise im Partisanengebiet. Abt Adalbert war unerschrocken genug, stundenlange Versehgänge zu Sterbenden – im Winter durchaus auch bei zwei bis drei Metern Schnee – zu unternehmen, selbst wenn das ganze Berggebiet von den Deutschen zur Sperrzone erklärt worden war und Tiefflieger kamen.
Als die Bombardierung durch die Alliierten begann, ließ er sich zum Sanitäter ausbilden, um beim Rettungsdienst den Schwerverletzten und Sterbenden Beistand leisten zu können. Die Seelsorgsarbeit für ungezählte Menschen – in einem Jahr hatte er alleine Tausend Firmlinge vorzubereiten - unter den erschwerten Bedingungen des Krieges forderte von ihm auch physisch viel Kraft. Die labile Gesundheit, die ihm ein Leben lang zu schaffen machte, ließ ihn auch nun immer wieder seine Grenzen erfahren. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, vor den immer näher kommenden sowjetischen und bulgarischen Truppen über die Grenze zurück nach Österreich zu entkommen, aber er wollte erst weichen, wenn er die Pfarrei einem slowenischen Geistlichen übergeben hätte. Deshalb suchte er erst mit den letzten abziehenden deutschen Truppen am 9. Mai 1945 die Grenze zu erreichen, wurde jedoch dabei von Partisanen gefangen genommen.
Nun begann der Leidensweg des Abtes, der über drei Jahre dauern sollte. In einem elftägigen Viehwaggontransport kam er ins Offiziersgefangenenlager in Werschetz. Dort schliefen die Männer auch im Winter auf nacktem Zementboden. Quälender Hunger und Durst prägten die Tage und Nächte. Die Gefangenen starben zu Hunderten. Wenn der Leiterwagen mit den Toten, denen die frierenden Überlebenden noch die letzten Habseligkeiten und Kleidungsstücke genommen hatten, das Lager in Richtung Massengrab verließ, war Abt Adalbert oft der einzige, der diesen traurigen Transport begleitete.
Wichtig war ihm, den Lebenden Hoffnung zu machen. Obgleich ihn selbst im Lauf der Gefangenschaft Ruhr, Lungenentzündung, Diphterie und dann auch noch Tuberkulose heimsuchten, muss Abt Adalbert durchgehend unerschütterlichen Mut ausgestrahlt haben. Die Kriegsgefangenen bewunderten insbesondere die mitreissende Heiterkeit des Abtes. Heimkehrer berichten später, wie er körperlich vollkommen erschöpft auf der Schulter von Kameraden von seinem Lager zur Latrine gebracht wurde - und dennoch ein unüberwindbares, strahlendes Lächeln im Gesicht hatte. Viele, die verzagen wollten, waren beschämt, wenn sie sahen, wie er sein Schicksal ertrug, fassten aber auch wieder Mut ob dieses Vorbildes.
Sobald sein körperlicher Zustand es zuließ, begann Abt Adalbert Gottesdienste zu feiern. Es gab Andachten im Freien, Vorträge und Predigtreihen, später auch Eucharistiefeiern. Gerade nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus half der Abt durch die Verkündigung des Wortes Gottes in den großen interkonfessionellen Gottesdiensten all jenen, denen ihre braune Scheinwelt zusammengebrochen war. In dieser Zeit begann er auch mit einigen evangelischen Geistlichen zusammenzuwirken; immer wieder wird berichtet, wie selbstverständlich er in der gesamten Lagerzeit ökumenisch wirkte.
1948 besserte sich die Situation im Gefangenenlager allmählich. Im Sommer bekam Abt Adalbert Ausgeherlaubnis, die er allerdings erst nutzte, als man ihm zugestand, im Habit das Lager zu verlassen. Dieses Mönchsgewand hatte er in all den Jahren stets getragen. Er legte damit Zeugnis ab für den, dem er als Mönch Nachfolge gelobt hatte.
Die Repatriierung rückte näher, Jugoslawien hatte sich mit den anderen Gewahrsamsmächten verpflichtet, alle Kriegsgefangenen bis Ende 1948 zu entlassen. So war die Adventszeit in diesem Jahr für die Kriegsgefangenen mit Abt Adalbert eine Zeit gespannter Hoffnung. Das Weihnachtfest sollte besonders feierlich gestaltet werden. Deshalb ging der Abt am Vormittag des 23. Dezember in die Stadt, um Besorgungen zu machen. Von diesem Ausgang ist er nicht mehr zurückgekehrt.
Bereits am Weihnachtstag kursierte das Gerücht im Lager, der Abt sei ermordet worden; Schweine hätten den Leichnam in einem Misthaufen frei gewühlt. Über alle näheren Umstände gibt es verschiedene Aussagen, doch war der unbekleidete Tote in der Friedhofskapelle aufgebahrt worden, wo viele Bürger von Werschetz die stadtbekannte Erscheinung des Abtes rasch identifiziert hatten. Drei Kriegsgefangene, die außerhalb des Lagers arbeiteten, sahen den Toten ebenfalls und berichteten später von Spuren schlimmer Misshandlungen. Die Kehle war durchgeschnitten, Abt Adalbert ermordet worden. Zwar werden die Täter dieses Verbrechens wohl nie mehr gefunden werden, aber für die Gefangenen war ganz klar, wer diese Tat zumindest initiiert hatte. Einer drückte es so aus:
„Dass er so sterben würde, hat mir eine geheime Angst schon vorher gesagt. War doch ‚unser Abt’ einer von denen, die leider von der Gerichtspraxis des Balkans zu viel am eigenen Leibe haben erfahren müssen. Er wusste zu viel von Dingen, die keine Zeugen vertragen. Außerdem sah man in ihm einen Exponenten der verhassten römisch-katholischen Kirche, deren Einfluss man fürchtete. Er starb als Märtyrer des Beichtgeheimnisses.“
Abt Adalbert von Neipperg wird von Vielen als Märtyrer verehrt. Sein Name steht im von Papst Johannes Paul II. angeregten Martyrologium des 20. Jahrhunderts.













