Wie wird man Benediktiner?
Das Mönchtum ist kein Beruf wie Schreiner oder Lehrer, sondern eine Lebensform wie die Ehe. Zum Mönch muss man berufen sein. Der Rufende ist Gott selbst. Ist jemand am Klosterleben in Neuburg interessiert, wird er zunächst eingeladen, eine gewisse Zeit als Gast am Gebet und der Arbeit der Brüder teilzunehmen.
Als Voraussetzungen für den Klostereintritt nennt Benedikt vor allem die grundsätzliche Bereitschaft, das ganze Leben in den Dienst Gottes zu stellen, die Sehnsucht, ihm zu begegnen. „Ob einer wirklich Gott sucht“ (RB 58,7) heißt es bei Benedikt, ist das Kriterium, nach dem der Novize geprüft werden soll. Benediktinische Gottsuche schließt die Freude am Gotteslob ein, die von einem lebendigen Glauben getragen und in Gemeinschaft gelebt wird. Dazu soll der Kandidat über ausreichende körperliche, geistige und seelische Gesundheit verfügen.
Tritt der Kandidat ein, beginnt für ihn eine Probezeit, die in mehreren Stufen verläuft und in der Regel ungefähr viereinhalb Jahre dauert. Der Schwerpunkt der klösterlichen Ausbildung liegt auf der Intensivierung des geistlichen Lebens. Der Neueingetretene erhält Hilfen für den Mitvollzug des Chorgebets, dazu gehört auch Unterricht im Choralgesang. Das persönliche Gebet und die Vertrautheit mit der Hl. Schrift werden vertieft. Die Regel Benedikts will erschlossen und als gemeinsame Lebensordnung angeeignet werden. Auf dem Stundenplan eines Postulanten und Novizen stehen auch Fragen der katholischen Glaubenslehre, der Mönchs- und Kirchengeschichte.
Die Gelübde: Was ein Benediktiner bei der Profess verspricht
„Ich, Bruder N. N., gelobe feierlich Beständigkeit, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam nach der Regel unseres hl. Vaters Benediktus im Kloster des hl. Bartholomäus zu Neuburg vor Gott und seinen Heiligen, vor dem Abt N. N. und den Mönchen dieses Klosters und allen, die hier versammelt sind“.
Eigenhändig geschrieben, verliest er die Urkunde in der Eucharistiefeier, zeigt sie der versammelten Gemeinde, unterzeichnet sie und legt sie auf den Altar. Danach singt er dreimal das alte benediktinische Professlied, aus Psalm 119, 116, das Suscipe: „Nimm mich auf, o Herr, dann werde ich leben. Lass mich in meiner Hoffnung nicht scheitern.“ Die Gemeinschaft wiederholt diesen Gesang dreimal und bezeugt damit ihren Willen, den Profitenten als Bruder anzunehmen und ihm im gemeinsamen klösterlichen Leben Halt und Hilfe zu geben.
„Beständigkeit, klösterlicher Lebenswandel und Gehorsam“, „stabilitas in congregatione, conversatio morum et oboedientia“, sind die drei Aspekte des einen Gelübdes: Unter der Führung des Evangeliums und der Regel Benedikts „die Wege des Herrn zu laufen“, „Christus überhaupt nichts vorzuziehen“, in seiner Nachfolge Gott und den Menschen zu dienen.
Nicht „Armut, Keuschheit und Gehorsam“, die auf die franziskanische Tradition zurückgehen, werden in den monastischen Orden ausdrücklich versprochen, sondern die Akzente liegen ein wenig anders.
Das Gelübde der Beständigkeit ist eine Eigenheit des benediktinisch geprägten Mönchtums. Zu seiner Zeit, der Zeit der Völkerwanderung, hatte Benedikt deutlich die Gefahren vor Augen, die auch heute wieder sehr ausgeprägt sind: ein ungebundenes Leben führen zu wollen und eine andauernde Suche nach noch besseren Gelegenheiten. Mönche, die von einem Kloster zum anderen ziehen, versäumen es, Wurzeln zu schlagen und in die Tiefe zu wachsen. Sie halten sich Möglichkeiten offen, Schwierigkeiten einfach aus dem Weg zu gehen. Damit sind sie nicht wirklich innerlich frei, sondern bleiben in den Grenzen ihres eigenen Ichs gefangen. Das klösterliche Leben will aber über diesen engen Horizont hinausführen in die „Freiheit der Kinder Gottes“.
Beständigkeit hat mit Treue zu tun. Die bei der Profess übernommene Lebensform - immer in derselben Gemeinschaft am immer selben Ort - erwächst aus der Treue Gottes zu den Menschen, die jeder in seinem Leben schon erfahren hat. Sie schließt das uneingeschränkte Ja zu den Mitbrüdern ein. Das Versprechen der Beständigkeit ist ein Ausdruck des Vertrauens und der Hoffnung auf Gottes Hilfe „in guten und in bösen Tagen“.
Benedikt nennt den Mönch „Bruder“. Alle feiern gemeinsam den Gottesdienst, arbeiten miteinander und füreinander, „gehorchen sich gegenseitig“, „dienen einander in Liebe“. Dabei gilt die alte Weisheit: Nur wer mit sich selbst in Einklang lebt, lebt auch im Einklang mit den anderen.
Individualismus, ein Mangel an Bindungsfähigkeit und eine übergroße Selbstbezogenheit gehören zu den Schwachpunkten des gemeinsamen Lebens. Diese Schwierigkeiten werden von Benedikt nicht verschwiegen. Aber Benedikt ermuntert die Mönche, ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen mit großer Geduld zu ertragen (RB 72,5). Für Benedikt ist echte Liebe nichts Spektakuläres, sondern sie zeigt sich in der Rücksichtnahme auf andere und in der Geduld im Umgang miteinander.
Das gemeinsame Leben ist bei Benedikt von einer großen Ehrfurcht vor dem anderen geprägt. Auch die Schwierigkeiten, die ein gemeinsames Leben unweigerlich mit sich bringt, sind wichtig für den Reifungsprozess. Die Mönche sind füreinander verantwortlich und gehen unseren je individuellen Weg zu Gott in der Gemeinschaft der Brüder, die sich darin gegenseitig unterstützen.
Der klösterliche Lebenswandel wurde immer als der grundlegende und wichtigste Teil des Mönchsgelübdes verstanden. Der lateinische Begriff conversatio morum ist nicht leicht zu übersetzen. Er umschreibt eine Lebensführung, deren eigentliche Regel aus dem Evangelium besteht. Damit erscheint das Mönchsgelübde als Konkretisierung und Intensivierung des Taufversprechens, dessen Inhalt die Absage an das Böse und die Hinkehr zu Gott ist. Die Berufung, in der Gemeinschaft mit Gott, nach seinem Willen zu leben, ist allen Getauften gemeinsam. Die konkreten Wege zu diesem Ziel sind verschieden.
Christliches Mönchtum schließt den Verzicht auf Ehe und Besitz um des Himmelreiches willen ein. Er steht in der Tradition der Mönchsbewegung, in der Männer und Frauen, „denen die Liebe zu Christus über alles geht“, sich ganz auf ihn ausrichten. In dieser Erwartung stellen sie sich der Herausforderung, auf die Erfüllung zu verzichten, die ein Partner und die eigene Familie bedeuten können.
Das Wort Mönch kommt von „monachus“. Er ist einer, der allein lebt, der sich abgesondert hat, um allein Gott zu suchen. Diese intensive Gottsuche setzt eine ehrliche Selbstbegegnung voraus, will den Gottsucher zu einer inneren Freiheit führen.
Gott im Innersten seines Herzens zu suchen ist der Weg zu sich selbst, zu seiner Wahrheit auf dem Grund seines Herzens. Hier kommt ihm Gott immer schon entgegen, denn er ist in seinem Herzen, „in meinem Seelengrund“, wie es der Mystiker Johannes Tauler umschrieben hat.
Die junge Gemeinde von Jerusalem, in der Benedikt das Modell seiner Klostergemeinschaft sieht, ist wesentlich durch die Gütergemeinschaft gekennzeichnet: „Alle hatten alles gemeinsam“ Apg 4,32.
Die Christen sind „einer in Christus“, das heißt, sie haben alle die gleiche Würde der Gotteskindschaft. Das gemeinsame Eigentum des Klosters ist eine Form, dieses neue Sein auszudrücken. Die Brüder sollen durch den Verzicht auf privaten Besitz frei werden vom Streben nach einer Erfüllung, die doch immer vorläufig bleiben muss. Ihr Reichtum sind Gott und die geschwisterliche Gemeinschaft, in der sie ihn suchen. Die Benediktsregel verpflichtet den Abt, Sorge zu tragen, dass alle die ihnen notwendigen Dinge erhalten. Den Mönchen legt sie ans Herz, den eigenen Wünschen gegenüber wachsam zu sein und bescheiden zu bleiben.
Deshalb gehören der Erlös ihrer Arbeit sowie Geschenke der ganzen Gemeinschaft und können auch zur Unterstützung bedürftiger Menschen verwendet werden.
Das dritte Element der monastischen Profess ist das Gelübde des Gehorsams. In unserer Zeit erscheint oft gerade diese Verpflichtung problematisch. Widerspricht sie nicht der Würde des zur Freiheit berufenen Menschen? Welchen Nutzen soll es haben, auf den eigenen Willen zu verzichten?
In der Überlieferung des Mönchtums liegt auf dem Gehorsam ein besonderes Gewicht. Zunächst ist er stets neue Einübung in die Lebenshaltung Jesu. Er ist in die Welt gekommen, nicht den eigenen Willen, sondern den Willen seines Vaters zu erfüllen. Durch seinen Gehorsam bis in den Tod hat er uns den Weg in die wahre Freiheit eröffnet. Wenn wir uns an ihn halten, unterliegen wir nicht mehr dem Zwang zu einer Selbstverwirklichung, die sich, auch auf Kosten der Mitmenschen, um jeden Preis durchsetzen muss.
Als Benediktiner geloben wir, die Weisungen des Abtes anzunehmen und zu befolgen, weil er im Kloster die Stelle Christi vertritt. Der Gehorsam gilt darüber hinaus auch den Mitbrüdern. In allem, was uns begegnet, was von uns gefordert wird, suchen wir die Stimme Gottes zu hören und seinen Willen zu erkennen. Weil wir auf sein Wort vertrauen, können wir eigene Pläne und Vorstellungen freigeben und uns seiner Führung überlassen.
So heißt es im ersten Wort der Benediktsregel: „Höre“, „Höre hin“, „lausche“. „Neige das Ohr deines Herzens“, so charakterisiert Benedikt die Haltung des Hinhörens. Benedikt weiß um eine ganzheitliche, auch emotionale Hörbereitschaft. Wir vernehmen Gott in unserem Gewissen, wenn wir in uns hineinhören. Denn so weiß uns Benedikt zu sagen: „In seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben“ (RB Prolog 20).
Der verstorbene Abt Georg Holzherr von Einsiedeln schreibt zusammenfassend, dass Benedikt den Gehorsam als „Gut“ bezeichnet, „weil authentischer Gehorsam unter den Menschen Frieden stiftet und sich letztlich am Gehorsam Jesu gegenüber seinem Vater orientiert. So führt er in eine heilige und wohltuende Ordnung hinein. Benedikt fordert die Brüder auch auf, einander gegenseitig zu gehorchen, damit sich eine solidarische Gemeinschaft entwickelt. Ihr Kern ist die apostolische Bruderliebe. Ihr Ziel ist der „Friede“ im Zusammenleben.“
Beständigkeit, klösterlicher Lebenswandel und Gehorsam sind Haltungen, die keinem Menschen angeboren sind. Sie zu verwirklichen, ist eine Aufgabe, die bis ans Lebensende bestehen bleibt. Jeder Bruder geht dabei durch Höhen und Tiefen, erlebt Tage der Freude und Dankbarkeit, aber auch Zeiten der Trauer, der immer wieder erfahrenen eigenen Begrenztheit. Der Glaube an Gottes Treue und die Ermutigung, die in der Gemeinschaft erfahren wird, ermöglichen jeden Tag einen neuen Anfang.













