Christi Himmelfahrt

14.05.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Christi Himmelfahrt,  Matth 28,16–20

P. Ambrosius Leidinger, 14.05.2026

Meine lieben Schwestern und Brüder!
 
Christi Himmelfahrt ist eines der am meisten missverstanden Feste des Kirchenjahres. Zu leicht klingt es nach Rückzug, nach Entschwinden, nach einem Gott, der sich aus der Welt verabschiedet.
Doch das Evangelium erzählt etwas ganz anderes. Es erzählt nicht von Abwesenheit, sondern von einer veränderten Form der Gegenwart.
Jesus geht nicht weg. Er entzieht sich nur unserer Vorstellung, als ob wir Gott festhalten könnten.
Die Jünger gehen auf den Berg. Aber bei weitem sind nicht alle von Jesus überzeugt, nicht alle sind seiner sicher. Der Evangelist sagt nüchtern: Einige aber zweifelten.
Der Auferstandene steht vor ihnen und dennoch bleibt der Zweifel. Die Bibel beschönigt nichts – das macht ihr Zeugnis so kostbar. Glaube ist kein Zustand absoluter Gewissheit. Glaube ist eine Beziehung, die trotz aller Zweifel hält. Die Jünger werfen sich nieder. Und sie zweifeln. Beides zugleich.
Das ist vielleicht die reifste Form des Glaubens: sich Gott anzuvertrauen, ohne alle Fragen beantwortet zu bekommen. Christlicher Glaube duldet diese Ambivalenz, beruht auf dieser Ambivalenz.
Die Jünger beten an. Und sie zweifeln. Glaube ist eine Spannung, die ausgehalten werden will.
Hier berührt sich das Evangelium mit unserer monastischen Tradition, mit einer Einsicht der Wüstenväter Ägyptens.
Abba Antonius sagt es so: „Wo es keinen Kampf gibt, gibt es keinen Weg zu Gott.“
Jesus spricht von Macht. Wir denken direkt an politische oder militärische oder ideologische Macht. Wir leben in einer Epoche, in der Macht vor allem auch durch Transparenz ausgeübt wird, in dem Meinungsschlachten im Internet ausgefochten werden, ob es stimmt oder nicht.
Die Macht Jesu wirkt anders. Sie verzichtet auf Sichtbarkeit. Jesus verzichtet auf Überwältigung.
Jesu Macht ist die Macht der Beziehung, die Leben ermöglicht, die nicht unterwirft, sondern vielmehr freisetzt, innere Freiheit schenkt, Geborgenheit schenkt.
Christentum ist kein System, das man verwaltet, auch wenn manche hohen Herrn in den Ordinarien das meinen. Christentum ist eine Bewegung, die man lebt. Taufe heißt nicht: jemanden festlegen, festbinden an Christus. Sondern: jemanden in Beziehung zu Jesus bringen.
„Geht zu allen Völkern.“ Auch hier handelt es sich um keinen Herrschaftsbefehl. Jesus hinterlässt kein System, keine Verwaltung, keine Sicherheitsstruktur. Er hinterlässt Menschen, die mit ihm in Beziehung stehen. Diese Einsicht war dem heiligen Benedikt besonders wichtig.
Benedikt fordert keine ständige Kontrolle, sondern ihm geht es um Verantwortung in den täglichen Dingen: Stabilität, Maß, Wachheit. Gott ist nicht dort, wo alles geregelt ist. Er ist dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen.
„Lehrt sie, alles zu halten, was ich euch geboten habe.“
Die Jünger sollen lehren, nicht belehren, was Lehrer so gerne tun. Es geht nicht darum, alles zu wissen, alles zu verstehen. Das Evangelium ist kein Katalog von Antworten. Es ist eine Lebenspraxis.
Noch einmal die Wüstenväter. Sie wussten: Wahrheit ist nichts, was man besitzt. Sie ist etwas, was man lebt.
Abba Poimen etwa sagt: „Ein Wort überzeugt nur, wenn es Fleisch geworden ist.“
Und dann der entscheidende Satz Jesu. Es ist der letzte Satz des Matthäusevangeliums: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Nicht sichtbar. Nicht beweisbar. Aber gegenwärtig. Meister Eckhart formuliert diese paradoxe Nähe so: „Gott ist da, wo man ihn nicht festhalten kann.“
Himmelfahrt ist kein Weggehen Jesu. Gott zieht sich nicht zurück, aber er traut uns zu, ohne ihn festzuhalten, unser Leben an ihm zu orientieren und zu gestalten.
Die Welt bleibt unfertig. Gefährdet.
Christi Himmelfahrt sagt: Das ist kein Mangel, sondern der Raum, in dem Verantwortung möglich wird.
In diesem Sinn schreibt Simone Weil: „Gott zieht sich zurück, damit der Mensch handeln kann.“
„Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Nicht: wenn ihr erfolgreich seid. Nicht: wenn ihr alles richtig macht. Ich bin bei uns alle Tage. Auch die müden. Auch die zweifelnden.
Himmelfahrt bedeutet: Jesus ist nicht mehr an einen Ort gebunden. Er ist gegenwärtig in allen Zeiten. Deshalb ist Christi Himmelfahrt kein Loch im Himmel.
Christi Himmelfahrt heißt: Gott bleibt – unsichtbar, aber wirksam. Und die Welt wird uns von ihm anvertraut.
Amen
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater