Weltuntergang
16.11.2025 |
Predigt | Lesejahr C 33. Sonntag | Lk 21-5-19
P. Ambrosius Leidinger, 16.11.2025
gehalten in der Abteikirche
Liebe Schwestern und Brüder!
Wie der Herbststurm dieser Tage viele Blätter von den Bäumen fegte, so geht ein Sturm der Verwüstungen durch die Zeilen des heutigen Evangeliums, der alles hinwegfegt. Weltuntergangsszenarien werden beschworen. Der Text ist voller Unruhe: Kriege. Aufstände. Erdbeben. Verfolgung. Alles, was uns ängstigt, wird genannt. Aber Jesus sagt am Ende: „Kein Haar von eurem Haupt wird verloren gehen. Durch euer standhaftes Ausharren werdet ihr das Leben gewinnen.“ Und als er das sagt, sitzt er wahrscheinlich mit seinen Jüngern auf dem Ölberg gegenüber von Jerusalem und schaut herab auf die Stadt. In Jerusalems Mitte auf dem Berg Morija, stand der Tempel Gottes, dort wo heute die goldene Kuppel des Felsendomes leuchtet. Wir wissen aus den Psalmen: Wenn die Wallfahrer nach Jerusalem pilgerten und oben auf dem Ölberg ankamen, dann haben sie Psalm 122 gesungen: „Jerusalem, du große Stadt, dicht gebaut und fest gefügt.“ Vom Ölberg herabblickend, den riesigen Tempel vor Augen, weisen seine Jünger ihn darauf hin: die Jünger schauen auf das, was glänzt. Auf das, was Menschen erbaut haben – fest, erhaben, schön. Sie sagen: „Meister, sieh nur, was für Steine, was für Weihegeschenke!“ Aber Jesus antwortet nicht mit Bewunderung. Er antwortet mit einem Satz, der wie ein Hammerschlag klingt: „Täuscht euch nicht. Von allem, was ihr da seht, wird kein Stein auf dem anderen bleiben; alles wird niedergerissen.“
Es hat keine vierzig Jahre gedauert, im Jahr 70 nach Christus, da steht der römische Feldherr Titus, der spätere Kaiser, mit einem riesigen Heer vor Jerusalem. Er belagert die Stadt, nimmt sie ein, und die ganze Stadt wird dem Erdboden gleichgemacht. Auch der Tempel wird niedergerissen. Es ist buchstäblich kein Stein auf dem anderen geblieben. Eine einzige Fundamentmauer des Tempels blieb übrig, die heutige so genannte Klagemauer. Das konnte sich niemand vorstellen. So ein Sturm, der so vieles hinwegfegt, scheint auch durch unsere Gesellschaft und besonders durch unsere Kirche zu gehen, vieles hat keinen Bestand mehr. Was sich da nach außen hin offenbart, ist in den Herzen vieler Menschen schon geschehen. Ein Sturm in den Herzen hat getobt, der die christliche Botschaft bei so vielen herausgefegt hat. Der christliche Glaube ist für so viele in ihrem Leben an den Rand gedrängt. In unserer so lauten und bunten und verwirrenden Welt mit ihrem großen Überfluss und gleichzeitig ihrer großen sozialen Not ist die lebendige Beziehung zu Christus verschüttet, das lebendige Gefühl, von Gott getragen zu sein. Jesus sagt: Ja, das alles kann geschehen, aber er bleibt nicht bei der Betrachtung der Katastrophe stehen und verharrt im Jammern, sondern alles läuft bei ihm auf den Schlusssatz des Evangeliums hin, der da inmitten des Katastrophenszenarios steht, wo es heißt: Euch wird kein Haar gekrümmt werden. Bleibt standhaft. Ihr werdet das Leben gewinnen.
So sind es drei Dinge, die inmitten der Erschütterung und Verunsicherung bleiben. Das Erste, - es klingt fast banal - was bleibt ist Gott selbst. Der ewige Gott und damit auch seine Schöpfung. Gott, der einmal am Schöpfungsmorgen zur Welt Ja gesagt hat, kann dieses Ja nicht zurücknehmen, er würde sich ja selbst widersprechen. Sein ewiges Ja zur Welt bleibt bestehen. Jesus ist kein Weltuntergangsprophet, sondern er ist Gottes Sohn, der Retter der Welt, und er bleibt es in alle Ewigkeit. Wir Christen erwarten Christi zweite Ankunft, bei der alles endgültig zu Gott heimgeführt wird. Ein Zweites, was bleibt, ist Gottes Wort. Jesus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Was Gott gesprochen hat, ist Wirklichkeit. Das „Gott sprach, und es ward“ des Schöpfungsberichtes sind nicht zwei Vorgänge hintereinander, sondern bei Gott ein Vorgang, den wir in unser Erfahrung gar nicht ausdrücken können. Was Gott sagt, ist unvergängliche Wirklichkeit. Und das Dritte, was bleibt, - das klingt vielleicht jetzt merkwürdig angesichts dessen, was ich eben sagte. Das Dritte, was bleibt, ist die Kirche. Nicht die aktuelle Organisation Kirche; da gibt es vieles, was vergeht, - wir sehen es vor unseren eigenen Augen. Aber Jesus hat zu Petrus gesagt, „Du bist der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Und die Pforten der Hölle werden diese Kirche nicht zerstören“, weil diese Kirche eben nicht nur eine Organisation ist, sondern weil diese Kirche der Leib Christi selbst ist. In dieser Kirche, die so viele Schwächen hat, deren Organisation im Augenblick in die Knie geht, lebt die Kraft Gottes, weil diese Kirche der Leib Christi ist. Und dieser Leib Christi sind wir alle.
Meine lieben Schwestern und Brüder! Diese gegensätzlichen Erfahrungen von äußeren Schwierigkeiten und der gleichzeitigen Anwesenheit Gottes war immer das große Thema der Mystiker. Meister Eckart, einer der großen spirituellen Lehrer des 13. Jahrhunderts, beschreibt diese Grundgegebenheit unserer Seele. Er sagt: „Gott ist in uns daheim – wir sind in der Fremde.“ „Gott ist in uns daheim“. Ein Trostwort. „Wir sind in der Fremde“. Ein Klagewort. Freude und Klage. Dieses Wort ist so etwas wie eine gläubige Definition des Menschen. Diese Erfahrung: Gott ist in uns daheim hat der große Theologe Karl Rahner „die innerste Mitte des christlichen Daseinsverständnisses“ genannt. „Gott“, so Rahner in seiner Theologensprache, „hat nicht in irgendeiner Offenbarung etwas über sich selbst gesagt, sondern er hat sich zum innersten Konstitutivum des Menschen selbst gemacht… Das Innerste des Menschen ist die Selbstmitteilung Gottes.“ Einfacher gesagt: Ohne Gott gäbe es den Menschen nicht. Ohne dass Gott uns in unserem Innersten hielte, könnten wir gar nicht existieren. Und gleichzeitig sind wir in der Fremde. Von Gertrud von Le Fort habe ich mir einen Satz behalten: „Herr, es liegt ein Traum von dir in meiner Seele, aber ich kann nicht zu dir kommen“. Warum eigentlich? Warum sind wir in der Fremde? Was ist mit der Gotteserfahrung so schwierig? Dieser Gott, der in uns daheim ist, macht sich uns für uns selbst zur bleibenden Frage. Er macht uns zu Fragenden, die, solange wir leben, auf der Wanderung zu diesem Daheim sind, und damit zu unserem innersten Wesen. Aber es gilt auch das andere: Wir sind in der Fremde, weil wir an der Oberfläche bleiben. Wir sind in der Fremde, weil wir immer wieder von diesem Zuhause weglaufen. Der große schlesische Mystiker und Dichter der Barockzeit Angelus Silesius sagt: „Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo – du fehlst ihn für und für!“ Und wieder ein anderes: Wir sind in der Fremde, weil wir das eigene Ego, das große Ich zur Mitte unseres Lebenshauses machen wollen. D.h. weil wir Sünder sind! Denn Sünde ist, wo Gott nicht mehr in der Mitte ist.
Die brennende Frage bleibt: Was kann in uns diese verborgene Wirklichkeit Gottes wach halten, die unser eigentliches Zuhause ist? Was kann uns zur Standhaftigkeit befähigen? Als erstes: Innehalten! Das tun wir ja gerade jetzt in dieser Hl. Messe. Innehalten! Wer betet, hält inne! Zweitens: wir lesen es in der Nachfolge Christi des Thomas von Kempis: „Wer liebt, weiß, was diese Stimme ruft“. Wer liebt, lebt in der Nähe dessen, der als Liebe in uns wohnt. Es ist das ora et labora unserer benediktinischen Tradition, das bete und arbeite, d.h. das Sich-nach-Gott-ausrichten und dann das Lieben in der Tat, d.h. soziale Verantwortung zu übernehmen, jeder nach seiner Fähigkeit. Dann gilt uns in allen Stürmen des Lebens diese Verheißung: Ihr kommt durch. Ich bin bei euch, näher als euer Innerstes. Bleibt standhaft. Bleibt in der Liebe. Ihr werdet das Leben gewinnen.
Amen.










