Weihe der Lateranbasilika
09.11.2025 |
Predigt | Lesejahr C 32. Sonntag | Joh 2,13–22
P. Ambrosius Leidinger, 09.11.2025
gehalten in St. Elisabeth
Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium führt uns heute in eine konfliktgeladene Szene: Jesus stößt Tische um, treibt Händler hinaus, aber er öffnet den Blick. Er kämpft nicht gegen Steine, sondern gegen die Verwechslung – dass aus einem Ort der Gegenwart Gottes ein Markt wird. Und er sagt den Satz, der alles nochmals zuspitzt:
„Er aber sprach vom Tempel seines Leibes.“ (Joh 2,21)
Dieses Wort hören wir am Fest der Weihe der Lateranbasilika – der Kathedrale von Rom, „Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises“. Nicht Sankt Peter, sondern San Giovanni in Laterano ist der Stuhl des Bischofs von Rom. Das steht sogar über dem Portal der Kirche als Programm für die ganze Kirche. 1978 war ich als Student in Rom und konnte dabei sein, wie damals Papst Johannes Paul I. als Bischof von Rom eingeführt wurde. Die Inbesitznahme der Römischen Kathedra war ein eigener liturgischer Akt. Zwei Tage später war er schon gestorben. Die Basilika steht auf dem Gelände des antiken Lateranpalastes. 324, wenige Jahre, nachdem das Christentum als Staatsreligion anerkannt wurde im sogenannten Toleranzedikt von Mailand 313, wurde sie von Papst Silvester I. als erste öffentliche Kirche Roms geweiht. Sie ist der älteste große Kirchenbau des Westens. Ihre ursprüngliche Widmung gilt Christus, dem Erlöser; später traten Johannes der Täufer und der Evangelist als Mitpatrone hinzu.
Die Geschichte war bewegt: Zwei Brände im 14. Jahrhundert zerstörten große Teile des Komplexes; im 17. Jahrhundert ordnete Francesco Borromini den Innenraum neu, die heutige Fassade schuf 1735 Alessandro Galilei. Die Kirche wurde mehrfach erneuert – und blieb doch sie selbst. Zum Lateran gehört auch die Scala Sancta – die „Heilige Treppe“ gegenüber der Basilika, die der Überlieferung nach Helena, die Mutter Konstantins, aus dem Prätorium des Pilatus nach Rom bringen ließ. Bis heute steigen Pilger die Stufen auf den Knien empor – ein schlichtes eindrucksvolles Beten. Und noch ein rechtliches Detail: Die Basilika liegt mitten in der Stadt Rom, hat aber als Besitz des Heiligen Stuhls exterritorialen Status durch die Lateranverträge 1929. So ist sie sichtbares Zeichen für die Kirche mitten in der Welt – und doch Zeichen einer anderen Zugehörigkeit. Wenn Jesus die Händler aus dem Tempel hinaustreibt, dann nicht aus einem moralischem Affekt, sondern aus Eifer. Er will Raum schaffen, Raum schaffen, damit Gott als Gott erfahren werden kann. Der Tempel ist kein Museum, auch keine Eventhalle, kein Marktplatz. Johannes legt aus: Der wahre Tempel ist Christus. Seit Ostern ist Gottes Nähe nicht mehr an Mauern gebunden; sein Leib ist der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren.
Aber Kirchen aus Stein bleiben darum wichtig als Zeichen der Nähe Gottes: Orte, an denen das lebendige Wort erklingt, die Sakramente gefeiert werden, Gemeinschaft Gestalt annimmt, wo Christus sakramental gegenwärtig ist, in seinem Leib, wo Himmel und Erde sich berühren. In der Lateran-Basilika ist die Kathedra des Papstes, dessen wichtigste Aufgabe es ist, die Einheit der Kirche zu sichern. Die Kathedrale ist also Stuhl der Einheit, Einheit nicht als Einheitsbrei verstanden, sondern in einer Zeit, in der jeder sich nur noch selbst sieht mit seinen Problemen, stellt uns der Lateran vor Augen: Kirche ist weiter als meine Gruppe, meine Sprache, mein Stil. Kirche ist immer Einheit in der Vielfalt. Die Tempelreinigung stellt Fragen: Wo verwechseln wir Verkündigung mit Marketing, Liturgie mit Event wie bei vielen kirchlichen Feiern, Seelsorge mit Service? Ich war in den Ferien in Paris, und zur Mittagszeit zur Messe bin ich nach Notre Dame gegangen. Eine riesige Schlange von Touristen standen vor der Kathedrale. Niemand betrachtete die wunderbare Fassade, alle wollten in die Kirche. Die Schlange der Wartenden wurde in das rechte Seitenschiff eingeschleust. Die liefen dann im Galopp durch das ganze Seitenschiff, um die Choreinfassung herum und strömten durch das andere Seitenschiff wieder raus. Sie haben alles gesehen und nichts. Und im Altarraum und Mittelschiff war zur gleichen Zeit hl. Messe. Im Museum nachmittags war mehr Andacht als in der Kathedrale. Reform im Geist Jesu beginnt nicht mit Zorn, sondern mit Heimführung, Heimführung zu Christus: Christus in die Mitte, die Armen in die erste Reihe, das Gebet steht vor das Programm. Der Lateran steht mitten in Rom – offen, verwundbar, sichtbar. Die Mafia hat vor Jahren auf dem Platz vor dem Lateran eine Bombe gezündet, um Papst Johannes Paul II. einzuschüchtern, der sie heftig angegangen hatte.
Unsere Kirchen sollten Orte sein, wo man trauern darf, wo Wahrheit ohne Waffen verteidigt wird, wo Zugehörigkeit wichtiger ist als Perfektion. Eine Kirche sollte die Räume schaffen, in denen Menschen atmen können – auch wenn ihr Glaube brüchig ist. „Reißt diesen Tempel nieder…“ - das klingt gefährlich. Aber Jesus fügt hinzu: „…in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Christliche Erneuerung ist immer österlich: Was nicht trägt, darf sterben; was Gnade will, wird neu. Der Lateran – oft zerstört, oft erneuert – ist dafür ein ehrlicher Zeuge. Wenn Sie die Fassade sehen, lesen Sie die alte Inschrift: omnium Urbis et Orbis ecclesiarum Mater et Caput – „Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt und der Welt“. Das ist kein Triumph-Satz, sondern vielmehr eine Verpflichtung: Mutter sein heißt Heimat schaffen, Haupt sein heißt dienen. Der Lateran erinnert uns daran, dass Autorität in der Kirche diakonisch ist. Dass Einheit nicht von einer Gruppe dominiert wird, sondern das Einheit Fundament ist, das trägt. Und dass „Tempel“ nicht zuerst Mauern meint, sondern eine Gemeinschaft, die von Christus her lebt.
Amen.










