Die Heilung der zehn Aussätzigen

12.10.2025 |

Predigt | Lesejahr C 28. Sonntag | Lk 17,11–19

P. Ambrosius Leidinger, 12.10.2025
gehalten in St. Elisabeth
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist eine seltsame Geschichte, die uns Lukas heute erzählt: Eine Gruppe von Männern und Frauen, krank, von der Ortsgemeinschaft ausgeschlossen, isoliert wegen ihres Aussatzes. Die Zehn wenden sich an Jesus und werden von ihm geheilt; und nur einer kommt zurück, um sich zu bedanken, Gott zu danken. Nur einer und dann auch noch ein Fremder, ein Samariter. Es soll keine Anklage sein gegen die, die sich nicht bedanken. Es ist vielmehr wie ein Spiegel für uns: Uns wird die Frage gestellt, was Heilung wirklich ist, und was Dankbarkeit. Heilung ist mehr als körperliche Heilung. Lukas sagt nüchtern: Jesus spricht ein Wort, und die Lepra verschwindet. Das ist ein medizinisches Geschehen, wundervoll und konkret. Aber die Geschichte hat noch eine andere Dimension, weil Heilung hier in einem doppelten Sinn gemeint ist: es ist die äußere Gesundung und die soziale Wiedereingliederung in die Gemeinschaft.
 
Dank ist eine wirkliche Antwort, kein höfliches Nicken. Wer dankt, ordnet die Welt neu. Der eine, der zurückkommt, fällt vor Jesus nieder. Er erkennt seine Grenze und betritt zugleich den Raum der Gnade. Dank ist kein moralisches Tun, es ist in erster Linie ein existentieller Akt: Wie gesagt: Er wurde körperlich und sozial gerettet, aber er hat auch etwas empfangen, und an diese Erfahrung knüpfe er sein Leben neu an. In einer Zeit, in der vieles automatisiert ist - Zahlungen, schnelle Bestätigungen – vergessen wir das Danken. Wir klicken an „Gefällt mir“, aber kehren nicht zu dem zurück, was wir positiv bewerteten. Es bedeutet uns nichts. Dank hingegen macht uns menschlich: Er macht uns innerlich frei, weil er uns herausführt aus der Haltung des Anspruchs, dass uns etwas zusteht, dass wir es unbedingt haben müssen und uns hineinführt in das Bewusstsein, dass das, was wir bekommen, auch ein Geschenk ist. Dank ist nicht nur Aufmerksamkeit auf das, was ich bekomme, sondern auch auf den, der gibt.
 
Die neun sind nicht undankbar im alltäglichen Sinn. Sie freuen sich sicher über ihre Heilung. Aber ihr Blick bleibt am Geschehen hängen, richtet sich nicht auf den Ursprung. Nur einer sieht durch das Geschenk hindurch. Das Reden von Gott ist in unserer Zeit schwer geworden, weil wir in einer Welt leben, in der wir nach den Abläufen fragen, aber nicht mehr nach dem Grund. Wir registrieren Ereignisse - aber verlieren das Staunen. Dass es ausgerechnet ein Samariter ist, der sich bedankt, ist kein Nebensatz. Lukas stellt heraus: der, der am Rande steht und von vielen verachtet wird, erkennt zuerst das Heil. Es geht nicht um die, die am meisten religiös geübt sind, und bei aller Routine und frommen Übungen im Herzen blind sind. Es geht um die, deren Herz aufmerksam bleibt. Oft sind es die, - vor allem Lukas betont das - die wenig Macht, wenig Stimme haben, die aber eine Klarheit besitzen, die die Etablierten nicht mehr haben. Wer sieht die Klimakrise, wer hört die Stimmen der Geflüchteten, wer nimmt die Einsamkeit junger Menschen in den sozialen Medien wahr?
 
Und noch etwas: In der antiken Welt bedeutete Wiederaufnahme in die Gemeinschaft Existenzrettung: Besitz, Arbeit, Menschsein kehren zurück. In unserer Zeit, in der gesellschaftliche Bindungen sich verändern, Arbeitswelten prekär, digitale Räume dominant, das Vertrauen in Institutionen schwankend sind, ist das Danke ein Gegenmittel. Danken macht uns innerlich stark. Es sagt Nein zur Gleichgültigkeit und Ja zum Miteinander. Das Gleichnis kann uns also lehren, den Blick zu übernehmen, den der Samariter hat: nicht von oben, nicht mit Vorurteil, sondern aufmerksam, fragend, offen. Wenn unsere Zeit die Tendenz hat, alles zu instrumentalisieren - Menschen, Umwelt, Arbeit - dann setzt das Danken einen Gegenpol. Denn wer dankt, hört auf zu berechnen. „Was bringt mir das?“ ist nicht die Frage des Dankbaren. Der Christ weiß: Ich habe auch empfangen, ja, das Eigentliche und Wesentliche ist Geschenk; meine Existenz. Der Christ erkennt an, dass alle Menschen das meiste empfangen haben, ein Geschenk Gottes sind. Das verändert uns und unsere Sichtweise auf die Welt.
 
Zum Schluss eine kleine Szene, die ich in diesen Tagen erlebte: Ein Jugendlicher, in einem Flüchtlingsheim tätig, erzählte mir, wie ein alter Mann ihm einmal sagte: „Du gibst mir Zeit; das ist das Kostbarste.“ Der Jugendliche war irritiert; er dachte, er tue viel: Arbeit, Organisation. Der alte Mann aber sprach vom Raum, vom genauen Hinhören. Vielleicht ist das die Kernlektion des Evangeliums: Dank ist immer mit Aufmerksamkeit verbunden, mit dem Blick auf Gott und auf den Bruder und die Schwestern neben mir.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater