Glaube

05.10.2025 |

Predigt | Lesejahr C 27. Sonntag | Lk 17,5–10

P. Ambrosius Leidinger, 05.10.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Von Jesus mussten sich die Jünger sagen lassen: „Wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn!“ Die Apostel verteidigen sich nicht. Im Gegenteil, sie wissen, dass ihr Glaube nur ein winziges Pflänzchen ist, deshalb baten sie Jesus: „Stärke unseren Glauben!“ Es ist eine kurze und schlichte Bitte, ganz aus dem Herzen kommend, ehrlich und demütig. Zur Zeit meines Studiums wurde inspiriert vom 2. Vatikanischen Konzil oft der theologische Fachbegriff „Proexistenz“ gebraucht. Er wurde regelrecht neu entdeckt. Für was leben wir? Für was setzen wir uns ein? Wo wird unser Glaube sichtbar? Christus ist das Urbild unserer Proexistenz. Er hat ganz für uns gelebt, durch seinen Tod und seine Auferstehung.
 
Wenn wir das Evangelium heute unter diesem Gesichtswinkel betrachten, möchte ich als erstes aufzählen: Der Glaube steht für das Kleine, pro minima. Jesus antwortet auf die Bitte um Glaubensstärke mit dem Bild des Samens der Senfpflanze, der winzig klein ist, aus dem aber eine sehr große 2 m hohe Staude herauswächst. Das Senfkorn ist ein Versprechen: Klein, unscheinbar, aber getragen von Gottes Kraft. Es ist Bild für unseren Glauben. Er muss nicht beeindrucken, er muss nur Wurzeln schlagen. Und der Glaube an Gott wächst – ein anderes Bild Jesu - wie Hefe im Teig – unsichtbar, unaufgeregt, unaufhaltsam. Vielleicht ist das der Ruf an uns heute, gerade auch für unsere Kirche: Nicht mehr um äußeren Glanz und Größe zu bitten, sondern um innere Tiefe. Das Gleichnis vom selbstgerechten Pharisäer und dem reumütigen Zöllner – auch bei Lukas überliefert – kommt mir in den Sinn. Die Kirche fühlte sich wie der Pharisäer im rechten Glauben seiend, und dazu als eine Moralinstanz, die genau weiß, was richtig ist. Ich denke, es wäre für uns alle heute wichtig, mehr die Haltung des Zöllners anzunehmen, uns ganz hinten hinzuknien, ehrlich und echt, und vielmehr mit dem Zöllner zu bitten: Gott, sei mir Sünder gnädig. Der Glaube und die Glaubwürdigkeit auch der Kirche wachsen nämlich nicht aus vermeintlicher Größe und Sicherheit, - dem vielleicht etlich nachtrauern -sondern aus Hingabe und Mitgefühl.
 
Als zweites möchte ich herausstellen: Der Glaube steht für Vertrauen, pro fiducia. Teresa von Avila, die große Lehrmeisterin des inneren Gebets, hat es auf den Punkt gebracht: „Gott genügt.“ Nicht die Menge unserer Worte, nicht die Größe unserer Werke, sondern das Vertrauen in Gott, sich ganz in Gott zu verankern, trägt den Glauben. Pierre Teilhard de Chardin, der berühmte Jesuit und Naturwissenschaftler, hat den kleinsten Akt der Hingabe als Teil einer kosmischen Bewegung verstanden: Alles, selbst das Verborgene, läuft auf Christus zu. Ein Gebet, das niemand hört, eine Treue, die niemand sieht, ein stilles Ja im Herzen – alles wird in Christus aufgehoben und ins Ziel geführt. Dagegen steht unser Zeitgeist, der alles ins grelle Licht zerren möchte: Wir wollen alles steigern – auch unseren Glauben. Wir wollen „mehr“ tun, „mehr“ erreichen, „mehr“ beweisen, „mehr“ glauben. Doch das Senfkorn ist wie gesagt Symbol für Vertrauen, dass Gott handelt, nicht groß sichtbar, sondern unauffällig, aber kontinuierlich.
 
Drittens: Der Glaube steht für den Dienst, pro servitio. In der zweiten Szene erzählt dann Jesus die Geschichte von einem Knecht, der nach harter Arbeit vom Feld kommt und weiter klaglos bei Tisch bedient, ohne Dank zu erwarten. Das klingt hart. Aber damit will Jesus unser Denken im Geistlichen entlarven. Bei Gott wird nicht im Modus von „Leistung und Gegenleistung“ gerechnet. Die Sprache des Himmels ist Schenken. Der Knecht dient, weil der Dienst selbst ihn trägt. Das ist das Paradox des Evangeliums: Erst wenn wir nicht mehr fragen, was wir davon haben, beginnt der Glaube in uns Raum einzunehmen. Das winzige Senfkorn, der unnütze Knecht, die Bitte der Jünger – sie alle erzählen von einem Glauben, der geschenkt wird, der uns mit leeren Händen und offenem Herzen vor Gott stehen lässt. Der Himmel wächst nicht aus Erfolg, den man sehen kann, sondern aus Treue, die im Hintergrund alles zusammenhält. Johannes Bours’ hat es weiter so ausgeführt: „Wirklich klug ist nicht, wer alles im Griff hat, sondern wer Platz schafft – für Gottes Wirken im Du. Darin liegt die Intelligenz des Evangeliums: Es verlegt das Zentrum des Lebens von mir hin zum Mitmenschen, zu Gott.“ Und Papst Franziskus hat es typisch jesuitisch immer wieder so formuliert: „Gott schaut nicht auf unsere Erfolge, sondern auf die Richtung, in die wir unser Herz lehnen, jeden Tag neu in Richtung Vertrauen. Nicht viel – nur minimal, groß wie ein Senfkorn.“
 
„Herr, stärke unseren Glauben“. Wer so bittet, hat sich bereits aus der eigenen Selbstgenügsamkeit gelöst, er dient schon wie der Knecht im Evangelium. Das Senfkorn wartet nicht auf perfekte Bedingungen. Es fällt in die Erde, die da ist. Bild auch für uns: Fallen wir in die Erde unseres Alltags – tun wir das Unsere und vertrauen dem Wachstum unserer Beziehung zu Christus, das wir nicht erzwingen können. Und zuletzt wird alles von Gott noch einmal auf den Kopf gestellt. Nicht der Diener wird bedienen. Der Herr selbst wird sich gürten und seine Diener bedienen (vgl. Lk 12,37). In dieser fruchtbaren Spannung stehen wir: Wir sind jetzt aufgerufen zu dienen – und wie es jetzt geschieht bittet uns Christus an seinen Tisch, um uns zu bedienen.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater