Lazerus

28.09.2025 |

Predigt | Lesejahr C 26. Sonntag |  Lk 16,19-31

P. Ambrosius Leidinger, 28.09.2025
gehalten in St. Elisabeth
 
Meine lieben Schwestern und Brüder,
in seiner Gemeinde, für die Lukas um das Jahr 70 sein Evangelium schrieb, gab es zum ersten Mal auch Wohlhabende und sogar Reiche. Das war etwas Neues. Lukas war persönlich mit sozialen Spannungen in der Gemeinde konfrontiert. Die soziale Gerechtigkeit wurde für ihn ein Hauptthema, das er immer wieder in seinem Evangelium behandelt. Er äußerst sich sehr radikal, etwa im Magnifikat: Der Herr „stürzt die Mächtigen vom Thron und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1, 51-53) oder Lukas 18, das berühmte „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Lk 18, 24 f). Lukas war Grieche, und er schrieb für die griechischen Händler und Kaufleute, die wohlhabend waren. Eigentlich verfolgte er keine romantischen Armutsideale. Er war ein realistischer Mann. Ihm geht es um die soziale Verpflichtung des Besitzes. Er will diese Geschäftsleute aufrütteln und ihnen zeigen, wie sie – ohne ihren Beruf aufzugeben – Jesus nachfolgen können. Lukas stellt immer wieder heraus: Wer nur für sich selbst Reichtümer ansammelt, der hat weder Jesu Intention verstanden / noch weiß er um das Geheimnis des menschlichen Lebens, das durch den Tod begrenzt ist. Es geht ihm darum, auf Gott hin reich zu werden.
 
In diesem Zusammenhang einer harten Sozialkritik steht auch das heutige Evangelium vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Jesus erzählt ein Gleichnis in zwei Akten. Erster Akt: Ein Reicher, gekleidet in Purpur und feinem Leinen, lebt jeden Tag in Saus und Braus. Vor seiner Tür: Lazarus, voller Geschwüre, hungrig nach den Brotresten, die vom Tisch fallen. Zweiter Akt: Nach dem Tod – ein radikaler Tausch. Lazarus im Schoß Abrahams. Der Reiche in Qual. Es ist schon sehr klischeehaft erzählt. Es ist aber kein Märchen, eher ein Spiegel. Der Reiche hat gesehen – und doch nicht gesehen. Er hat Lazarus vor seiner Tür wahrgenommen wie man ein Möbelstück wahrnimmt, ohne ihn wirklich anzuschauen, ohne Begegnung. So hatte man einen Sklaven angeschaut. Er wurde als Besitz, als Gegenstand angesehen wie ein Tier, den man verkaufen konnte, mit dem man machen konnte, was man wollte. Dass das Christentum dann die Personenwürde eines jeden Menschen so sehr betonte, dass jeder Mensch Kind Gottes ist, hatte eine enorme soziale Sprengkraft im Römischen Reich. Das machte das Christentum für viele so anziehend, für die Etablierten wurde es gefährlich und deshalb zum Feind. Für den Reichen war Lazarus unsichtbar, nicht weil er ihn nicht sah, sondern weil er ihn nicht ansah.
 
Das gleiche Phänomen ist heute überall zu beobachten. Unser Evangelium ist auf überraschende Weise aktuell geworden. Wir sehen alles – in Bildern, Streams, Schlagzeilen – und doch berührt uns nichts mehr richtig. Hannah Arendt, die große jüdische Philosophin, vor den Nazis in die USA geflohen, sprach immer wieder von der Gefahr der „Gedankenlosigkeit“, der „Banalität des Bösen“. Auch Papst Franziskus hat uns diese erschreckende Haltung immer wieder vor Augen gestellt. Der Reiche lebt genau darin. Er denkt nicht, er schaut nicht, er unterbricht den Strom seiner Gelage nie. Wir nehmen wahr, ohne Verantwortung zu spüren. Es ist ein Sehen ohne Nähe, eine Wahrnehmung ohne Beziehung. Das Gleichnis sagt uns: Genau das ist der wahre Abgrund. Er öffnet sich nicht erst im Jenseits. Er wächst im Leben. Im Gleichnis bittet der Reiche in seiner Not um Hilfe. Er ruft zu Abraham: „Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir!“ Aber Abraham sagt: „Zwischen uns und euch ist ein tiefer, unüberbrückbarer Abgrund.“ Dieser Abgrund war nicht von Gott geschaffen. Er ist jeden Tag gewachsen, an dem Lazarus vor der Tür lag und der Reiche vorbeisah.
 
Abraham antwortet: „Sie haben Mose und die Propheten; auf die sollen sie hören.“ Mit anderen Worten: Alles ist längst gesagt. Wir brauchen keine neuen Zeichen, keine neuen Wunder. Wir brauchen offene Ohren. Jesus erzählt diese Geschichte, damit wir unsere eigene Tür sehen. Damit wir uns fragen: Wer liegt dort? Und wie oft bin ich schon achtlos vorbeigegangen? Wo liegt Lazarus heute? In den Zelten Geflüchteter, in den übersehenen Altenheimzimmern, in den schlaflosen Nächten unserer überforderten Jugendlichen, im Klima der Erde, das fiebert? Und der Reiche? Das sind wir, wenn wir nichts hören wollen, wenn wir überhören. Wenn wir Mauern hochziehen aus Bequemlichkeit. Auch das ist ein Phänomen unserer Gesellschaft. Der hl. Bonaventura sprach von einer „visio amoris“ – einer Sicht der Liebe, einer Sicht wohlwollend auf die Dinge und Situationen zu schauen, eine positive Grundhaltung einzunehmen. Vielleicht beginnt der Himmel schon dort, wo wir die Differenzen nicht vertiefen, sondern zu überbrücken suchen – mit einer Geste, einem Gespräch, einem offenen Platz am Tisch. Gerade das ist die große Aufgabe der Kirche in unserer Gesellschaft heute, eine Gesellschaft, die droht, auseinanderzubrechen: die Abgründe, die immer tiefer werden, zu überbrücken.
 
Der Priester, der Bischof, der Papst heißen Pontifex, vom römischen Priester übernommen. Pontifes heißt wortwörtlich Brückenbauer. Pons ist die Brücke, facere machen, bauen. Brücken zu bauen zwischen den Menschen und zwischen den Menschen und Gott ist der ureigenste Dienst der Priester. Ich denke, Papst Leo ist sich dessen sehr bewusst und er sieht es als seine wichtigste Aufgabe an. Das Gleichnis endet ohne Bekehrung der Reichen. Es endet mit einer Warnung. Nicht, um Angst zu machen – sondern um aufzuwecken. Heute ist die Tür noch offen. Heute kann der Blick noch eine „visio amoris“ sein, ein wohlwollender, mitfühlender Blick. Heute kann der Abgrund noch kleiner werden. Gott ist nicht neutral. Er steht auf der Seite des Lazarus. Wir können den Riss übersehen – oder zur Brücke werden. Zum Schluss noch ein Wort des hl. Ambrosius: „Wer Lazarus erkennt und anschaut, erkennt und schaut Christus an“.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater