Bartholomäus - Patrozinium
24.08.2025 |
Predigt | Lesejahr C 21. Sonntag | Joh 1,45-51
P. Ambrosius Leidinger, 24.08.2025
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Als unser Kloster im Jahr 1130 von der Reichsabtei Lorsch aus gegründet wurde, wählten sich die Mönche den hl. Apostel Bartholomäus als Patron. Bartholomäus war damals – salopp gesagt – ein Modeheiliger. Der Legende nach soll er in Indien, Mesopotamien, Syrien und in Armenien gepredigt haben. Man habe ihm dort bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen und ihn anschließend kopfunter gekreuzigt. In der Muttergotteskapelle ist er in einem mittelalterlichen Fenster dargestellt, seine Haut über dem Arm haltend. Man kann auf der Haut sein Gesicht erkennen. Nach späteren Legenden wurde der Sarg mit seinem Leichnam auf Sizilien angespült. Kaiser Otto III. brachte seine Gebeine 983 nach Rom, vermutlich in der Absicht, sie nach Deutschland zu überführen. Der Kaiser aber starb in Rom, und so blieben die Reliquien in einer neu errichteten Kirche auf der Tiberinsel, die dann nach dem Apostel benannt wurde. Dieses Bergen der Reliquien durch den deutschen Kaiser machte Bartholomäus zur damaligen Zeit im Deutschen Reich ungeheuer populär. Sein Haupt kam dann in den Kaiserdom in Frankfurt, so dass – wie gesagt - die Mönche hier in Neuburg ihn zum Patron erwählten. Aber viel interessanter als der geschichtliche Hintergrund finde ich die Schilderung seiner Berufung zum Apostel, im Johannesevangelium geschildert. Die zentralen Worte in unserem Evangelium sind für den Evangelisten Johannes typisch: „suchen und finden, und dann: kommen und sehen“. Diese vier Verben beschreiben die Jüngerwerdung.
„Suchen und finden“. Bartholomäus und der Nathanael aus dem Evangelium sind dieselbe Person. Bartholomäus bedeutet Sohn des Tolmai und war der Herkunftsnamen des Nathanael. Bartholomäus heißt ganz wörtlich übersetzt „Sohn des Furchenziehers“. Sein Zuname lässt darauf schließen, dass Nathanaël Bartholomäus aus einem bäuerlichen Milieu stammt. So wundert es nicht, dass Jesus ihn unter einem Feigenbaum sitzend sieht. Vielleicht war er ja gerade bei der Feldarbeit und macht eben eine kleine Verschnaufpause, als sein Freund Philippus zu ihm kommt und ihm von Jesus erzählt. Gerade Feigenbäume wurden wegen ihrer süßen Frucht um die Häuser angepflanzt, und vor allem durch ihre großen Blätter waren sie ideale Schattenspender, unter denen sich das Leben der Familie vor dem Haus abspielte. Direkt neben unserer Kirche steht ja ein Feigenbaum. So verstehen wir, dass der Feigenbaum im AT eine eminent wichtige und symbolische Bedeutung hat. Er ist ein Symbol für den Schalom, d.h. für Frieden, Wohlstand und Fruchtbarkeit, Voraussetzungen für ein gutes Leben.
Bartholomäus lebte ganz aus der uralten israelitischen Tradition, die keinen Gegensatz sah in der Hinwendung zur gottgeschenkten Welt mit dem praktischen, tätigen Leben eben hier als Bauer // und gleichzeitig in der Hinwendung zum hingebungsvollen Betrachten des Wortes und Gesetzes Gottes in Gebet und Meditation. Das war die rechte Lebensführung: Er konnte in seinem Garten arbeiten und sich dann unter einen Feigenbaum setzen, um sich dankbar Gott zuzuwenden, der ihn mit den Früchten der Erde so reich beschenkt hatte. Und in genau dieser Haltung erblickte ihn Jesus und wusste: das ist ein Mann, den ich als Jünger, als Apostel und Zeuge, brauchen kann. Diese biblische Lebenshaltung erinnert an das alte benediktinische Motto „ora et labora – bete und arbeite“.
„Ora et labora“ ist also keine Lebensweisheit, die vom hl. Benedikt neu erfunden wurde, sondern – wie wir gesehen haben. Es ist die biblische Lebenshaltung, die rechte Lebensführung, die für den Menschen Schalom bringt: d.h. wie gesagt Frieden, Wohlbefinden, Fruchtbarkeit, Entfaltung, Glück. Bartholomäus kann uns lehren, dass Gebet mitten im Alltag seinen Platz hat und dem Alltag eine neue Qualität gibt. Beten entzieht uns nicht dem wirklichen Leben, ganz im Gegenteil: Es kann uns dazu bringen, tiefer in die Realität des Alltags einzudringen, den Alltag aber anders zu deuten, das alltägliche Leben auch mit seiner Mühsal immer wieder neu als Geschenk Gottes zu begreifen und ihm so eine neue Qualität zuzusprechen. Dieses Suchen nach Gott im Alltag war bei Bartholomäus das Fundament seiner Berufung oder besser: der erste Schritt zu seiner Berufung. Gleich im ersten Satz des heutigen Evangelienabschnittes, das erste, was uns in die Augen fällt, ist, dass der Jünger durch einen Mittelsmann zu Jesus geführt wird. Philippus, sein Freund, macht Nathanael auf Jesus aufmerksam, wie schon vorher Johannes der Täufer den Andreas von Jesus erzählt, und Andreas seinen Bruder Petrus.
Das ist die Situation von uns allen: Wir alle brauchten jemanden, der uns zu Christus führte. Nur eine Voraussetzung musste bei uns gegeben sein wie bei Nathanael: ein Suchen und Fragen, eine Sehnsucht im Herzen. Und so kommen wir vom „Suchen und Finden“ zum „Kommen und sehen“. Das Sehen ist der Endpunkt der Suchbewegung. Der Christ kommt zu Jesus, um zu sehen. Er wird in Jesus, so das Bild des Evangeliums, den Himmel offen sehen: „Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn“, so Christus im Evangelium. Hier wird auf die Himmelsleiter des Jakob angespielt. Sie wurde in der spirituellen Tradition immer als ein Bild für die Kontemplation gesehen. So spielt sie auch etwa beim hl. Benedikt eine große Rolle. Was Jakob damals geschaut hat, das erfüllt sich in Jesus Christus. In Jesus öffnet sich der Himmel über unserem Leben.
„Kommt und seht“ (Joh 1, 39), sagt Jesus schon vorher zu Andreas und Petrus. Die gleichen Worte sagt auch Philippus zu Nathanael: „Komm und sieh“ (Joh 1, 48). Nathanael hat sich intensiv mit den Grundfragen des Lebens auseinandergesetzt, hat nachgedacht, Fragen gestellt, in Frage gestellt, die Schrift meditiert. So ist er nach den Worten Jesu ein echter Israelit. Und so ist auch seine skeptische Reaktion ganz verständlich: „Aus Nazareth? Kann von da etwas Gutes kommen?“ Davon hat er noch nie gehört. Dafür gibt es nicht den geringsten Hinweis oder Ansatzpunkt in der Heiligen Schrift und auch nicht in der Tradition. In der gesamten hebräischen Bibel wird Nazareth mit keinem Wort erwähnt. Der Messias wird in Bethlehem geboren, das weiß jeder. Es genügt nicht, nur auf die zu hören, die mir von Jesus erzählen. Oder über ihn zu studieren. Jünger sein heißt, seine eigenen Erfahrungen mit Jesus machen. Schauen muss man selber. Das kann man keinem anderen überlassen. Nicht das Glaubenswissen trägt, sondern nur die Glaubenserfahrung.
„Komm und sieh selbst“. Jesus verblüfft den Nathanael, dass er seinen Charakter und sein Wesen kennt. Jesus, der ihn in der Tiefe seines Herzens erkannt hat, überwältigt ihn, und Nathanael ruft aus: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel“ (Joh 1, 49). Was für Nathanael Bartholomäus gilt, gilt für jeden Christen. Wir können uns Jesus nicht nähern, ohne dass Jesus sich uns schon genähert hat, wir können ihn nicht erkennen, ohne dass er uns schon erkannt hat, und damit: ohne dass wir mit unserer eigenen Wahrheit konfrontiert werden. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis korrespondieren miteinander. Der große evangelische Exeget Rudolf Bultmann sagte: „Dem Glaubenden wird in der Begegnung mit Jesus die eigene Existenz erhellt und aufgedeckt.“ Der Mann Nathanael Bartholomäus, der Mann unter seinem Feigenbaum, der Mann, der mit aufrichtigem Herzen nach den Grundfragen des Lebens fragt und nach Gott, der hat Jesus gefallen. Er ist ein Vorbild für uns alle, immer wieder in einer stillen Minute nach Jesus Ausschau zu halten, mitten im Alltag uns von ihm berühren zu lassen, manchmal. Bartholomäus lädt uns ein, bei Jesus Stärke und Freude für unser Leben zu finden. Komm und siehe. In Jesus öffnet sich der Himmel über unserem Leben.
Amen.










