"Herr, lehre uns beten"

27.07.2025 |

Predigt | Lesejahr C 17. Sonntag | Lk 11,1-13

P. Ambrosius Leidinger, 27.07.2025
gehalten in St. Elisabeth
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Ein Jünger sieht Jesus beten. Jesus macht nicht viele Worte. Keine große Geste. Nur eine stille, durchdrungene Gegenwart spürt der Jünger. Was da geschieht, ist kein Monolog ins Leere. Es ist Begegnung. Es ist Raum. Es ist Beziehung. „Herr, lehre uns beten.“ Nicht: „Lehre uns das richtige Dogma.“ Nicht: Hilf mir, Erfolg zu haben. Nicht: Erhöhe meine Produktivität. Sondern: Lehre uns beten. Er spürt: Was hier geschieht, ist nicht Technik. Es ist nicht Form. Es ist Gegenwart. Und diese Gegenwart ruft in ihm eine Sehnsucht wach, die aus dem Urgrund des Menschseins stammt: „Herr, lehre uns beten.“ Sei gegenwärtig in meinem Innersten. Was sagt man, wenn man betet? Was hofft man? Und wer hört zu?
 
Der Herr antwortet nicht mit einem Traktat. Er gibt den Jüngern Worte – schlichte, leuchtende Worte. „Vater, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme.“ Die Bitte des Jüngers steht uns gut zu Gesicht. Denn wir haben verlernt zu bitten. Wir verwechseln Bitten mit Bestellen. Wir verwechseln Gott mit einem Automaten. Aber Bitten, im Sinn des Evangeliums, bedeutet: Ich öffne mich. Ich lasse zu, dass ich empfangen darf, was ich nicht selber machen kann. Ich berühre das Geheimnis. Heute glauben die Menschen, sie müssten alles selbst leisten – auch das Heil. Und so verlieren sie es. Denn das Heil ist Beziehung. Es ist Geschenk. Es ist Antwort. Wir übersehen, dass das Wesentliche im Unverfügbaren wohnt. Der Vater im Gleichnis Jesu gibt seinem Kind nicht einen Stein, wenn es um Brot bittet. Nicht einen Skorpion statt eines Eies. Er gibt das Gute, weil er liebt. Nicht weil das Kind alles richtig macht. Nicht weil das Kind perfekt betet. Sondern weil es bittet. Und weil Bitten Beziehung ist.
 
Die Urform jeder Institution, jeder Gesellschaft ist das, was dem Menschen Raum gibt, sich zu übersteigen. Eine Gesellschaft lebt nicht von Verträgen allein, schon gar nicht die Kirche. Sie lebt von Vertrauen – von einem unsichtbaren Band, das stärker ist als die Kalkulation. Davon lebt auch das Gebet. Es ist zusammengefügt aus Stein, sondern aus Vertrauen. Jesus ruft uns zurück aus dem ständigen Zugriff auf die vielen materielle Dinge, die uns zur Verfügung stehen, er ruft uns zurück in ein Vertrauen, das sich selbst loslässt. „Wenn einer von euch einen Freund hat …“ – Das Gleichnis, das Jesus erzählt, ist keine Betriebsanleitung für Gebetserfolg. Es ist ein Gleichnis der Beziehung. Der bittende Freund ruft in der Nacht. Er hat nichts. Aber er bittet, weil er glaubt, dass da einer ist, der ihm nicht verschlossen bleibt. Jesus sagt: „Wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.“ Das ist die Antwort des Evangeliums: Du wirst nicht immer das bekommen, was du dir vorstellst. Aber du wirst den Geist empfangen, der dich verwandelt. Nicht Gott muss sich ändern, sondern wir müssen offen werden. So ist Beten nicht Methode. Nicht Technik. Nicht Optimierung. Sondern Hingabe.
 
Der Abt meiner frühen Jahre im Kloster hatte zum Gebet ein einprägsames Bild gebraucht. Er sprach von einem Segelboot. Man muss die Segel hießen, aber dass der Wind kommt und aus welcher Richtung, kann man nicht machen. Der Geist Gottes entzieht sich unserer Verfügung. Und auch wohin der Wind das Boot treibt, wissen wir nicht. Oft ist er ganz überraschend. Aber wir müssen das Segel in den Wind stellen, sonst bleibt das Boot liegen. Das Segel ist das Vertrauen. Vielleicht ist das Gebet, das stille, bittende, wartende Gebet die letzte Zuflucht des Menschlichen in einer Welt, die das Menschliche zu übersehen droht. Das Leben ist nicht gebaut aus Stein, sondern aus Vertrauen.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater