Taufe des Herrn 2026
11.01.2026 |
Predigt | Lesejahr A - Taufe des Herrn – Mt 3,13–17
P. Ambrosius Leidinger, 11.01.2026
Liebe Brüder und Schwestern,
die Taufe Jesu im Jordan ist einer der unerhörtesten Momente der ganzen Bibel. Da steht der Sohn Gottes am Ufer des Jordan, zwischen Bauern, Fischerleuten, Ausgestoßenen und Suchenden.
Er reiht sich in die Schlange derer ein, die für sich spüren: Ich brauche einen Neuanfang.
Und Johannes der Täufer, der Rufer in der Wüste, ist fassungslos.
„Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“
Die Sünder brauchen das Zeichen der Taufe, nicht der Heilige Gottes. Aber Jesus besteht darauf. Und er sagt diesen rätselhaften Satz: „Lass es nur zu. Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“
Warum lässt sich der Sündlose, der Heilige Gottes, taufen? Das ist die Frage.
Warum steigt der, der kein Dunkel hat, hinab ins Wasser, in das Dunkel des Menschen?
Die Antwort ist einfach und revolutionär: Er steigt hinab, weil wir unten sind.
Jesus ist nicht der, der vom Ufer aus zuschaut, wie wir ringen, wie wir kämpfen, wie wir uns mühen. Er ist Gott, der ins Wasser steigt. Mit uns. Für uns. Bis ganz nach unten.
Die Taufe Jesu sagt: Nichts, was dich niederdrückt, ist Jesus fremd.
Kein Leid, keine Schuld, keine Angst: er berührt alles. Er ist Gott, der mit uns geht, Immanuel, Gott mit uns, der nicht über uns ist, nicht unter uns, nicht neben uns, nicht hinten uns, sondern im Tiefsten mit uns ist.
Liebe Schwestern und Brüder,
viele von uns tragen Lasten, die man so einfach nicht bemerkt. Es gibt Momente, die wir gern ungeschehen machen würden. Jeder hat Wunden, die nicht sofort heilen.
Und genau dort beginnt das Evangelium heute: Nicht in Erhabenheit, sondern in Solidarität. Er handelt nicht vermeintlich göttlich, von oben herab. Christus steigt in das Wasser der Menschheit, um alles, was uns niederdrückt, mit uns zu tragen.
So betet der Priester beim Mischen von Wein und Wasser bei der Gabenbereitung der Messe: Wie das Wasser sich mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.
„Da öffnete sich der Himmel“
Als Jesus aus dem Wasser steigt, geschieht etwas Gewaltiges: Der Himmel reißt auf. Der Geist kommt herab wie eine Taube, heißt es. Und eine Stimme sagt: „Du bist mein geliebter Sohn.“
Das ist nicht nur eine Feststellung über Jesus. Es ist auch die Wahrheit über uns. Denn wir werden durch die Taufe hineingenommen in diese Liebe, in diese Stimme, in diese Würde.
Gott sagt diesen Satz auch über dich: Du bist mein geliebtes Sohn, meine geliebte Tochter.
Ohne Voraussetzung. Ganz fundamental, grundsätzlich.
Nicht: „Wenn du alles richtig machst…“ oder: „Wenn du perfekt bist…“ oder: „Wenn du keine Fehler mehr hast…“ Sondern einfach: Du bist mein geliebtes Kind. Punkt.
Die Taufe Jesu ist eine Art „göttlicher Standortwechsel“. Im Philosophischen würden wir sagen: Es ist die radikale Option Gottes für die Immanenz. Im Alltagsdeutsch: Gott lebt nicht im „Himmel über uns“, er lebt mit uns“.
Das ist das ganze Christentum in einem Satz: Gott ist ein Mitgehender. Keine himmlische Überwachung. Keine kosmische Distanz, sondern Nähe, Wärme, Solidarität.
Der große Theologe Romano Guardini sagt: „Nirgendwo der Anspruch der Ungewöhnlichkeit, der sagt: Das gilt für andere, nicht für mich! Jesus kommt zu Johannes und verlangt die Taufe. Sie verlangen, heißt, … sich als Sünder bekennen; Buße tun und sich dem öffnen, was von Gott her kommen will. Jesus tritt in die Reihe. Er beansprucht keine Ausnahme, sondern stellt sich unter die Gerechtigkeit, die für alle gilt“.
Guardini zeigt uns hier 3 Punkte, wie Jesus uns Richtschnur werden kann:
Erstens: ernst nehmen was es heißt, dass die Frau, der Mann und das Kind neben mir, für Gott ebenso wertvoll und kostbar sind wie ich selbst, dass alle Menschen geliebte Kinder Gottes sind.
Dass wir Menschen damit alle die gleiche Würde haben: das ist ja in unser geistiges abendländisches Fundament eingegangen.
Je mehr wie das missachten, nicht nur heute, sondern es ist zu allen Zeiten missachtet worden, desto mehr schaffen wir das immer wieder postulierte christliche Abendland selbst ab.
Nicht so sehr fremde Religionen oder Kulturen, die die Flüchtlinge zu uns bringen, greifen das Christentum an, sondern wir selbst durch seine Missachtung.
Zweitens. Buße tun, Umkehr tun: das heißt uns daran zu erinnern, dass das eigentliche Leben von Gott her kommt...
Umkehr heißt sich immer wieder hinkehren zu Gott, sich ihm öffnen und seiner Weisung.
Wenn ich jemand bei der Beichte eine Buße aufgebe, ein Gebet, dann heißt das ja, durch das Gebet will ich ihm helfen, sich Gott zuzuwenden. Es geht ja nicht um die Ableistung einer Strafe nach dem Motto: Je größer die Sünde, desto größer die Buße. Dieses oft praktizierte Denken hat vergessen, um was es wirklich geht: es geht um die Hinwendung zu Gott, um einen Neuanfang mit Gottes Hilfe.
Dittens: nach dem Willen Gottes fragen und ihn zu leben versuchen, d.h. sich an Jesu Leben und Evangelium ausrichten im Vertrauen darauf, dass Gottes Gerechtigkeit stets größer ist und weiter sieht als unser beschränkter menschlicher Horizont es für möglich hält. So können wir auch Jesu rätselhaften Satz bei seiner Taufe verstehen: „Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“
Und was geschieht nach der Taufe?
Jesus geht nicht nach Hause zurück. Er beginnt vielmehr seinen Weg, seinen Dienst, seine Sendung. Die Taufe ist kein Abschluss, sondern ein Anfang, ein Aufbruch. Und bei uns ist es genauso:
Wir sind nicht getauft, damit wir einen Eintrag im Taufbuch haben. Wir sind getauft, damit wir gut leben, dass wir mit Gott leben, d.h. dass wir als Christen unsere soziale Verantwortung übernehmen, dass wir im Namen Gottes Hoffnung säen in einer Welt, die so dringend Hoffnung braucht.
Was heißt das für uns? Vielleicht genau das: Dass wir Menschen sein sollen, die herabsteigen, nicht herabschauen, dass wir die Nähe suchen, nicht den Abstand, dass wir das Herz öffnen, nicht in gleichgültiger Distanz verharren.
Dass wir den Himmel zeigen, wo immer er sich öffnen möchte: in einem guten Wort, in einer aufrichtigen Vergebung, in einem Blick, der nicht richtet, sondern den Anderen wirklich sieht.
Die Taufe Jesu sagt uns: Der Himmel öffnet sich da, wo ein Mensch sagt: „Herr, ich brauche dich.“ Und „Hier bin ich.“
Möge dieses Fest der Taufe des Herrn uns neu den Mut schenken, unsere eigene Taufe ernst zu nehmen: als Ruf in die Freiheit, als Quelle der Würde, als Beginn eines Weges, den Christus mit uns geht. Amen.










