1. Advent
30.11.2025 |
Predigt | Lesejahr A 1. Adventssonntag | Mt 24,29–44
P. Ambrosius Leidinger, 30.11.2025
gehalten in der Abteikirche
Liebe Schwestern und Brüder,
der Advent beginnt jedenfalls in den biblischen Lesungen der Messe nicht mit Kerzenlicht und gefühlvollen Adventsliedern, sondern mit einem Paukenschlag. Jesus spricht von Naturkatastrophen, von Zuständen wie im Krieg, bei dem Mensch wahllos und unschuldig zu Tode kommen und dann völlig unvermittelt vom Kommen des Menschensohnes in Macht und Herrlichkeit. Das steht unvermittelt nebeneinander. Das ist ein sehr merkwürdiger Auftakt, und kein freundlicher. Und warum? Ich weiß darauf keine andere Antwort als: Damit wir aufgerüttelt werden und aufwachen.
Wir Menschen lieben es, die Dinge in den Griff zu bekommen. Wir planen, wir rechnen, wir sichern uns ab, wir suchen Unsicherheit und Angst zu bannen. Das ist menschlich und verständlich. Wie sollen wir sonst leben? Aber das Evangelium heute ruft uns in eine Haltung, die etwas anders ist: Das Evangelium ruft uns auf, wachsam zu sein. Nicht Angst soll uns bestimmen, sondern Wachheit. Jesus sagt: „Seid bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht erwartet.“ Advent bedeutet: Gott kann jederzeit in mein Leben treten – heute, jetzt, plötzlich, überraschend, mitten in der Arbeit, mitten in der Nacht, in Situationen, wo alles drunter und drüber geht, an einem ganz gewöhnlichen Tag. Der Text will klarmachen: Gott überrascht uns immer wieder: Er kommt nicht, wenn wir fertig sind, wenn wir alles perfekt zu Ende gebracht haben, sondern vielmehr, wenn wir innerlich bereit sind. Das ist ein großer Unterschied. Fertig und perfekt werden wir nie. Bereit – das können wir immer sein. Dietrich Bonhoeffer – wir haben gerade im Kloster seine Biographie gelesen - sprach in den dunkelsten Tagen seines Lebens davon, Gott nicht als „Lückenbüßer“ zu erwarten, sondern als den, der mitten im Leben kommt – auch in der Nacht, auch unerwartet, auch ohne Vorwarnung. Das ist Advent: nicht Warten auf das Christkind, sondern auf das Kommen Christi mitten im Alltag.
Der große Freiburger Philosoph Martin Heidegger sagte einmal: „Das Erstaunlichste ist nicht, dass Gott existiert, sondern dass wir es vergessen haben, darüber zu staunen.“ Advent ist die Zeit, dieses Staunen zurückzugewinnen. Das Staunen darüber, dass Gott nicht fern bleibt, dass er sich auf uns einlässt – in unserer Unsicherheit, in unsere Fragen, in unsere Brüche. Wie oft leben wir, als sei alles selbstverständlich. Die Sonne, die aufgeht, der Atem, der in uns ist, der Mensch neben uns. Und wir wissen doch: Nichts ist selbstverständlich. Von einem Tag zum anderen kann sich alles ändern. Alles ist Gottes Geschenk, gerade das Selbstverständliche.
Jesus vergleicht das Kommen Gottes mit dem Dieb in der Nacht. Ein seltsames Bild. Warum? Der Dieb bricht in das ein, was fest verriegelt ist. Aber Gott bricht in unser Leben ein, nicht um zu stehlen, sondern um uns zu befreien. Er sprengt die Türen unseres Herzens auf. Er schenkt uns eine innere Freiheit und macht uns so stark für das Leben. So darf christlich gesehen die Adventszeit nicht die Jahreszeit mit noch mehr Terminen, mit noch mehr Lichtreizen, mit noch mehr Lärm, mit noch mehr Weihnachtsmarkt sein, - auch wenn das in der dunklen Jahreszeit auch sein darf. Sondern im Advent geht es auch um die Wiederentdeckung der Stille. Vielleicht ist das der schwierigste Auftrag des Advents: still werden. Nicht passiv – sondern empfänglich. Denn Gott spricht leise. Und wer sich nicht Zeit nimmt zum Hören, wird ihn überhören. Advent heißt: Ich öffne mein Herz für das, was größer ist als ich. Ich erlaube Gott, in mein Leben einzutreten, mein Leben zu unterbrechen. Und diese Unterbrechung ist der Anfang von etwas Neuem, einer neuen Beziehung zu Gott und zu dem oder anderen in meinem Lebensumfeld.
Wenn wir das Evangelium heute ernst nehmen, dann ist der Advent ein geistlicher Neustart. Bleib offen für das, was Gott dir zeigen will. Sein Kommen ist kein Termin, sein Kommen ist ein Ereignis. Es geschieht jetzt, wenn du bereit bist. Auch wenn er sich in der unscheinbarsten Gestalt zeigt: in einer stillen Geste, in einem unerwarteten Wort, im Atem der Stille. So heißt bereit sein nicht angestrengt auf der Lauer liegen, sondern vielmehr das Herz so offen halten, dass es nicht überrascht wird vom Guten. Im Gebet für Gott offen sein, so wie wir sind. Gott kommt nicht in eine perfekte Wohnung, sondern ins offene Herz, er kommt nicht nur ins Licht, sondern vielmehr in die Nacht, er kommt nicht im Lärm, er kommt in der Stille. Und wenn Gott kommt, dann kommt er nicht mit äußerer Macht, sondern mit Liebe. Er kommt nicht, um zu richten, sondern um uns heimzuführen. So wünsche ich uns, dass dieser Advent ein neuer Anfang des Staunens, des Hörens, des Empfangens wird. Dass wir wach bleiben und Hoffnung haben. Und wer ihn erwartet, wird ihn finden – vielleicht gerade dort, wo er ihn am wenigsten vermutet.
Amen.










