Lazarus

02.11.2025 |

Predigt | Lesejahr C Allerseelen | Joh 11, 17 ff

P. Ambrosius Leidinger, 02.11.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Liebe Schwestern und Brüder,
Allerseelen ist ein Tag der Namen. Wir tragen die Namen unser lieben Verstorbenen im Herzen, wir stellen Kerzen ins Fenster unserer Erinnerung. Und in diese stille, dichte Stunde hinein hören wir das Gespräch Jesu mit Martha vor den Toren von Bethanien. Es ist ein Trauergespräch zwischen Freunden am Rand eines Grabes. Drei Punkte möchte ich benennen:
 
Erstens: Die Trauer: „Herr, wärst du hier gewesen…“ Marthas Satz ist scharf und zärtlich zugleich: „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ In diesem „Wärst du…“ steckt alles, was Trauer kennt: Das Hätte, Wäre, Wenn. Das Rechnen mit Möglichkeiten, die es nicht mehr gibt. Jesus weicht dem nicht aus. Jesus trauert mit Martha; auch sein Herz ist mit Trauer erfüllt. Trauer braucht Zeit und eine Adresse. Zeit: weil sie nicht wie ein Termin schnell abgehakt werden kann. Es braucht Zeit, um zu heilen. Die Adresse ist Gott, weil Trauer hier nicht in ein Vakuum hineingesagt wird, sondern vor Gott ausgesprochen wird. „Herr…“. Dieses eine Wort öffnet das Gespräch. Glaube heißt in dieser Stunde nicht, felsenfest im Glauben zu stehen, sondern vielmehr an Jesus gebunden zu sein, ihm Vertrauen zu schenken. Die Regel des heiligen Benedikt ruft uns Mönche zur stabilitas auf – zum Aushalten an einem Ort, auch wenn es wehtut. Allerseelen ist gelebte Stabilität: Wir dürfen klagen und dürfen hoffen. Wir laufen nicht davon. Wir bleiben bei Jesus.
 
Zweitens: Die Gegenwart der Auferstehung. Martha bekennt Jesus: „Ich weiß, dass er auferstehen wird am letzten Tag.“ Das ist orthodox und wahr. Aber Jesus schiebt den letzten Tag in die Gegenwart: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Nicht: Ich werde es einmal sein; nicht: Es gibt eine Lehre von der Auferstehung; sondern: Es gibt mich. Auferstehung ist nicht ein Zeitpunkt in der Zukunft, sondern eine Person, die Gegenwart schafft, Jesus. Achten Sie auf die Zeitformen, wie sie im Evangelium genau gewählt sind. Martha spricht die Zukunft an: „Er wird auferstehen“. Jesus spricht von der Gegenwart: „Ich bin die Auferstehung.“ Das heißt nicht, der Tod sei harmlos. Es heißt: Gottes Leben ist stärker, auch jetzt im Tod. „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“ „Sterben“ bleibt Trennung, alles Loslasssen-Müssen, absolute Vereinzelung. Aber es meint auch: Wer an Christus gebunden ist, fällt nicht ins Nichts; er fällt in die Hände dessen, der uns bei Namen ruft. Für viele heute ist „Seele“ zu einer Abstraktion geworden – eine Art feiner Dunst. Das biblische Bild ist konkreter: Der Mensch ist leib-seelische Einheit. Darum hoffen Christen auf die Auferstehung des Leibes – auf eine durch Gottes Geist erneuerte Ganzheit. Allerseelen erinnert an diese Hoffnung: Was geliebt wurde, - und jeder Mensch wurde und wird von Gott geliebt - geht nicht in Staub auf; es wird bewahrt und verwandelt.
 
Drittens: Die Frage, die alles sammelt: „Glaubst du das?“ Mitten im Gespräch mit Martha stellt Jesus eine Frage, die entscheidet: „Glaubst du das?“ Er fragt nicht: Fühlst du das? Er fragt nicht: Hast du Beweise? Er fragt nach der Bindung. Martha spricht daraufhin ein kleines, großes Credo: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes.“ Sie bekennt keine Theorie, sie bekennt ihren Glauben an eine Person, an Jesus. Allerseelen stellt uns dieselbe Frage. Nicht als Prüfung, sondern als Einladung: Woran binde ich meine Toten? An den Zufall, an die Erinnerung, an Naturkreisläufe, dass die Moleküle der Toten im Kreislauf der Natur irgendwie wieder verwendet werden? – oder an den, der sagt: Ich bin? Wir leben in einer Zeit, in der in einer „Cloud“, wie wir sagen, es ist das englische Wort für Wolke, alles gespeichert wird: Fotos, Chats, Sprachnachrichten. Allerseelen erinnert: Nicht die Cloud mit unseren Erinnerungen hält unsere Toten, Gott hält sie. Darum sind kirchliche Rituale keine Nostalgie. Sie sind Leitern zwischen Himmel und Erde: Gebet, Lesung, Eucharistie – Orte, an denen das „Ich bin“ Jesu unser „Ich bin verloren“ verwandelt.
 
Und noch dies: Der Abschnitt endet mit Martas Bekenntnis: Kurz darauf, so erzählt Johannes weiter, weint Jesus. Gott weint. Das ist keine Randnotiz. Es heißt: Der, der sagt „Ich bin das Leben“, verachtet unsere Tränen nicht. Er nimmt sie in sein eigenes Herz. Liebe Schwestern und Brüder, Allerseelen ist kein Tag der Schwermut, sondern der wahrhaftigen Hoffnung. Wir halten die Spannung aus: die Leere und die Zusage, die Stille und das Wort. Und wir hören die Frage, die uns den Rücken stärkt: „Glaubst du das?“ Antworten wir mit Martha – vielleicht noch tastend, vielleicht schon gewiss: „Ja, Herr.“ Du bist sterblich.  Aber du bist gemeint. Du wirst sterben. Aber du bist gerufen – nicht ins Nichts, sondern ins Leben, das du nicht selbst machen kannst, dass du aber empfangen darfst. Und so lautet die leise, große Hoffnung dieses Tages: Weil Gott der ist, der uns nicht gehen lässt in den Tod, ohne uns beim Namen zu rufen. So ist Allerseelen der Tag der Namen, die in Gottes Hand geschrieben sind.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater