Seligpreisung

01.11.2025 |

Predigt | Lesejahr C Allerheiligen | Mt 5,1-12a

P. Ambrosius Leidinger, 01.11.2025
gehalten in St. Elisabeth
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Die Kirche feiert heute Allerheiligen. Kein Gedenktag für Übermenschen, kein exklusiver Feiertag für Hochbegnadete, sondern eine Einladung an uns alle. Jesus steigt auf den Berg, setzt sich, und beginnt zu lehren. Diese Szene erinnert an Mose auf dem Sinai: Gott spricht, aber diesmal mit der Stimme des Sohnes. Am Anfang der Bergpredigt steht kein Gesetzeskatalog, stehen keine Forderungen, sondern Zusagen. Die Seligpreisungen sind kein moralisches Treppengeländer, an dem wir uns nach oben hangeln. Sie sind ein Bild dessen, was Gottes Reich mitten in einer verletzlichen Welt schon jetzt hervorbringt. Sie sind Segen.
 
Jesus spricht nicht über Moral, sondern über Seligkeit. Er sagt nicht: Seid besser, seid stärker, seid mehr. Er sagt: Selig seid ihr – wenn ihr leer, wenn ihr leidend, wenn ihr hungrig, wenn ihr barmherzig, wenn ihr verfolgt seid. Die Welt hat völlig andere Seligpreisungen. Selig, wer performt. Selig, wer glänzt. Selig, wer Kontrolle hat. Selig, wer Geld hat. Johannes Tauler, der große Prediger der Gottesgeburt im Menschen, sagte: „Nicht viel Wissen sättigt die Seele, sondern das innige Fühlen und Schmecken der göttlichen Dinge.“ Heiligkeit beginnt dort, wo ein Mensch durchlässig für Gott wird. Wo er sich von Gott ergreifen und bergen lässt. Martin Schleske, Geigenbaumeister, sagt über den Klang eines Instruments: „Ein Ton ist nicht schön, weil er perfekt ist, sondern weil er verwundet klingt.“ Auch das ist ein Bild für Heiligkeit: Wenn unser Leben Klang bekommt, nicht trotz, sondern durch seine Brüche, wenn unsere Armut, unsere Trauer, unser Hunger nicht versteckt wird, sondern verwandelt.
 
„Selig, die arm sind vor Gott“  ist kein Lob der Naivität. Es ist ein Lob der Leere. Nur wer leer ist, kann empfangen. Wer sich nicht vollstellt mit Meinungen, Sicherheiten, Besitzständen, Vorurteilen. Meister Eckhart spricht vom „ledig“ werden: Selig sind die, die nicht voll sind von sich selbst – sie haben Raum für Gott und für den Nächsten. „Arm im Geist“, „trauernd“, „sanftmütig“ – das sind also keine Charakterideale für besonders Gelassene. „Arm“ meint den, der die leeren Hände kennt; „trauernd“ meint den, der die Risse der Welt nicht zudeckt; „sanftmütig“ heißt nicht weich, sondern beschreibt Kraft unter Disziplin, Gewaltlosigkeit aus Stärke. Das ist die erste Trias.
 
Durch eine zweite Trias können wir unsere Ausrichtung finden durch Gerechtigkeit, durch Barmherzigkeit und durch ein reines Herz. „Die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“: hier ist kein Moralisieren gemeint, sondern der Durst nach einer Welt in rechter Ordnung mit Strukturen, die gerecht sind, Beziehungen, die heil sind. Dann: „Barmherzige“. Sie sind bereit, zu helfen und zu schenken. Dann: „Reinen Herzens“ heißt nicht fleckenlos sein, sondern ungeteilt – eine integre Mitte haben. Simone Weil nannte das „Aufmerksamkeit“: ein waches, wohlwollendes Hinsehen. Wer so schaut, wird Gott sehen: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“
 
Als drittes: Selig sind, die die Sendung annehmen: Frieden stiften, Verfolgung ertragen. „Friedenstifter“ sind keine Beschwichtigungsprofis, sondern Menschen, die Konflikte in die Wahrheit führen, damit Versöhnung werden kann. „Verfolgte um der Gerechtigkeit willen“ erinnern daran, dass Gottes Reich quer zu den Interessen der Mächtigen steht. Daran reibt sich die Welt – und genau dort verheißt Jesus Freude: „Freut euch und jubelt!“ Das ist kein frommer Trotz, sondern gemeint ist: Die Zukunft Gottes greift schon in die Gegenwart. Unsere Kultur belohnt Sichtbarkeit, Tempo, Effizienz. Viele leben unter der stillen Maxime: „Glücklich sind die Durchsetzungsfähigen, die Lauten, die immer online sind.“ Jesus widerspricht. Er erklärt andere als glücklich: die, die weinen können; die, die nicht brechen, wenn sie nicht Recht bekommen; die, die nicht alles kontrollieren; die, die an der Gerechtigkeit nicht satt werden; die, die den ersten Schritt zur Versöhnung wagen; die, die Rückschläge aushalten, ohne zu verbittern. Das ist nicht Weltflucht – das ist Weltheilung. Die Seligpreisungen sind darum auch politisch – im besten Sinn. Sie rufen eine Gemeinschaft hervor, die anders rechnet: mit Gnade statt Zynismus, mit Langmut statt Empörung, mit Wahrhaftigkeit statt Imagepflege.
 
Johannes Bours, der kluge Münsteraner Spiritual, sagte einmal: „Wer immer nur fragt: Wozu bin ich da? hat die tiefere Frage noch nicht gestellt: Von wem bin ich gemeint?“ Die Seligpreisungen antworten auf genau diese Frage: Du bist von Gott gemeint – nicht in deiner Leistung, sondern in deinem Dasein. Nicht als Ideal, sondern als Bedürftiger. Nicht wenn du glänzt, sondern wenn du Hilfe brauchst. Allerheiligen stellt uns die Frage: Wo klingt mein Leben schon nach Gott? Und wo ist es noch stumm? Wo ist es leer genug, dass Segen sich einziehen? Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht lautet die verborgenste aller Seligpreisungen: Selig, wer sich Gott gefallen lässt. Nicht weil er groß und mächtig ist, sondern weil er nahe ist und sich berühren lässt. Diese Berührung macht heilig.
Amen.