Reichtum

03.08.2025 |

Predigt | Lesejahr C 18. Sonntag | Lk 12,13–21

P. Ambrosius Leidinger, 03.08.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Einer aus der Menge ruft. Nicht nach Erlösung, nicht nach Wahrheit, wie es bei Jesus zu erwarten wäre. Er ruft: „Sag meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teilen soll!“ Ist das ein Ruf nach Gerechtigkeit? Vielleicht. Eher ein Ruf nach Besitz! Es ist die Stimme, die wir alle kennen. Keine Stimme aus der Fremde, sondern aus uns selbst. Es ist die Stimme, die rechnet. Die vergleicht. Die sich zu kurz gekommen fühlt. Jesus antwortet nicht mit einem Urteil, sondern mit einer Geschichte. Er erzählt vom reichen Mann, der alles hat – außer Sinn. Es gibt eine Dummheit des Erfolgreichen. Der Reiche denkt klug – aber nur auf eine Art.
 
Der frühere Spiritual des Münsteraner Priesterseminars Johannes Bours warnte wie er es nannte vor einer „intelligenten Dummheit“, die gerade bei studierten Leuten oftmals anzutreffen sei: „Viele sind klug genug, sich alles zu sichern“, so Bours, „aber dumm genug, nicht zu wissen, wofür“ (Bours, Stille Botschaft, 103). Ich muss an den 90 jährigen Nachbarn von früher von zu Hause denken, der, kinderlos, sein Geld für 25 Jahre angelegt hatte, damit es höhere Zinsen bringt. Es geht nicht darum, das irdische Leben zu verachten. Jesus hat oft mit Freude gegessen, gefeiert, das Leben bejaht. Es gab etliche, vor allem Frauen in seinem Gefolge, die ihn finanziell unterstützt hatten. Aber er sagt uns: Verwechsele nicht das Mittel mit dem Ziel. Die Güter dieser Welt – sie sind Wegzehrung, nicht der Sinn. Die Arbeit, die Häuser, das Geld – sie dürfen uns dienen, aber sie dürfen uns nicht besitzen.
 
Der Mann in der Geschichte plant. Er optimiert. Er lagert. Er rechnet. Das ist ja nicht falsch. Unser Leben, unsere Kultur, baut ja darauf auf. Ohne Vorsorge können wir nicht leben. Doch der Mann kennt nur ein Personalpronomen: ich. „Ich werde abreißen… ich werde bauen… ich werde sagen…“ In der Nacht spricht Gott. Es spricht nur einmal. Und er spricht nur mit einem Wort: „Du Narr!“ Das ist kein Schimpfwort. Es ist ein Urteil aus Liebe. Denn Gott lacht nicht über den Menschen – er ruft ihn zurück. „Du Narr“ ist ein Wort Gottes. Der Narr ist nicht der, der wenig weiß, sondern der, der alles weiß, außer: dass es um mehr geht als um sich. Gott ruft nicht, um uns bloß zu stellen, sondern um uns freizulegen. Damit ich als eigene Person hervortreten kann: wach, empfangsbereit.
 
Was also bleibt? Bours fragt einmal provokant: „Wenn du alles verlierst, was du nicht wirklich bist – wer bleibt dann übrig?“ (vgl. Bours, Die Wahrheit in der Tiefe, 67) Der reiche Mann stirbt. Und Jesus erzählt nicht, was mit ihm geschieht. Es geht ihm nicht um den reichen Mann. Es geht ihn um uns. Weil es auf uns ankommt. Auf unsere Antwort. Es gibt ein Sammeln, das uns leer macht – und es gibt ein Sammeln, das unsere Seele weit macht. Der eigentliche Schatz liegt im Anderen. Wenn Jesus von Reichtum spricht, meint er nicht den materiellen Besitz. Er meint vielmehr den Ort, wo das Herz sich sammelt. Die wahre Scheune ist das Herz, das fähig ist, den Anderen zu bergen, ohne ihn zu besitzen. Das können wir nur, wenn wir uns bewusst sind, wer wir eigentlich sind: Und da darf der Christenmensch bekennen: „Ich bin geliebt. Gott, der mich geschaffen hat, hat mich aus Liebe geschaffen. Ich bin in jedem Augenblick meines Lebens von Gott geliebt.“ Dieses christliche Selbstbewusstsein schenkt mir dann auch Sinn für mein Leben. Das bedeutet: Gott hat etwas mit mir vor. Ich bin berufen. Dieses „Ich bin geliebt“ und dieses „ich bin berufen“ sind die beiden Grundworte unserer christlichen Existenz.
 
Dieses Grundbewusstsein „Ich bin geliebt, und ich bin berufen zu lieben“, so oft wir es vergessen, so oft wir in so vielen konkreten Lebenssituationen so handeln, als ob es Gott nicht gäbe, bleibt unser christliches Fundament, ist die Quelle, aus der unser Reichtum vor Gott kommt. Und Reichtum vor Gott – das sind Momente, in denen ich mit ganzem Herzen lebe. Wenn ich vergebe. Wenn ich tröste. Wenn ich einen Menschen aufrichte. Wenn ich für einen Menschen da bin. Wenn ich Gott in der Stille suche. Solche Schätze kann dir keiner nehmen. Sie bleiben vor Gott. Also, Schwestern und Brüder: Lasst uns sammeln – nicht das, was uns festhält, sondern das, was uns selbst frei macht, was uns frei macht für Gott und den Nächsten. Die Scheunen der Ewigkeit sind immer offen, die himmlischen Scheunen, die uns Sinn schenken.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater