Predigt -A- 25. Sonntag

20.09.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Predigt - Mt 20, 1-16

P. Ambrosius Leidinger, 20.09.2026
Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium heute verletzt unseren Maßstab für Leistung, Vergleich und Gerechtigkeit. Ein Weinbergbesitzer geht mehrmals am Tag hinaus, stellt Arbeiter ein, zahlt am Abend allen denselben Lohn und provoziert damit den Protest derer, die den ganzen Tag gearbeitet haben.
Die Liturgie stellt diesen Text nicht zufällig neben den Jesaja-Text der ersten Lesung (55), wo Gott sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege“, und neben Philipper 1, wo Paulus nicht fragt, was ihm persönlich mehr nützt, sondern was dem Evangelium und den anderen dient. Schon dadurch wird deutlich: Dieses Evangelium ist nicht nur eine kleine Sozialparabel über Arbeitsrecht. Es ist ein Gleichnis über Gottes andersartige Gerechtigkeit, über die Würde des Menschen vor Gott und über den Neid.
„Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt.“ Es muss gesagt werden, dass ein Denar der normale Tageslohn war. Das heißt: Die Provokation des Gleichnisses liegt nicht darin, dass die Ersten betrogen worden wären. Der Besitzer sagt ausdrücklich: „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf den Denar geeinigt?“ Das Evangelium beginnt also mit einer merkwürdigen Verschiebung: Nicht Unrecht steht im Zentrum, sondern das Problem, dass Gottes Güte größer ist als unser Vergleichsdenken.
Die Arbeiter der ersten Stunde leiden nicht an zu wenig Lohn, sondern an einem verwundeten Gerechtigkeitsgefühl. Sie bekommen genau das, was vereinbart war. Ihr Zorn entsteht nicht aus objektiver Benachteiligung, sondern aus der Tatsache, dass die anderen „ihnen gleichgestellt“ werden.
Viel Verbitterung kommt nicht daher, dass wir wirklich zu kurz kämen. Der Schmerz sitzt nicht in der Sache, sondern im Vergleich. Das Gleichnis ist deshalb nicht nur ein Wort über Gottes Gnade; es ist auch ein Wort über den Neid als spirituelle Krankheit.
Papst Franziskus hat in einer Katechese über Neid und Eitelkeit genau diese Stelle des Evangeliums aufgegriffen und gesagt, im Neid liege eine falsche Vorstellung von Gott. Wir akzeptierten nicht, dass Gott seine eigene „Mathematik“ habe. Papst Franziskus sagt: Die Logik Gottes ist Liebe. Er spricht ausdrücklich davon, dass wir Gottes gute Gaben teilen sollen und dass Neid daraus entsteht, dass wir den Erfolg oder das Gute des anderen wie eine Kränkung erleben. Das Problem der ersten Arbeiter ist nicht ihr Fleiß. Das Problem ist ihre Vorstellung, Gott müsse zwingend nach dem Schema der Konkurrenz handeln.
Es lohnt sich, an dieser Stelle die Erzählung noch einmal von ihrem Anfang her zu lesen. Der Besitzer des Weinbergs geht selbst hinaus. Er delegiert das nicht einfach. Er geht auf den Markt, wo Menschen warten. Papst Leo XIV. hat in seiner Generalaudienz vom 4. Juni letzten Jahres gerade diese Einzelheit herausgestellt:
Der Gutsherr suche die Arbeiter persönlich, weil er eine Beziehung zu ihnen herstellen wolle. Das Reich Gottes beginnt also nicht mit anonymer Verwaltung, sondern mit einem Herrn, der die Menschen auf dem Markt sieht, anspricht und in seine Arbeit hineinruft. Noch bevor überhaupt von Bezahlung die Rede ist, geht es um Würde. Der Arbeiter ist im Gleichnis nicht bloß eine Produktionskraft, sondern ein Angesprochener. Gott ruft Menschen nicht zuerst, weil sie nützlich wären, sondern weil sie vor ihm Würde empfangen, haben.
Papst Leo geht in derselben Katechese noch einen Schritt weiter und nennt den Marktplatz einen sehr treffenden Ort auch für unsere Zeit. Man wartet, um „genommen“ zu werden, um brauchbar, einsetzbar, sinnvoll zu erscheinen. Gerade die Männer der letzten Stunde tragen dieses Schicksal in sich. Sie stehen noch immer da, nicht weil sie faul wären, sondern weil „niemand sie angeworben hat.“ Sie sind nicht Drückeberger, sondern Übersehene, Menschen, die nicht gebraucht wurden. Papst Leo sagt ausdrücklich: Der Herr geht selbst um fünf Uhr noch einmal hinaus, weil selbst dann das Leben eines Menschen noch Würde und Sinn habe. Die Letzten sind nicht die moralisch Schlechten. Sie sind zuerst die, die zu spät gekommen scheinen.
 Hier liegt vielleicht die zweite, tiefere Provokation des Evangeliums: Die ersten Arbeiter empören sich über die Gleichstellung der Letzten, aber sie übersehen, dass diese Letzten den ganzen Tag mit der Demütigung lebten, nicht gerufen worden zu sein. Das macht die Lage plötzlich anders. Was sie am Abend erhalten, ist nicht bloß Geld. Es ist die Wiederherstellung einer Würde, die den Tag über in Frage stand. Papst Leo formuliert es so: Der Gutsherr wolle um jeden Preis dem Leben jedes einzelnen Menschen Wert verleihen. Dann wird auch die Frage nach dem „Gerechten“ anders. Gerecht ist für Gott offenbar nicht nur, jedem exakt nach Stunden zu entlohnen, sondern jedem das zukommen zu lassen, was zum Leben nötig ist. Der Papst sagt wörtlich: Für den Besitzer des Weinbergs – also für Gott – ist es gerecht, dass jeder das erhält, was er zum Leben braucht. Genau an diesem Punkt beginnt Gottes Gerechtigkeit die unsere zu übersteigen. 
Das hilft, die Erzählung aus der Falle eines rein ökonomischen Missverständnisses zu befreien. Das Gleichnis will keine Tarifordnung entwerfen. Es will auch keine Ausbeutung schönreden. Der Denar ist hier nicht ein beliebig festgelegter Betrag, sondern das, was eine Familie für den Tag zum Leben braucht. Die ersten Arbeiter haben ihren gerechten Lohn. Die letzten erhalten das, was nötig ist, damit sie nicht mit leeren Händen heimkehren. Der Herr des Weinbergs handelt also nicht gegen Gerechtigkeit, sondern jenseits einer Gerechtigkeit, die nur das Verdienstmaß kennt.
In Kapitel 34 seiner Regel schreibt Benedikt: „Jedem werde gegeben, was er nötig hat“; und er fügt sofort hinzu, das bedeute keine Bevorzugung, sondern Rücksicht auf Schwächen. Wer weniger braucht, solle Gott danken; wer mehr braucht, solle sich seiner Schwäche bewusst sein; und so bleibe Friede in der Gemeinschaft. Benedikt durchschaut mit großer Nüchternheit die innere Logik des Neides: Nicht die unterschiedliche Zuteilung zerstört die Gemeinschaft, sondern das Murren darüber. Wo jeder nur vergleicht, wird aus einer Gemeinschaft von Brüdern ein Markt der Rivalität.
Gerade dieses Murren ist ein entscheidendes Motiv. Die ersten Arbeiter „murren“ gegen den Gutsherrn. Es erinnert an Israel in der Wüste, an die Klage gegen Mose, an das Unverständnis gegenüber Gottes Weg. Benedikt kennt das so gut, dass er 34 sagt, das Murren müsse „vor allem“ ausgerottet werden. Warum? Weil Murren das Herz vergiftet. Das Murren ist im Gleichnis daher nicht bloß spontane Unzufriedenheit, sondern eine spirituelle Deformation. Der Murrer kann die Güte des Herrn nicht mehr sehen. Es raubt dem Herzen die Fähigkeit, Gnade als Gnade zu erkennen.
Der Vergleich löscht die Dankbarkeit aus. Das ist ein sehr genauer geistlicher Befund. Auch im christlichen Leben kann der Mensch lange treu, fleißig, engagiert, fromm oder opferbereit gewesen sein – und am Ende doch bitter werden, wenn er Gottes Güte im anderen nicht erträgt.
Im Gleichnis wird auch die Frage nach dem Sinn der letzten Stunde angesprochen. Die Arbeiter um fünf Uhr erhalten ja nicht bloß einen Denar. Sie erhalten einen Tag, der nicht vergeblich war. Papst Leo sagt dazu, diese Männer hätten vermutlich schon alle Hoffnung aufgegeben. Und doch kommt einer, der ihnen noch Sinn gibt. Das Gleichnis handelt nicht nur von Gottes Gnade im Verhältnis zu Verdienst, sondern auch von Gottes Ruf an die, die meinen, ihre Zeit sei fast verstrichen, ihre Lebensmöglichkeit vertan. Noch um fünf Uhr geht der Herr hinaus. Gerade darin liegt Hoffnung – für Spätberufene, Spätbekehrte, späte Einsicht, späte Heimkehr, für alle, die sich zu spät fühlen. Gottes Reich kennt keine nutzlos gewordene Stunde.
Doch das Gleichnis tröstet nicht nur die Letzten. Es richtet auch die Ersten auf, wenn sie bereit sind, ihren Neid loszulassen. Denn früh im Weinberg zu sein, ist keine Benachteiligung. Es ist Gnade. Früh gerufen zu sein heißt: lange mit dem Herrn unterwegs sein dürfen, lange unter seinem Wort leben, lange in seinem Werk stehen, lange die Kraft seiner Nähe kennen. Wer das erkennt, wird nicht bitter. Er wird dankbar. Vielleicht ist das eine wichtige Korrektur für langjährig Glaubende, langjährig Engagierte, langjährige Ordensleute, Priester, Mitarbeiter, Fromme: Die eigene lange Treue wird schön, wenn sie als langes Gehen mit dem Herrn erkannt wird. Dann wird aus dem „Ich habe mehr getragen“ kein Anklagewort, sondern ein stilles Danklied. Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater