Liebe Schwestern und Brüder,
Gerade eben hat Petrus Jesus als Messias bekannt. Gerade wurde ihm Verantwortung zugesprochen. Und nun wird er scharf von Jesus zurückgewiesen. „Tritt hinter mich, du Satan.“
Es geht hier nicht um irgendeinen Fehler, den Petrus begangen hätte, sondern um etwas Grundsätzliches, um eine Grundversuchung: Gott nach unseren Vorstellungen zu formen.
„Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, dass er nach Jerusalem gehen müsse und vieles leiden werde.“
Jesus spricht vom Leiden nicht als Unfall, als Scheitern, sondern als Konsequenz seines Weges. Das passt nicht in die Logik von Erfolg und Durchsetzung. Und genau das ist für Petrus unerträglich. Der leidende Messias ist für ihn eine Zumutung.
„Das soll Gott verhüten! Das darf nicht geschehen!“
Petrus meint es gut. Er will schützen. Er will bewahren. Petrus ist die Stimme der gut gemeinten Vernunft. Aber genau hier liegt die Gefahr.
Jesus ist nicht der Christus im Sinn eines religiös erfolgreichen Überwinders. Er ist der, der nach Jerusalem geht. Und dieses „muss“ – dass er gehen, leiden, sterben und auferweckt werden müsse – ist entscheidend.
Es ist der Weg, der aus Gottes Willen kommt, das Scheitern Jesu muss nicht erst nachträglich erklärt werden. Matthäus sagt damit: Das Kreuz steht nicht am Rand der Sendung Jesu, sondern ist die Mitte.
Petrus nimmt Jesus beiseite und beginnt ihn zurechtzuweisen, aber nicht aus Bosheit. In seiner Reaktion liegt sogar Liebe. Er will nicht, dass Jesus leidet. Er will nicht, dass das angekündigte Unheil geschieht.
Jesus antwortet mit einer großen Härte: „Geh hinter mich, Satan!“ Ich denke, Jesus antwortet auch deshalb so heftig, weil er mit sich selbst ringen muss, weil er sich selbst seines Wegen versichern muss.
Petrus wird nicht verteufelt, aber sein Denken wird als satanisch bezeichnet. Gerade das macht die Szene so existentiell. Satan ist hier nicht zuerst der dämonische Gegner von „draußen“, sondern die Versuchung im eigenen Herzen, Jesus ohne Kreuz zu wollen.
Das Wort „hinter mir“ ist wörtliche Übersetzung. Jesus stellt die Ordnung wieder her: Nicht vor mir, nicht neben mir, sondern hinter mir. Das ist die Grundform der Nachfolge. Wer Christus folgen will, kann ihm nicht den Weg diktieren. Das gilt nicht nur für Petrus. Es gilt für die Christen jeder Zeit.
Jesus begründet seine Zurückweisung mit einem Satz, der durch das ganze Christentum hindurchgeht: Petrus habe nicht das im Sinn, was Gott will, sondern das, was die Menschen wollen. Hier liegt der eigentliche Wendepunkt.
Man kann an Jesus glauben, von seiner Menschlichkeit fasziniert sein und doch den Weg des Gekreuzigten zurückweisen. Man kann von Kirche reden und doch innerlich nach Erfolgskriterien urteilen. Deshalb ist das Kreuz nicht nur ein Gegenstand der Andacht. Es ist die Form, in der das Denken des Christen neu wird. Wer das Kreuz nicht als Maßstab annimmt, wird Christus unweigerlich nach den Bedürfnissen einer weltförmigen Vernunft zurechtschneiden. Paulus’ Wort vom erneuerten Denken ist darum keine fromme Ergänzung. Es ist die eigentliche Beschreibung dessen, was Jesus mit Petrus tut: Er stößt ihn zurück, nicht um ihn zu verlieren, sondern um sein Denken umzuwandeln.
Darum richtet Jesus nun den Blick von Petrus weg auf alle Jünger: Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Es ist die Grundgestalt der Jüngerschaft. Selbstverleugnung ist aber nie Selbstverachtung. Sie ist nicht die Verneinung von sich selbst, sondern die Absage an ein selbstherrliches Ich, das sich selbst zum letzten Maßstab von allem machen will.
Und Jesus sagt weiter: Nimm dein Kreuz auf dich. Man muss sehr sorgfältig überlegen, was das bedeutet – und was nicht. Das Kreuz ist nicht jedes beliebige Unglück. Es ist nicht einfach jede Müdigkeit des Alltags. Es hat auch nichts mit einer diffusen Kultur des Leidens zu tun.
Im Evangelium entsteht das Kreuz dort, wo der Weg Gottes durch die Wirklichkeit dieser Welt hindurchgeht und auf Widerstand stößt. Jesus kündigt zuerst seinen eigenen Leidensweg nach Jerusalem an, erst dann spricht er vom Kreuz der Jünger. Das Kreuz des Jüngers ist also nie losgelöst von Jesu eigenem Kreuz. Es ist Teilnahme an einer Bewegung, die Christus selbst eröffnet.
Manchmal wird das Kreuz so verstanden, als müsse der Christ möglichst viel Schweres auf sich laden, um Gott zu gefallen. Das Evangelium sagt etwas anderes. Nicht das Leid als solches ist heilig, sondern die Nachfolge Christi auf dem Weg des Vaters. Das Kreuz ist nicht Selbstzweck, sondern der Ort, an dem Liebe sich bewährt. Deshalb muss auch jede geistliche Rede vom Leiden vorsichtig sein. Sie darf nicht in Masochismus abgleiten und nicht die Opfergeschichten der Menschen verklären. Aber sie darf ebenso wenig so tun, als könne man Christus folgen, ohne an den Widersprüchen des wirklichen Lebens Anteil zu bekommen. Wer das Reich Gottes ernst nimmt, gerät in Konflikt mit den Logiken dieser Welt. Genau dort wird das Kreuz konkret.
Wenn wir die heutige Welt so widersprüchlich erfahren, dann ist die christliche Antwort nicht Resignation, sondern auch dann noch eine positive Antwort geben, so gut man kann. Das ist dann Kreuzesnachfolge.
Von hier aus wird der nächste Satz Jesu verständlich: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer es um meinetwillen verliert, wird es finden. Wieder ist größte Vorsicht nötig.
Jesus verachtet das Leben nicht. Er entlarvt vielmehr eine bestimmte Weise, es festhalten zu wollen. „Sein Leben retten“ bedeutet hier nicht einfach, gesund bleiben zu wollen. Der Mensch, der alles auf Selbsterhaltung, Erfolg, Image, Absicherung hin ordnet, meint, sein Leben zu gewinnen.
Aber das Ich gewinnt sich nicht im Besitz seiner selbst, sondern in der Hingabe an ein Größeres.
Und damit wird der letzte Satz des Evangelienabschnittes entscheidend: Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit des Vaters kommen und jedem nach seinem Tun vergelten. Man hört darin leicht nur Gericht. Es ist Gericht. Aber man sollte auch die Verheißung nicht überhören.
Der Weg des Kreuzes wird nicht im Nichts enden. Das Gericht ist darum im Evangelium nie bloß Strafe. Der Gehorsam des Sohnes führt in die Herrlichkeit des Vaters, und die Nachfolge der Jünger wird an diesem Licht gemessen werden.
Dann wird aus dem harten Wort an Petrus am Ende doch ein Wort der Gnade. Denn der, zu dem Jesus sagt: „Hinter mir“, wird eben damit wieder hinter den Herrn gestellt – nicht hinausgeworfen, sondern neu eingeordnet. Vielleicht ist das die tiefste Sinn: Dass Jesus den irregewordenen Petrus nicht aufgibt, sondern ihn hinter sich zurückruft. Dort beginnt Jüngerschaft. Dort beginnt Kirche. Und dort beginnt vielleicht auch für uns die innere Freiheit, auf dem Weg Gottes zu gehen im Angesichts des Kreuzes.
Amen.










