Predigt -A- 19 Sonntag

09.08.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Predigt - Mt 13, 44-52

P. Ambrosius Leidinger, 09.08.2026

Liebe Schwestern und Brüder,

In wenigen Versen ist in einem großen Bogen fast die ganze Dynamik des Glaubens geschildert: der Abend, die Nacht, das Boot, der Gegenwind, die Angst, das Missverständnis, das Wort Jesu, das Schreiten des Petrus über das Wasser, das Sinken, der Schrei, die rettende Hand, das Stille, die Anbetung und am Ende das Bekenntnis: „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“
Jesus „drängte“ – so heißt es wörtlich - die Jünger, ins Boot zu steigen und ans andere Ufer vorauszufahren, während er selbst noch bei den vielen Menschen bleibt und sie entlässt. Das bedeutet: Die Jünger gelangen nicht zufällig oder aufgrund eigener Fehlentscheidung in den Sturm. Sie fahren auf Jesu Wort hinaus auf den See.
Spirituell übertragen heißt das: Nicht jede Nacht ist ein Zeichen von Untreue. Nicht jeder Gegenwind bedeutet, dass man den falschen Weg gegangen wäre. Das Evangelium widerspricht damit einer sehr verbreiteten religiösen Verkürzung: als müsse der Weg mit Christus immer sofort als leichter, heller und sicherer Weg erfahrbar sein. Gerade das Gegenteil kann der Fall sein. Der Herr selbst sendet die Seinen auf einen Weg, der sie in Grenzerfahrungen führt.
 Jesus geht auf den Berg, allein, um zu beten. Die Jünger sind auf dem See. Schon hier tut sich eine große räumliche Spannung auf. Der Berg ist im Matthäusevangelium oft der Ort der Offenbarung: bei der Bergpredigt, bei der Versuchung, bei der Verklärung. Der Berg ist der Ort des Gebets.
Jesus ist der Sohn, der aus der Nähe des Vaters lebt. Gerade darum kann er den Jüngern in der Nacht begegnen. Seine Macht über die See ist nicht Magie, er ist kein Wundermann, sondern entspringt der Nähe seines Seins zum Vater.
An dieser Stelle berührt sich das Evangelium sehr stark mit der ersten Lesung. Elija steht am Horeb, und Gott geht vorüber. Aber Gott ist nicht im gewaltigen Wind, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer; er begegnet im feinen, kaum hörbaren Laut.
Auch Jesus ist zunächst nicht dort, wo die Jünger ihn erwarten würden. Sie kennen den Wind und die Wellen. Aber die eigentliche Gegenwart Gottes erschließt sich anders. Elija lernt: Gott ist nicht in der Gewalt der Elemente anzutreffen. Die Jünger lernen: Jesus begegnet als der, der größer ist als das, was uns erschreckt.
Unterdessen ist das Boot schon weit vom Ufer entfernt, von den Wellen geschüttelt, gepeitscht im Wind. Die Jünger arbeiten gegen das turbulente Meer. Matthäus sagt nicht, dass das Boot untergeht. Er sagt aber auch nicht, es sei nicht so schlimm. Die Jünger sind unterwegs, und der Weg selbst wird sehr mühsam.
 Viele Christen haben deshalb das Boot seit frühester Zeit als Bild der Kirche gelesen. Ein Boot ist keine Festung auf festem Grund, nicht das bequeme Liegen in einem sicheren Hafen, sondern das Vorankommen unter Gegenwind. Man ist nicht gescheitert, weil man müde wird. Man ist unterwegs.
Die Kirche ist genau darin Kirche, dass sie nicht am Ufer bleibt. Sie ist unterwegs, und gerade deshalb kennt sie Gegenwind, Wellenschlag, Nacht und Furcht. Die Kirche wird nicht dadurch Kirche, indem sie von Stürmen verschont bleibt, sondern dadurch, dass Christus gerade in den Stürmen gegenwärtig bleibt.
Nicht jede Nacht ist Schuld, nicht jede Dunkelheit Versagen; es gibt die Nacht der Erschöpfung, der Überforderung, der Trauer, des Nicht-mehr-Weiter-Wissens. Die Nacht der Jünger ist nicht die Nacht einer besonderen moralischen Schuld. Sie ist die Nacht des Gegenwinds, der Müdigkeit und der Begrenzung. Glauben heißt nicht, solche Nächte zu leugnen. Glauben heißt, in ihnen auf Christus hin offen zu bleiben.
Jesus kommt nun auf dem See, auf den Wogen des Sees schreitend. Das Gehen auf dem Wasser ist vor allem eine theologische Aussage über Jesu Identität. Es gibt ein starkes alttestamentliches Hintergrundmotiv. Es ist Gott selbst, der auf den Wellen des Meeres geht. Das Meer steht in der biblischen Vorstellungswelt für Tiefe, Unverfügbarkeit. Wenn Jesus auf ihm geht, ist er der Herr über das Chaos und die Bedrohung. Er handelt nicht als Artist, sondern er ist der, der als Gott handelt.
Gerade deshalb ist die Reaktion der Jünger so schmerzhaft und so menschlich: „Es ist ein Gespenst.“ Sie sehen das Richtige und deuten es total falsch.
Wir erkennen hier eine der härtesten Formen geistlicher Krise. Nicht dass Gott fern wäre, sondern dass seine Nähe im Modus der Angst missgedeutet wird. Der Herr ist da – und gerade seine Gegenwart wird für einen Augenblick als Bedrohung wahrgenommen. Das Evangelium ist in dieser Hinsicht unerbittlich realistisch. Angst macht nicht nur klein. Sie macht auch blind. Angst deformiert die Wahrnehmung. Sie lässt den Menschen im Heil den Schrecken sehen und im Retter das Gespenst. Wer sich je in einer Nacht aus Sorge, Erschöpfung oder Überforderung befand, weiß, wie wahr dieser Satz ist.
An diesem Punkt tritt Petrus hervor. Gerade in ihm zeigt Matthäus etwas von der Wahrheit der Kirche selbst: Kühnheit und Schwäche, Liebe und Angst, Gehorsam und Wanken, Bekenntnis und Kleinmut. Petrus ist der Mensch, der mehr will als Sicherheit im Boot – und doch nicht frei ist von Furcht. Vielleicht ist gerade deshalb diese Szene so tröstlich.
 Petrus sagt: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.“ Dieser Satz ist mutig und tastend zugleich. Petrus verlangt kein Zeichen aus Sensationslust. Er will zu Jesus. Aber er will nicht auf eigene Faust ins Wasser springen. Er verlangt ein Wort, einen Befehl.
Er sagt im Grunde: Ich kann nur gehen, wenn dein Wort mich trägt. Petrus ist hier gerade nicht der religiöse Draufgänger, der sich selbst überschätzt. Er weiß, dass er das Wasser nicht aus eigener Kühnheit betreten darf. Er braucht den Ruf. Und Jesus antwortet mit einem einzigen Wort: „Komm.“
Petrus geht wirklich auf dem Wasser. Viele Predigten erinnern sich nur an sein Sinken. Aber das Evangelium sagt zuerst: Er stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu.
Solange Petrus auf Jesu Wort hin auf ihn zugeht, trägt ihn etwas, was ihn aus sich selbst heraus niemals tragen könnte. Glaube rettet nicht nur vom Ertrinken; Glaube lässt auch Anteil gewinnen an einer Wirklichkeit, die größer ist als die natürlichen Möglichkeiten.
Petrus sinkt nicht schweigend. Er ruft: „Herr, rette mich!“ Wenn der Mensch wirklich sinkt, wird das Gebet ganz einfach.
Jesus reagiert sofort. Matthäus sagt: „Sogleich“ streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagte: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Der Herr wartet nicht ab. Sofort handelt er. Er rettet zuerst, und dann deutet er.
Die Rettung geht der Erklärung voraus. Das ist eine wichtige spirituelle Erkenntnis. Christus rettet den Sinkenden nicht erst, nachdem dieser seine Glaubensschwäche sauber aufgearbeitet hat. Vielmehr ergreift er ihn. Dann spricht er. Auch darin ist dieser Text ein Evangelium der Gnade. Nicht das richtige innere spirituelle Profil rettet Petrus, sondern die Hand Jesu.
Manche meinen, Glaube müsse zuerst jeden Zweifel überwunden haben, ehe man handeln dürfe. Matthäus zeigt etwas anderes. Petrus hat genug Glauben, um aus dem Boot zu steigen, aber nicht genug, um ohne jedes Wanken weiterzugehen. Vielleicht ist das die eigentliche Gestalt kirchlichen Glaubens: kein souveräner Besitz, sondern ein gefährdeter Glaube, aber von Christus immer neu geschenkt. Nicht entweder gehen oder zweifeln. Sondern gehen und mitten im Gehen in den Zweifel geraten – und dann gerettet werden. Christus nimmt auch uns an die Hand. Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater