Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium mit den Bildern von Weizen und Unkraut, Senfkorn und Baum, Sauerteig und Mehl, Haus und Feld, Sonne und Ernte gehört zu den großen und zugleich schweren Texten des Matthäusevangeliums, weil dahinter die große Frage steht, wie das Reich Gottes in einer unerlösten Welt gegenwärtig ist, warum das Gute nicht sofort sichtbar wird, warum das Böse nicht sofort verschwindet, warum das Reich mit einer fast lächerlichen Kleinheit beginnt und im Verborgenen ausbreitet.
Es lohnt sich, zunächst auf den ersten Satz Jesu sehr genau hinzuhören: „Das Himmelreich ist wie ein Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.“ Grundsätzlich ist hier gesagt. Der Anfang des Reiches Gottes ist gut. Der Sämann ist nicht unzuverlässig, nicht nachlässig, nicht halbherzig. Er sät guten Samen. Das heißt: Das Reich Gottes kommt nicht mit einem Mangel in die Welt. Es beginnt nicht mit Zweideutigkeit. Der Ursprung ist gut. Gerade deshalb wird die Frage nach dem Unkraut so drängend. Wenn der Samen gut war – woher kommt dann das Böse? Genau diese Frage stellen im Gleichnis auch die Knechte: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?“
Jesus antwortet mit großer Nüchternheit: „Ein Feind war es.“ Er romantisiert die Welt nicht. Das Evangelium ist nicht naiv. Es erkennt das Böse als wirklich an.
In der matthäischen Erklärung wird später ausdrücklich gesagt: Das Unkraut sind die Kinder des Bösen, der Feind ist der Teufel, die Ernte ist das Ende der Weltzeit. Jesu Gleichnis ist also alles andere als eine Verharmlosung des Bösen. Es hält fest: Es gibt ein gegen Gottes gute Saat gerichtetes Wirken.
Damit steht das Evangelium in einer Spannung, die für viele Menschen unerträglich ist. Wenn Gott gut ist und sein Samen gut ist: Warum greift Gott denn nicht ein? Warum lässt er das Unkraut überhaupt wachsen? Die erste Lesung gibt darauf eine überraschende Antwort. In Weisheit 12 wird Gott nicht trotz seiner Macht, sondern gerade wegen seiner Macht als mild beschrieben. Die Geduld Gottes ist also keine Schwäche. Sie ist Ausdruck seiner Souveränität.
Genau hier liegt der Schlüssel zum Gleichnis vom Unkraut. Die Knechte wollen sofort handeln: „Sollen wir hingehen und es ausreißen?“ Und der Hausherr antwortet mit nein.
Nicht, weil das Unkraut harmlos wäre, sondern weil der Versuch einer vorschnellen Reinigung das Gute selbst gefährden würde. Wenn ihr jetzt das Unkraut ausreißt, „könnt ihr zusammen mit ihm auch den Weizen ausreißen.“
Deshalb dürfen die Jünger nicht an die Stelle des endgültigen Gerichts Gottes treten und schon jetzt die letzte Scheidung vollziehen. Bis zum Ende bleibt Geduld und Ruf zur Umkehr geboten.
Dieses Gleichnis ist nicht nur eine Parabel über die Welt draußen. Es ist auch eine Parabel über unser Inneres.
Die Knechte wollen ausreißen. Jetzt. Sofort. Das ist verständlich, aber gefährlich. Jesus weiß: Wer vorschnell reinigt, läuft Gefahr, das Lebendige zu zerstören.
Die Wüstenväter kannten diese Versuchung. Abba Poimen sagt: „Wer den Splitter im Auge des Bruders sucht, verliert das eigene Augenlicht.“
Das Problem ist nicht nur, dass Weizen und Unkraut nebeneinander stehen. Das Problem ist auch, dass sie zunächst fast nicht zu unterscheiden sind. Wer vorschnell richtet, kann sich irren. Wer mit heißem Eifer reinigen will, kann das Gute beschädigen, gerade weil sich das Böse nicht immer offen als böse zeigt. Es tarnt sich. Es wächst mit. Es ähnelt. Nicht alles, was falsch ist, ist sofort als falsch erkennbar. Und nicht jeder, der heute wie Unkraut erscheint, ist schon endgültig vom Guten getrennt.
Im Kapitel 64 der Regel des heiligen Benedikt heißt es, der Abt solle „immer Barmherzigkeit über strenges Gericht stellen“; er soll bei der Korrektur nicht zu sehr den Rost auskratzen, „So könnte das Gefäß zerbrechen“; er soll seine eigene Schwachheit im Auge behalten und sich erinnern, dass „das man das geknickte Rohr nicht zerbrechen darf“. Zugleich fügt Benedikt sofort hinzu: Das bedeutet nicht, Laster wuchern zu lassen; sie sollen „klug und liebevoll“ ausgerottet werden, in der Weise, die für den jeweiligen Fall am besten ist.
Und dann sagt er etwas Entscheidendes: Der Abt soll nicht „ängstlich, nicht maßlos, nicht eifersüchtig oder allzu argwöhnig“ sein, denn sonst hat er selbst nie Ruhe. Das Reich Gottes braucht nicht den nervösen Reiniger, sondern den geduldigen Hirten.
Gerade hier ist unsere Lesung Römer 8,26–27 von großer Schönheit. Paulus sagt: „Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen.“ Das heißt: Selbst im Raum des Gebets ist der Mensch nicht der souverän Klare. Er ist schwach, tastend, innerlich gemischt. Und doch ist er nicht allein. Der Geist selbst tritt für ihn ein mit unaussprechlichem Seufzen. Man könnte sagen: Während im Feld Weizen und Unkraut zusammen wachsen, treibt der Geist uns bereits in Richtung Ernte. Das Reich Gottes wächst also nicht nur draußen. Es wächst auch in der Schwachheit meines Herzens durch die Fürsprache des Geistes. Wer das ernst nimmt, wird Geduld nicht mit Untätigkeit verwechseln. Geduld heißt hier: im Raum des Geistes bleiben, auch wenn das Feld meines Herzens noch nicht rein ist, mit Unkraut übersät.
Die Ernte ist Gottes Zeit, nicht unsere.
Die Trennung geschieht. Aber nicht jetzt. Nicht durch uns.
Amen.










