Predigt -A- 10. Sonntag
07.06.2026 |
Predigt | Lesejahr A - Predigt - Mt 9,9–13 Berufung des Matthäus – Barmherzigkeit
P. Ambrosius Leidinger, 07.06.2026
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Meine lieben Schwestern und Brüder!
das Evangelium dieses Sonntags ist kurz, beinahe spröde. Keine lange Rede, kein Wunder, keine Gleichniserzählung. Ein Mann sitzt am Zoll. Jesus sieht ihn. Ein Satz: „Folge mir nach.“ Der Mann steht auf und folgt. Dann ein Mahl, ein Einwand, eine Antwort Jesu. Mehr nicht. Und doch ist in diesen wenigen Versen fast das ganze Evangelium enthalten: Berufung, Barmherzigkeit, Tischgemeinschaft, Umkehr, Ärgernis, Heilung.
Matthäus sitzt „am Zoll“. Das ist mehr als eine Berufsangabe. Der Zoll ist ein Ort an der Grenze, des Geldes, der Abhängigkeit vom römischen System. Solche Zollpächter entrichteten für das Recht, Abgaben in ihrem Bezirk eintreiben zu können, eine feste Summe; was sie darüber hinaus einnahmen, war ihr Gewinn, weshalb Erpressung an der Tagesordnung war. Darum galten sie als Sünder, entehrt mit ihren Familien.
Jesus ruft nicht einen religiös vorbereiteten, sozial anerkannten Menschen aus einer neutralen Beschäftigung heraus. Er ruft einen, der auf der falschen Seite sitzt. Einer, der an der Grenze zwischen eigenem Volk und fremder Herrschaft verdient. Die anderen sehen den Zöllner. Jesus sieht den Menschen.
Der Blick Christi geht tiefer als die soziale Festlegung. Er sieht nicht naiv über die problematische Wirklichkeit hinweg. Er sieht Matthäus ganz realistisch. Es ist kein entschuldigender Blick. Er sagt nicht: Es ist alles nicht so schlimm, aber es ist ein Blick, der beruft.
Matthäus wird nicht zuerst moralisch analysiert, sondern seine Berufung freigelegt. Christus legt ihn nicht auf seine Vergangenheit fest, er ruft ihn in eine Zukunft, die nur aus Gnade möglich ist.
Doch die Gnade ist nicht billig. Sie ist nicht die freundliche Bestätigung des alten Lebens.
Und Matthäus bleibt nicht sitzen. Er steht auf. Der Ruf Jesu hat eine trennende Kraft. Er trennt den Menschen von dem Ort, an dem er sich eingerichtet hat.
Damit ist die erste Bewegung des Evangeliums beschrieben. Die zweite führt an den Tisch. „Während Jesus im Haus zu Tisch war“, kommen viele Zöllner und Sünder und essen mit ihm und seinen Jüngern. Tischgemeinschaft mit solchen Menschen galt als rituell problematisch. Gerade deshalb ist die Szene brisant. Das Mahl ist keine rein private Angelegenheit.
Denn das Mahl ist im Evangelium nie nebensächlich. Es ist der Ort, an dem sichtbar wird, mit wem man Gemeinschaft hat.
Darum ist die Frage der Pharisäer so verständlich und so gefährlich: „Warum isst euer Meister mit Zöllnern und Sündern?“ Es geht nicht um private Neugier. Es geht um die Grenze des Heiligen. Es geht um die Frage, ob die Heiligkeit Gottes durch Berührung mit Sündern verunreinigt wird.
Eine feine Beobachtung: Die Pharisäer fragen nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger. Wer wirklich verstehen will, fragt den, um den es geht. Wer schon innerlich geurteilt hat, fragt oft die Umgebung. So entsteht ein Raum des Verdachts. Man spricht nicht mit, sondern über jemanden.
Jesus hört es. Er antwortet mit einem Bild: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Jesus nennt Sünde nicht Gesundheit. Er romantisiert die Zöllner und Sünder nicht. Er sagt nicht: Es ist alles schon in Ordnung. Das wäre auch keine Barmherzigkeit, sondern Ignoranz. Er sagt: Hier ist Krankheit, und darum ist hier der Arzt nötig. Die Nähe Jesu zu den Sündern ist nicht Komplizenschaft, sondern ist heilende Gegenwart.
Dieser Satz Jesu hat in der benediktinischen Tradition eine große Wirkungsgeschichte. Benedikt zitiert ihn ausdrücklich im 27. Kapitel seiner Regel, dort, wo er vom Umgang mit Brüdern spricht, die ausgeschlossen oder straffällig geworden sind. Der Abt soll um sie äußerst besorgt sein, „denn nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“.
Benedikt fordert, der Abt solle wie ein weiser Arzt handeln, den Wankenden trösten, damit er nicht in übergroße Traurigkeit falle, und wissen, dass er „die Sorge für schwache Seelen“ übernommen habe, „nicht Tyrannei über starke“.
Barmherzigkeit ist bei Benedikt weder Nachgiebigkeit noch Härte. Sie ist ärztliche Klugheit. Sie kennt die Wunde, aber sie will Heilung. Sie kennt Ordnung, aber die Ordnung steht im Dienst der Rettung. Sie kennt Schuld, aber sie will nicht beschämen. Der Abt darf nicht zum Verwalter von Ausschluss werden. Er soll Arzt sein. Und genau das ist die Haltung Jesu am Tisch des Matthäus.
Wahrheit ohne Barmherzigkeit kann zur Waffe werden. Barmherzigkeit ohne Wahrheit wird sentimental und am Ende wirkungslos. Jesus hält beides zusammen. Er nennt die Kranken krank – aber er setzt sich zu ihnen. Er erkennt die Sünde – aber er ruft den Sünder. Er nimmt die Diagnose ernst – und sucht Heilung.
Nun kommt der entscheidende Satz: „Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Jesus zitiert den Propheten Hosea (6,6). Matthäus hat dieses Prophetenwort gegenüber der Vorlage des Markus eingefügt und macht damit besonders deutlich: Wenn Barmherzigkeit schon über Tempelopfern steht, dann erst recht über rituellen Vorschriften.
Jesus spricht zu religiös Gebildeten: „Geht und lernt.“ Er behandelt sie nicht als fertige Experten, sondern als Prophetenschüler. Die Tragik der Pharisäer liegt nicht darin, dass sie zu wenig religiös wären. Sie kennen die Opfer, die Reinheitsgesetze, die Tradition. Aber sie haben offenbar nicht gelernt, was Hosea meint. Man kann die Schrift kennen und doch ihre Mitte verfehlen. Man kann den Buchstaben bewahren und den Herzschlag Gottes überhören.
Dieses Evangelium richtet sich gegen jegliche religiöse Selbstsicherheit. Die Pharisäer werden nicht kritisiert, weil sie Opfer ernst nehmen. Sie werden kritisiert, weil sie das Opfer gegen die Barmherzigkeit stellen. Sobald Reinheit wichtiger wird als Heilung, verliert sie ihren Ursprung. Sobald der Sünder nur noch als Bedrohung des eigenen heiligen Raumes erscheint, ist Christus nicht mehr der Maßstab.
Das erklärt auch die Schlussformel Jesu: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ Jesus spricht in die Selbstwahrnehmung seiner Gegner hinein. Wer sich für gesund hält, wird den Arzt nicht suchen. Wer sich für gerecht hält, wird den Ruf zur Barmherzigkeit als Zumutung erleben.
Eine Geschichte der Wüstenväter: Von Abba Moses wird erzählt, dass ein Bruder in der Sketis eine Schuld begangen hatte und ein Rat einberufen wurde. Abba Moses wollte nicht kommen. Als man ihn drängte, nahm er einen undichten Krug mit Wasser und trug ihn auf dem Rücken. Auf die Frage, was das bedeute, antwortete er: Meine eigenen Sünden liefen hinter mir aus, und ich sah sie nicht; nun komme ich, um die Fehler eines anderen zu richten. Da vergaben die Brüder dem Schuldigen.
Es gibt eine „intelligente Dummheit“: Menschen können klug genug sein, sich alles zu sichern, aber gleichzeitig dumm genug, dass sie nicht wissen, wofür. Matthäus am Zoll ist gewissermaßen ein Bild dieser intelligenten Dummheit. Er ist nicht dumm im praktischen Sinn. Im Gegenteil: Ein Zöllner musste rechnen können. Aber die entscheidende Frage bleibt offen: Wofür das alles? Jesus zeigte ihm den Weg und Matthäus beschritt ihn.
Amen.










