Fronleichnam
04.06.2026 |
Predigt | Predigt | Lesejahr A - Fronleichnam
P. Ambrosius Leidinger, 04.06.2026
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Der berühmte brasilianische Erzbischof Dom Helder Camara wurde 1955 beauftragt, den eucharistischen Weltkongress in Rio de Janeiro zu organisieren. Der Kongress ging mit großer Prachtentfaltung über die Bühne. Helder Camara war überzeugt: Die Verehrung Jesu in den Gestalten von Brot und Wein muss und darf man sich etwas kosten lassen.
Am Ende des Kongresses bat ihn der alte Kardinal Gerlier aus Lyon um ein Gespräch. Was dieser alte Mann dann zu ihm sagte, das traf Helder Camara, wie er es später selbst erzählt, wie ein Blitz. Der Kardinal sagte zu ihm: „Mein Bruder Dom Helder! Weshalb setzen Sie Ihr großes Organisationstalent nicht im Dienst für die Armen ein? Sie wissen ja besser als ich, dass Rio de Janeiro eine der schönsten Städte der Welt ist, aber auch eine der grauenvollsten. Die in dieser herrlichen Umgebung existierenden Elendsviertel sind eine Beleidigung für den Schöpfer...“
Helder Camara erzählt, dass dieses Gespräch für ihn so etwas wie eine Bekehrung war. Er stellte sich seitdem ganz konsequent auf die Seite der Armen und sein ganzes Wirken galt ihnen.
Bei den Kirchenvätern fand ich folgende Sätze, die mich auf Anhieb berührten, aber auch ein bisschen verwirrten: „Willst du den Leib Christi ehren? Dann übersieh nicht, dass dieser Leib nackt ist. Ehre den Herrn nicht im Haus der Kirche mit seidenen Gewändern, während du ihn draußen übersiehst, wo er unter Kälte und Blöße leidet...
Was nützt es, wenn der Tisch Christi mit goldenen Kelchen überladen ist, er selbst aber vor Hunger zugrunde geht? Sättige zuerst ihn, der hungert; dann erst schmücke seinen Tisch von dem, was übrig ist.“
Die Predigt, die ich da gelesen habete, stammt vom heiligen Johannes Chrysostomus, einem der großen Kirchenlehrer der alten Kirche (+ 407).
In der Feier der Eucharistie begegnen wir Jesus. Wir begegnen ihm genauso in den vielen Menschen, die unsere Freundlichkeit, unser Verständnis, unsere Zuwendung brauchen, in den vielen, die heute hungern, physisch und oft noch mehr psychisch. Die Begegnung mit Jesus im Gottesdienst will uns dafür immer neu die Augen öffnen.
Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben... Ich war's: Nehmen wir das ernst? Oder ist es nur ein frommes Bibelwort?
Im Gottesdienst, in dem wir Christus begegnen, will er uns sagen: Ich bin bei dir, jeden Tag. Ich kenne deine Sorgen. Ich weiß, was dich bedrückt, was dir Angst macht. Verlass dich darauf: Ich bin bei dir. Darum ist die Eucharistiefeier die Mitte christlichen Lebens, die Mitte der Gemeinde, die Mitte unserer Gemeinschaften. Fronleichnam will sagen: Christus geht mit uns, auf allen unseren wegen, kurze und weite, vor allem auf dürren Wegstrecken, wo wir auch das Ziel nicht so genau wissen, wo wir uns zu verirren drohen, gerade da geht er mit.
In der vierten Strophe der Pfingstsequenz heißt es:
„In der Unrast schenkst du Ruh‘, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Tod.“
Das Schlüsselwort für diese spirituelle Erfahrung ist das Wörtchen „in“. Also: Nicht nach der Unrast Ruhe; nicht nach der Hitze Kühlung; nicht nach Leid und Tod der Trost. Nein: Mitten in diesen schwierigen Lebenssituationen gewährt Gottes Geist diese geheimnisvolle Kraft und Stärke.
Liebe Schwestern und Brüder!
Christliche Spiritualität kommt also nicht nach der Arbeit, irgendwann, wenn wir Muße haben; christliche Spiritualität ist eben kein Sonderbereich, der davor oder danach das Leben des Christen bestimmt. Der Heilige Geist will inspirieren mitten darin: Dort, wo wir bis über beide Ohren in Arbeit und Stress stehen, will er Ruhe gewähren; Kühlung zuhauchen, wo wir heiß laufen; in Bewegung setzen, wo wir festgefahren sind; Trost spenden und Kraft geben, wo wir in Krankheit und Leid nicht mehr ein noch aus wissen. Christus, Gottes Geist, geht mit uns, mitten in den Alltag hinein.
Zum Schluss möchte ich nochmals auf Rio de Janeiro zu sprechen kommen:
Von einem spontanen ungeplanten Abstecher Johannes Paul II. in die Favelas von Rio de Janeiro bei seinem Besuch in Brasilien 1980 wird berichtet. Die brasilianischen Gastgeber wollten dem Papst keine Gelegenheit bieten, Elendsvierteln zu besuchen. Doch der nutzte eine Lücke im dichten Besuchsprogramm und stieg mehrere hundert Stufen hoch in das Viertel Vidigal und brachte das Sicherheitspersonal damit in helle Aufruhr.
Von einem spontanen ungeplanten Abstecher Johannes Paul II. in die Favelas von Rio de Janeiro bei seinem Besuch in Brasilien 1980 wird berichtet. Die brasilianischen Gastgeber wollten dem Papst keine Gelegenheit bieten, Elendsvierteln zu besuchen. Doch der nutzte eine Lücke im dichten Besuchsprogramm und stieg mehrere hundert Stufen hoch in das Viertel Vidigal und brachte das Sicherheitspersonal damit in helle Aufruhr.
Als ihn eine Bewohnerin des Viertels um Hilfe für ihre hungernde Familie bat, zog er sich spontan den Fischerring vom Finger und schenkte ihn trotz vehementen Protestes seines Staatssekretärs der Frau.
Die Geschichte geht noch weiter: Der Ring wurde dann doch nicht verkauft, sondern es wurde eine Kapelle errichtet, in der der Ring aufbewahrt wird. Dabei entstand eine Sozialstation, um den Menschen in ihrer akuten Not zu helfen.
Amen.










