6. Ostersonntag

10.05.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 6. Ostersonntag,  Joh 14, 23-29

P. Ambrosius Leidinger, 10.05.2026

Meine lieben Schwestern und Brüder!
 
der heutige Abschnitt aus dem Johannesevangelium gehört in den großen Zusammenhang der Abschiedsreden Jesu. Er sprach sie in den Stunden vor seinem Leiden. Das ist für ihr Verständnis sehr entscheidend. Jesus spricht sie in eine Situation der Erschütterung der Jünger. Ihr Herz ist bereits gefährdet: gefährdet durch Verlust, durch Unklarheit, durch die Ahnung, was kommen wird.
Johannes beginnt mit einem auf den ersten Blick sehr merkwürdigen Satz: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Fast unwillkürlich hört der moderne Mensch hier einen Gegensatz. Auf der einen Seite Liebe, auf der anderen Seite Gebot; auf der einen Seite Innerlichkeit, auf der anderen Seite eine Forderung; auf der einen Seite Freiheit, auf der anderen Seite Gehorsam. Der johanneische Text kennt diesen Gegensatz nicht. Für Johannes ist Liebe nie bloß Affekt, nie bloß Wärme, nie bloß religiöse Gestimmtheit. Die Gebote sind nicht etwas Fremdes neben der Liebe, sondern ihre konkrete Gestalt. Liebe, die keine Form annimmt, bleibt Behauptung; Gebot, das nicht aus Liebe erwächst, wird Gesetzlichkeit. Christus trennt Liebe und Gebot nicht.
Wo Liebe wirklich ist, wird sie gehorsam; und wo Gehorsam christlich ist, ist er Form der Liebe.
So fragt Jesus nicht nach der Fähigkeit zu großen Gefühlen. Er fragt nach Treue.
Eine Einsicht, die bei Johannes Bours’ immer wieder aufleuchtet: Glaube ist nicht zuerst Gefühl, sondern Treue. Wenn Gott sich nicht zeigt, ist das nicht sein Verschwinden, sondern ein Rückzug, damit der Glaube wachsen kann. Wer trotzdem bleibt, trotzdem steht, trotzdem betet, der beginnt zu glauben – nicht aus Gefühl, sondern aus Treue.
Damit wird auch eine verbreitete Verwechslung korrigiert. Viele Menschen halten Liebe für das Spontane, das Unverfügbare, das sich nicht befehlen lässt. Das ist ja psychologisch nicht falsch, aber theologisch unzureichend.
Wie gesagt: Im Neuen Testament ist Liebe nicht zuerst Stimmung. Man kann die Liebe zu Christus nicht „machen“, gewiss.
Aber man kann sich dem Anspruch seiner Gegenwart entziehen oder sich diesem Anspruch stellen.
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Regel des heiligen Benedikt. Benedikt beginnt nicht mit Mystik, sondern mit Hören und Gehorsam. Der Prolog ruft dazu auf, das „Ohr des Herzens“ zu neigen. Denn auch bei Benedikt ist Gehorsam kein Gegensatz zur Liebe, sondern ihre konkrete Geschwindigkeit.
Wer Christus nichts vorzieht, wird sich nicht nur innerlich angesprochen fühlen, sondern er wird auch sein Leben von ihm bestimmen lassen.
Benedikt sagt am Ende des Weges der Demut, der Mönch komme schließlich zu jener „vollkommenen Liebe Gottes, die die Furcht vertreibt“.
Und dann fügt er hinzu: Was er, der Mönch, vorher aus Furcht gehalten hatte, das hält er nun aus Liebe, gewissermaßen „wie von selbst“, und der Heilige Geist bringt das im Menschen hervor.
Hl. Geist lässt sich im Deutschen nur unvollkommen wiedergeben: der „Paraklet“, der „Beistand“, „der Fürsprecher“, „der Anwalt“, „der Tröster“. Gerade diese Mehrdeutigkeit ist theologisch fruchtbar. Denn der Geist ist nicht nur Trost, nicht nur innerer Zuspruch. Er ist die bleibende Gegenwart Christi in der Kirche, Lehrer, Zeuge, Beistand gegen die Macht der Welt.
Der Geist ist nicht eine diffuse religiöse Energie. Er ist der Geist Jesu Christi. Darum ist der Geist im Johannesevangelium wesentlich Geist der Wahrheit. Er bringt keine andere Wahrheit als Christus. Er ergänzt Jesus nicht um ein nachträgliches Inneres. Der Geist ist nicht ein Zweiter neben Jesus, sondern die neue Weise, in der Jesus selbst der Kirche gegenwärtig bleibt.
„Die Welt kann ihn nicht empfangen, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt.“
Gerade hier ist die Tradition der Wüstentradition von einer großen Nüchternheit, die erstaunlich modern wirkt. Das berühmte Wort von Abba Moses lautet: „Geh, bleib in deiner Zelle, und deine Zelle wird dich alles lehren.“ Das ist kein romantisches Lob der Einsamkeit.
Nicht jede Regung ist Geist, nicht jede Erregung Wahrheit, nicht jede innere Bewegung Führung. Erst die Sammlung macht Unterscheidung möglich. Darum ist die Zelle nicht Weltflucht, sondern Schule der Wahrheit. Sie lehrt das Herz, nicht jeder Stimme nachzulaufen, sondern die Stimme Jesu neu zu hören.
Ähnlich sagt es Abba Johannes mit einem sehr schönen Bild:
Wenn der Heilige Geist in die Herzen der Menschen herabsteigt, dann werden sie erneuert und treiben Blätter aus mit der Furcht Gottes. Der Geist erscheint nicht als Spektakel, sondern als inneres Frühlingsgeschehen. Er treibt Blätter aus. Das heißt: Seine Gegenwart ist organisch, lebendig, still und doch unübersehbar. Der Mensch bleibt derselbe Baum, und doch ist er nicht mehr derselbe. Der Geist kommt nicht wie ein äußerer Überbau über das Leben, sondern wie Saft in den Stamm. Das Neue geschieht von innen her.
Doch gerade an dieser Stelle muss eine Unterscheidung gemacht werden, die dem Evangelium selbst wichtig ist: Das Leben im Geist ist nicht identisch mit Gefühl. Jesus sagt nicht: Ihr werdet immer etwas spüren.
Er sagt: Der Geist bleibt trotzdem bei euch und wird in euch sein.
Johannes Bours’ hat ausgeführt: „Wenn Gott sich nicht zeigt, ist das nicht sein Verschwinden.“ Genau darum kann Jesus sagen: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen.“ Nicht die Wahrnehmung begründet seine Gegenwart, sondern seine Treue. Gottes Nähe fällt nicht mit meinem Empfinden zusammen, sondern Gottes Nähe ist in seiner Treue zu uns begründet.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater