5. Ostersonntag

03.05.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 5. Ostersonntag,  Joh 14, 1-12

P. Ambrosius Leidinger, 03.05.2026

Meine lieben Schwestern und Brüder!
 
„Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ – „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ – „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Diese Aussagen Jesu begegnen uns oft in der Liturgie der Osterzeit, man hört sie bei Begräbnissen. Jesus spricht diese Worte am Abend vor seinem Leiden die Jünger erschüttert sind über die Worte seiner Abschiedsrede.
Es geht um nichts Geringeres als um die Frage, wie das Herz des Menschen angesichts von Verlust, Unklarheit und Zukunftsangst geordnet werden kann.
Jesus stellt den Glauben an sich nicht neben den Glauben an Gott so wie eine zweite, geringere Möglichkeit. Jesus ist nie bloß Bote einer Wahrheit. Er ist nicht Transportmittel für eine religiöse Information. Vielmehr: In ihm wird die Wahrheit Gottes selbst gegenwärtig.
Darum kann die Unruhe eines Herzens nie dadurch geheilt werden, dass der Mensch eine Idee über Gott gewinnt, die ihn beruhigt, sondern nur, indem er sich Christus anvertraut.
Dann folgt das große Wort vom Haus des Vaters: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Man hat diesen Satz oft als Bild für den Himmel verstanden, als tröstliche Vorstellung einer jenseitigen Behausung.
 
Das ist nicht falsch; aber es ist zu wenig. Denn man würde dann das Bild räumlich verengen. Was ist das Haus des Vaters? Es ist zunächst kein Ort im räumlich- kosmischen Sinn, sondern vielmehr die Sphäre göttlicher Gemeinschaft, die Wirklichkeit des Vater-Sohn-Verhältnisses, in die der Mensch hineingenommen werden soll. Entscheidend ist darum nicht eine Architektur des Jenseits mit irgendwelchen Wohnungen, sondern es ist Beziehung, die Jesus eröffnet. Dass es „viele Wohnungen“ gibt, heißt nicht zuerst, dass der Himmel geräumig genug ist. Es heißt: Im Vater ist Raum für die Vielheit der Geretteten.
Man kann es noch eindeutiger sagen: Jesus bereitet den Jüngern nicht einfach irgendwo einen Platz, sondern indem er sie zu sich nimmt. Das zeigt der Satz, der unmittelbar folgt: „Ich werde wiederkommen und euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ Das Ziel ist also die Gemeinschaft mit Christus. Der Ort der Geretteten ist der Ort des Sohnes beim Vater.
Hier liegt ein tiefer Unterschied zu vielen anderen religiösen Vorstellungen, auch zu manchen christlichen Verkürzungen. Oft denkt der Mensch Erlösung als Sicherstellung der eigenen Zukunft.
Das Jenseits wird dann zum besseren Diesseits, nur ohne Schmerz, Mangel und Vergänglichkeit. Johannes denkt anders. Der Mensch wird nicht durch Verlängerung seiner Möglichkeiten gerettet, sondern dadurch, dass er in das Leben des Sohnes hineingenommen wird. Das erklärt auch, warum Jesus nicht sagt: Ich zeige euch einen Weg zum Vaterhaus.
Er sagt: Ich komme wieder und nehme euch zu mir. Hoffnung ist im Johannesevangelium Christusgemeinschaft.
Jesus sagt nicht: Ich kenne den Weg. Er sagt nicht: Ich lehre die Wahrheit. Er sagt nicht: Ich vermittle Leben. Er sagt: Ich bin. Ich bin es. Das heißt: Weg, Wahrheit und Leben sind nicht drei Güter, die neben Christus bestünden und durch ihn zugänglich gemacht würden. Sie sind in seiner Person geeint.
Christus ist der Weg. Er ist der Weg, weil in ihm der Mensch zum Vater gelangt. Aber der Weg ist hier keine Methode oder ein spirituelles Verfahren oder eine religiöse Technik. Der Weg ist Person. Das Christentum kennt darum keine Methode des Heils neben Christus. Es kennt Nachfolge, Hören des Wortes Gottes, Gebet, Askese, Sakrament – gewiss. Aber all das sind keine parallelen Wege. Sie sind Ausformungen der Teilhabe an dem einen Weg, der Christus selbst ist. Es ist sehr bezeichnend, dass das frühe Christentum schlicht „der Weg“ genannt wurde.
Diese Selbstbezeichnung der Kirche ist keine hübsche Metapher. Sie zeigt, wie tief die johanneische Formulierung in das Urchristentum hineinragt. Christlicher Glaube ist Wegexistenz, weil Christus selbst Weg ist, der Weg zu Gott.
Christus ist die Wahrheit. Auch hier ist entscheidend, nicht modern verkürzt zu lesen. Wahrheit meint bei Johannes nicht bloß eine formale Richtigkeit von Aussagen. Wahrheit ist die geoffenbarte Wirklichkeit Gottes selbst, die im Sohn sichtbar wird.
Darum ist Wahrheit nicht so sehr ein Satz über Gott, sondern die Gegenwart Gottes in Christus. Das erklärt, warum Johannes Wahrheit immer wieder mit Freiheit verbindet. Die Wahrheit macht frei, weil sie den Menschen in die Wirklichkeit zurückstellt, für die er geschaffen ist, in der Gegenwart Gottes zu leben. Nur Gottes Gegenwart macht den Menschen wirklich frei.
Christus ist das Leben. Auch hier darf man nicht biologistisch denken. Leben meint im Johannesevangelium nicht in erster Linie Vitalität oder eine gute seelische Befindlichkeit. Leben ist die Teilhabe an dem, was nicht mehr von der Macht des Todes beherrscht wird. Darum kann Johannes sagen: Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben – und zwar nicht erst nach seinem irdischen Ende, sondern schon jetzt, in einer verborgenen und doch realen Weise. Das Leben, von dem Jesus spricht, ist die über den Tod hinaus offene Beziehung zum Vater.
Zum Schluss möchte ich unser Evangelium mit der Regel des heiligen Benedikt zusammenzulesen. Die Benediktsregel beginnt mit einer Schule des Hörens. „Höre, mein Sohn“, sind die ersten Worte der Regel, und dann folgt der große schöne unerschöpfliche Ausdruck: „neige das Ohr deines Herzens“. Der Weg zu Gott beginnt also nicht mit Aktivität, sondern durch ein hörendes Herz.
Benedikt fügt hinzu, man könne „durch die Mühe des Gehorsams“ zu dem zurückkehren, von dem man sich „durch die Trägheit des Ungehorsams“ entfernt habe. In dieser benediktinischen Formulierung liegt eine Kommentierung des johanneischen „Ich bin der Weg“.
Der Weg wird nicht erfunden. Er wird empfangen. Und der Mensch gelangt nicht auf den Weg durch Genialität, sondern durch das Hören des Herzens, das Herz, die ganze Person, die sich Christus zuneigt.
Benedikt geht noch einen Schritt weiter. Gegen Ende des Prologs sagt er diesen großen Satz, der unsere ganze Spiritualität trägt: Wenn wir im Mönchsleben – man kann auch sagen im Christenleben - und im Glauben voranschreiten, „wird unser Herz weit“, und wir laufen den Weg der Gebote Gottes „im unsagbaren Glück der Liebe“. Denn die Verheißung des Evangeliums lautet ja: Christus ist der Weg. Aber dieser Weg wird nicht als Enge erfahren. Die eigentliche Gefangenschaft des Menschen liegt also nicht in einer Forderung Gottes nach dem Geboten, sondern in der Verkrampfung meines Herzens. Darum ist ein unruhiges Herz nur durch ein weites Herz zu heilen. Benedikt beschreibt damit in monastischer Sprache, was Johannes christologisch aussagt. Der gläubige Mensch kommt zum Vater nicht durch ein verengtes Ich, sondern als ein Mensch mit einem weiten Herzen, das sich ganz Christus anvertraut.
Amen
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater