4. Ostersonntag

26.04.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 4. Ostersonntag,  Joh 10, 1-10

P. Ambrosius Leidinger, 26.04.2026

Meine lieben Schwestern und Brüder!
 
Das so vertraute Bild vom Guten Hirten ist uns vielleicht zu vertraut. Bilder, die wir zu gut kennen, deren Aussage sehen wir manchmal nicht mehr wirklich. Durch die Verkitschung des Gute-Hirte-Bildes verlor es seine eigentliche Bedeutung.
Es geht ja nicht um eine Idylle. Jesus beginnt wie in der Weihnachtsgeschichte mit einem Stall, Zeichen der Armut. Ein Stall schützt, aber er ist immer auch ein enger Raum, ein Raum für Tiere, kein Wohnraum für Menschen. Manchmal machen wir uns selbst klein, verwechseln wir Schutz mit Leben, Sicherheit mit Erfüllung, Ordnung mit Freiheit. Doch Jesus sagt nicht: Ich bin der Stall. Er sagt: Ich bin die Tür.
Eine Tür ist kein Ort zum Bleiben. Sie ist ein Übergang. Wer durch eine Tür geht, lässt etwas zurück und betritt etwas Neues. Jesus installiert keine Umzäunung, kein Kontrollsystem, er ist keine Garantie gegen Risiko. Er ist Durchgang, Bewegung, Offenheit, und damit auch beunruhigend.
Jesus spricht von der Stimme des Hirten. Die Schafe folgen nicht, weil sie müssen, sondern weil sie ihn kennen. Glaube kann man nicht durch Druck oder Angst oder Drohung erzwingen. Das wurde ja lange genug ohne Erfolg versucht und dabei vergessen, dass Glaube von Vertrauen lebt.
Das ist nicht leichthin gesagt, denn es behauptet nicht: Wer glaubt, hat keine Probleme. Es sagt vielmehr: Wer Gott als Hirten hat, ist nicht heimatlos – auch wenn er Probleme hat.
Thomas Merton sprach von der Verschiebung vom „falschen Selbst“ zum „wahren Selbst“. Das falsche Selbst will Sicherheiten: Kontrolle, Erfolg, Zustimmung. Es hat ständig Angst vor Mangel. Bei manchen Politikern heute kann man das sehr gut studieren.
Das wahre Selbst lernt, aus einem anderen Grund zu leben: aus dem Bewusstsein, von Gott gehalten zu sein. Das meint dann nicht: Ich bekomme alles, was ich mir wünsche, sondern „ich bin nicht verlassen“.
Jesus spricht auch von Dieben und Räubern. Es gibt Stimmen, die versprechen viel, aber halten nichts. Im schlimmsten Fall bedrängen sie mich, Stimmen, die sagen: Du bist nur etwas wert, wenn du etwas leistest, wenn du passt, wenn du dich anpasst.
Jesus sagt dagegen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Es geht bei Jesus nicht um ein Überleben, ein Durchhalten, ein Absichern. Fülle heißt hier nicht: mehr Besitz, mehr Tempo, mehr Erfolg. Fülle heißt: Tiefe, Weite, Stimmigkeit, ein Leben, das sich nicht ständig beweisen muss.
Eine chassidische Geschichte: Rabbi Susja sagt: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ‚Warum bist du nicht Mose gewesen?’ Man wird mich vielmehr fragen: ‚Warum bist du nicht Susja gewesen?’ Man wird mich nicht fragen: ‚Warum hast du nicht das Maß erreicht, das der größte und gewaltigste Glaubende unserer Religion gesetzt hat?’ Sondern man wird mich fragen: ‚Warum hast du nicht das Maß erfüllt, das Gott dir persönlich gesetzt hat? Warum bist du nicht das geworden, was du eigentlich hättest werden sollen?’“
Berufung heißt: ich soll ich selbst immer mehr werden. Ich soll der sein und immer mehr werden, als den Gott mich gemeint und ins Dasein gerufen hat. Meine Berufung ist etwas ganz Persönliches, Unverwechselbares, etwas, das mich unverwechselbar und einmalig macht. Denn nur ich kann diesen Platz ausfüllen, der mir von Gott in meiner Berufung zugewiesen ist, weil alle wahre Berufung in ihm ihren Ursprung hat.
Das Zweite ist: Berufung ruft mich in einem zweiten Schritt dann auch wieder aus mir heraus auf den anderen, auf das Du hin. So wie die Berufung von Gott kommt, so führt sie mich zum Nächsten.
Dabei dürfen wir eins nicht vergessen: Wir denken auch an die Bilder aus dem Gute-Hirte-Psalm. Es sind klassische Psalm-Bilder: Weide, Rast, stille Wasser. Und diese Bilder sind nicht nur romantisch gemeint. Sie sind geistliche Diagnostik: Der Mensch braucht Orte der Sammlung, sonst wird er innerlich blind.
Wir leben in einer Gesellschaft, die keine Stille mehr kennt, nur noch Reiz und Reaktion. In einer derartigen Umgebung verdorrt die Seele allmählich, ganz leise. Man wird unkonzentriert, gereizt, leer und müde. Genau hier sind „stille Wasser“ kein Idyll, sondern Medizin.
Die „grüne Au“ ist nicht nur draußen. Sie kann auch ein innerer Ort sein – ein Moment am Tag, in dem ich nicht funktioniere, sondern empfange. Ein kurzes Gebet. Eine stille Minute. Ein Psalmvers, der Nahrung für die Seele sein kann.
Und es gilt auch das, was einem das Leben auferlegt, an Schicksalsschlägen, an Unerwartetem, auch an Krankheit und Verlust – all das zu bewältigen aus der Kraft eines gläubigen Herzens, auch das ist Leben aus der Berufung.
Hier gilt es, ein Hörender zu sein. „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ Er, Christus, der gute Hirt, spricht in meinem Gewissen, er hört meine Bitten, Wünsche, er kennt meine Bedürfnisse, Erfordernisse meiner Familie, Erfordernisse meiner Ordensgemeinschaft, der Menschen, die mich umgeben, er hört mich im Gebet, wenn ich meine Situation vor ihn hintrage.
Das Leben in Fülle haben heißt: In dieses unbehausten Welt letztlich Heimat haben. Wir möchten nicht nur geführt, behütet und versorgt werden. Unsere wohl tiefste Sehnsucht ist die, zu Hause zu sein.
Wenn wir die Stimme des Guten Hirten hören, sind wir zu Hause.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater