3. Ostersonntag
19.04.2026 |
Predigt | Lesejahr A - 3. Ostersonntag 2026 - Joh 21,1-19
P. Ambrosius Leidinger, 19.04.2026
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Vom hl. Petrus wissen wir eine ganze Menge. Erregbar und ungestüm, wie er ist, tritt seine raue Kraft bei vielen Ereignissen zutage, wenn seine Gefühle so oder so mit ihm durchgehen. Er ist voller Liebe und sehr treu, voller Intuition und Begeisterung und Leidenschaft. Gleichzeitig ist er furchtsam und feige, voll Reue und sehr verletzlich, dann wieder außer sich vor Wut und rachsüchtig und lässt sich vom Gram überwältigen. Petrus muss ein sehr anstrengender Mensch gewesen sein. Aber gerade ihn nennt Jesus den Felsen, auf den er seine Kirche bauen will.
Die Geschichte der Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern, besonders mit Petrus, die wir gerade gehört haben, lässt zunächst keinen rechten Zusammenhang erkennen.
Dieses Evangelium spielt nach Ostern. Aber keine Engel mehr, kein Erdbeben, kein leeres Grab. Nur ein See, ein Boot, ein paar Männer. Und eine Nacht. Das Entscheidende geschieht nicht mehr im Ausnahmezustand. Es geschieht im Alltag.
Das Evangelium ist hier von großer Nüchternheit: Nach der Auferstehung kehrt das normale Leben zurück.
Petrus war noch ganz benommen von dem, was in den vergangenen Tagen geschehen war. Sein Treueversprechen, die Verleugnung, Trauer, demütige Reue und dann das dämmernde Bewusstwerden der Auferstehung - all das war in Gefühlswellen über ihn geschwappt. All das hatte ihn erschöpft.
Petrus sagt: „Ich gehe fischen.“ Petrus kehrt in sein früheres Leben zurück. Die große Bewegung mit Jesus scheint vorbei.
Die anderen sagen: „Wir kommen mit.“ Sie bleiben zusammen. Aber sie haben kein Ziel mehr.
„Die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“ Das ist typisch für die Erscheinungen des Auferstandenen. Er ist da – und bleibt doch verborgen. Glaube ist nicht immer klare Sicht, oft eher ein tastendes Verstehen.
Jesus sagt: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus.“ Keine große Erklärung. Und die Jünger tun es gegen ihre Erfahrung. Warum? Vielleicht, weil sie nichts mehr zu verlieren haben.
Und plötzlich „konnten es nicht mehr einholen wegen der Menge der Fische.“ Plötzlich ist alles anders. Die Nacht der Leere wird zum Morgen der Fülle, nicht als Ergebnis eigener Anstrengung: Sie ist Geschenk.
Jesus sagt: „Kommt her und esst.“
„Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du?“
Jesus nimmt Brot und gibt ihnen davon. Wieder diese Geste wie schon bei den Jüngern von Emmaus: Das Brechen. Das Geben. Das Teilen. Die Jünger erkennen daran: Das ist der Herr. Sie erkennen ihn nicht durch ein Argument, nicht durch ein Wunder, nicht durch sein Aussehen, sondern durch eine vertraute Handlung. „Der Auferstandene wird erkannt im Brechen des Brotes und in der Kontinuität der Liebe“, wie es der Kirchenvater Ambrosius sagte.
Und es ist typisch: Nicht Petrus erkennt Jesus, der am Ufer steht, sondern es ist Johannes, der sofort weiß, dass es Jesus ist, der sie übers Wasser hinweg anruft.
Dann aber ist es Petrus, der spontan handelt: Es zieht sein Obergewand an und springt ins Wasser, Jesus entgegen.
Im Anschluss daran konfrontiert Jesus Petrus mit sich selbst. Jesus will von Petrus nicht nur ein spontanes Handeln, sondern er fragte ihn immer wieder nach seiner Bindung an ihn. „Liebst du mich? Weide meine Lämmer!“
Jesus verlangte Integrität von Petrus. Schließlich, nach drei Versuchen, berührte er Petrus in der tiefe seiner Seele, und Petrus’ Versprechen der Treue und Liebe war ein leidenschaftlich selbstbewusstes.
Die Berufung, Hirte zu sein für Schafe und Lämmer und sich gleichzeitig von einem Mächtigeren binden zu lassen, war der wunde Punkt des Petrus: das wollte er nicht. Denn es erforderte selbstlose Liebe von dem sonst so undisziplinierten leidenschaftlichen Mann.
Er sollte sich hingeben und in Situationen führen lassen, in denen er unterlegen oder machtlos sein würde. Das ist das Schrecklichste für ihn. Den herumgestoßenen, verurteilten Jesus, der zum Spielball der Führer und des Volkes geworden war, hatte er aus offener Angst glattweg verleugnet. Nun sollte er sich selbst der gleichen Art Machtlosigkeit überlassen; das hatte er intuitiv sofort erfasst.
Jesus, der auferstandene Herr, ruft jeden auf seinen individuellen Weg der Nachfolge, ein Weg, der dem individuellen Charakter entspricht.
Es ist der Weg eines jeden Menschen zur Reifung: die eigene Lebenswunde anzuschauen und annehmen zu können, die eigene Schwäche immer mehr in Stärke zu verwandeln, meine Lebensfrage, für die ich sensibel bin, zu meinem Charisma zu verwandeln. Nur wo ich verletzbar bin, kann ich wachsen und mein Leben kann sich entfalten.
Wo mich nichts berührt, da geschieht auch nichts. Aber meine Verletzlichkeit kann meine Gabe werden. Es ist der Weg, den nur ich gehen kann und kein anderer.
Und es ist der einzige Weg. Auch wir befinden uns heute in einer ähnlichen Situation wie die Jünger damals. Das Alte bricht ab, trägt nicht mehr, der Weg in der Vergangenheit ist abgeschnitten, aber Neues wird auch noch nicht konkret gesehen, höchstens erahnt.
Die Lösung aus diesem Dilemma ist uns gezeigt worden: trotz allem administrativen Bemühen, trotz aller Umstrukturierung: nur die persönliche Beziehung zu Jesus ist es letztlich, worauf es ankommt. Wenn sie echt ist, komme ich selbst darin vor und werde heil, und die Beziehung bleibt stabil und wird kostbar. Nur so lebe und überlebe ich als Christ.
Das war die große Lebensaufgabe der Apostel, das ist auch unsere Aufgabe als seine Jünger ein ganzes Leben lang.
Amen.
Amen.










