2. Ostersonntag

12.04.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 2. Ostersonntag 2026 - Joh 20,19-31

P. Ambrosius Leidinger, 12.04.2026
 
Liebe Schwestern und Brüder,
Das Oster- Evangelium am Weißen Sonntag berichtet als erstes von verschlossenen Türen. „Am Abend dieses ersten Tages der Woche waren die Türen verschlossen, weil die Jünger Angst hatten.“ Ostern ist geschehen. Das Grab ist leer. Die Frauen haben berichtet. Und die Jünger sitzen im Haus – still, angespannt, unsicher. Johannes verschweigt diese Angst nicht. Er idealisiert die Jünger nicht. Er zeigt sie so, wie sie sind: verunsichert, verletzlich, zwischen Hoffnung und Furcht. Der Auferstandene hat die Welt verändert – aber die Menschen brauchen Zeit, um diese Veränderung zu begreifen.
Es ist wichtig, diese Szene ernst zu nehmen. Der Glaube beginnt nicht mit Gewissheit. Er beginnt oft mit Angst und Unsicherheit. Johannes Bours schreibt: „Glaube entsteht nicht aus geistiger Sicherheit, sondern aus der Erfahrung, dass Gott auch dort gegenwärtig ist, wo der Mensch keine Sicherheit mehr hat.“ Die verschlossenen Türen sind deshalb mehr als ein historisches Detail. Sie sind ein Bild unserer inneren Räume. Auch wir verschließen Türen: aus Angst vor Verletzung, aus Angst vor Kontrollverlust, aus Angst vor der Wahrheit.
Mitten in diese Angst hinein tritt Jesus. Er klopft nicht. Er verlangt keinen Eintritt. Er steht mitten unter ihnen. Und sein erstes Wort lautet: „Friede sei mit euch.“ Das ist kein höflicher Gruß. Es ist eine Zusage. Der Friede Jesu ist nicht die Abwesenheit von Konflikten. Er ist die Erfahrung, dass die Angst nicht mehr das letzte Wort hat. Anselm Grün sagt: „Der Friede Christi bedeutet nicht, dass das Leben einfach wird, sondern dass wir uns getragen wissen.“
Jesus zeigt den Jüngern seine Hände und seine Seite. Die Wunden sind noch da. Die Auferstehung löscht die Geschichte nicht aus. Sie löscht den Schmerz nicht einfach. Sie verwandelt ihn. Die Wunden bleiben – aber sie sind nicht mehr Zeichen der Niederlage. Sie werden zu Zeichen der Liebe. D.h.: Unser Leben wird nicht heil, weil alles glatt wird. Es wird heil, weil das Verwundete angenommen, erlöst ist.
Dann haucht Jesus die Jünger an. „Empfangt den Heiligen Geist.“ Dieses Bild erinnert an den Anfang der Schöpfung. Im Buch Genesis haucht Gott dem Menschen den Lebensatem ein. Jetzt haucht Christus den Jüngern den Geist ein. Die Auferstehung ist deshalb nicht nur ein Ereignis für Jesus. Sie ist der Beginn einer neuen Schöpfung.
Jesus sagt: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“ Vergebung hat hier wenig mit Moral zu tun. Vergebung ist eine Weitergabe der Auferstehung. Wo Menschen vergeben, wird Leben neu möglich.
Die Wüstenväter wussten, dass Vergebung das Herz befreit. Abba Isaak sagt: „Der Mensch wird nicht frei, wenn er Recht behält, sondern wenn er vergeben kann.“
Doch ein Jünger war nicht dabei: Thomas. Warum er fehlte, sagt das Evangelium nicht. Vielleicht brauchte er Abstand. Vielleicht war ihm alles zu viel. Vielleicht konnte er den Schmerz noch nicht mit den anderen teilen. Als die Jünger ihm erzählen, dass sie Jesus gesehen haben, antwortet er mit einem berühmten Satz: „Wenn ich nicht die Male der Nägel sehe und meinen Finger in die Wunden lege, werde ich nicht glauben.“ Thomas verlangt Erfahrung.
Der Zweifel des Thomas ist oft falsch verstanden worden. Er ist kein Ausdruck von Stolz, er ist ein Ausdruck von Ernsthaftigkeit. Thomas will nicht einfach glauben, was andere sagen. Er will glauben, was er selbst erfahren hat.
Hier berührt sich das Evangelium mit einer Einsicht Heideggers: „Der Mensch kann Wahrheit nicht durch Übernahme fremder Meinungen besitzen. Er muss sie selbst erfahren“. Thomas sucht keine Theorie. Er sucht Begegnung.
Johannes erzählt weiter: „Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt, und Thomas war dabei.“ Diese Zeitspanne ist wichtig. Es sagt uns: Gott reagiert nicht immer sofort. Er lässt dem Menschen Raum. Thomas bleibt eine Woche mit seiner Frage, mit seinem Zweifel, mit seiner Unruhe. Und niemand zwingt ihn zu glauben. Der Glaube ist immer ein Geschenk.
Johannes Bours formuliert es einmal so: „Gott zwingt niemanden zur Wahrheit. Er gibt dem Menschen Zeit, in sie hineinzuwachsen.“ Die acht Tage sind deshalb kein leeres Warten. Sie sind eine Reifungszeit.
Auch acht Tage später sind die Türen noch geschlossen. Das Evangelium verschweigt nicht, dass Angst hartnäckig ist. Ostererfahrungen lösen nicht automatisch alle inneren Spannungen. Auch wir kennen das: Manchmal hören wir ein Wort, das uns berührt. Wir erleben eine Stunde der Klarheit. Und doch kehren wir danach in unsere alten Sicherheiten zurück. Das Evangelium urteilt darüber nicht. Es kennt diese Bewegung.
Wieder tritt Jesus in die Mitte. Wieder sagt er: „Friede sei mit euch.“ Und diesmal wendet er sich sofort Thomas zu. Jesus ignoriert den Zweifel nicht. Er geht auf ihn zu. Er sagt: „Streck deine Finger aus und sieh meine Hände.“ Jesus nimmt Thomas ernst.
Thomas soll nicht nur sehen. Er soll berühren. Das ist eine sehr körperliche Szene. Der Auferstandene bleibt kein Geist. Er ist leiblich. Hier wird deutlich: Glaube ist nicht nur Denken. Er ist Beziehung, Begegnung, Berührung.
Jesus lädt Thomas ein, seine Hand in die Seite zu legen. Ausgerechnet die Wunde wird zum Ort der Erkenntnis. Das ist eine tief geistliche Wahrheit. Wir erkennen Gott nur wenig, wenn wir uns stark fühlen. Oft erkennen wir ihn an den Wunden unseres Lebens.
Meister Eckhart sagt: „Gott ist dem Menschen am nächsten an dem Punkt, an dem er verwundet ist.“ Die Wunde wird zum Fenster zu Gott.
Thomas antwortet: „Mein Herr und mein Gott!“ Es ist das stärkste Bekenntnis im ganzen Johannesevangelium. Kein anderer Jünger spricht so klare Worte. Der Zweifelnde wird zum Bekenner. Das ist kein Zufall, denn der Weg durch den Zweifel hat Thomas tiefer geführt. Thomas hat gerungen. Und gerade deshalb ist sein Bekenntnis so stark.
Jesus sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Dieser Satz wird manchmal gegen Thomas verstanden. Doch er ist keine Kritik. Er ist eine Ermutigung für die kommenden Generationen. Die meisten Christen werden Jesus nicht leiblich sehen. Sie werden ihn nicht berühren. Und doch können sie glauben. Denn der Glaube lebt nicht nur aus dem Sehen, er lebt aus dem Vertrauen.
Unsere Zeit ist geprägt von einem starken Bedürfnis nach Beweisen. Wir möchten messen, kontrollieren, verifizieren. Doch nicht alles im Leben lässt sich beweisen. Liebe lässt sich nicht messen. Vertrauen lässt sich nicht berechnen.Der Glaube lebt auch vom Unsichtbaren.
Das Evangelium endet nicht mit einer Antwort. Es endet mit einer Einladung. Thomas steht stellvertretend für jeden von uns. Auch wir haben Fragen. Auch wir ringen mit Zweifel. Vielleicht ist gerade dort der Zugang zu Christus.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater