Ostersonntag 2026

05.04.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Ostersonntag 2026 - Joh 20,1–18

P. Ambrosius Leidinger, 05.04.2026
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
Ostern beginnt nicht mit Jubel wie wir es erwarten würden, sondern mit einem Namen: Maria. Maria von Magdala geht in aller Frühe zum Grab. Allein. Noch ist es dunkel. Sie sucht einen Ort für ihre Trauer, sie sucht die Nähe zum verstorbenen Freund. So etwas wie Auferstehung konnte sie sich nicht vorstellen. Die ersten Schritte des Osterglaubens sind Schritte der Treue, nicht der Gewissheit.
Der Stein ist weg, das Grab offen und leer. Sie deutet die Situation sofort: „Man hat den Herrn weggenommen.“ Auch wir kennen das: Wenn etwas Unerwartetes geschieht, denken wir schnell an das Schlimmste.
Das leere Grab erklärt nichts, es ruft nur Verunsicherung hervor.
Maria läuft zu Petrus und dem anderen Jünger. Marias Interpretation der Lage ist klar und bleibt: „Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen.“ Die naheliegende Deutung.
Petrus und der andere Jünger kommen. Sie sehen. Sie glauben – heißt es knapp. Und dann gehen sie wieder nach Hause. Das ist eine sehr merkwürdige Schilderung. Die beiden Jünger sehen das Entscheidende – und gehen. Fertig.
Maria bleibt. Nicht, weil sie mehr versteht, sondern weil sie einen Ort für ihre Trauer braucht.
Sie steht draußen am Grab. Und weint. Sie ist nicht stark. Sie ist nicht gefasst. Sie ist nicht „österlich“. Aber sie bleibt und weint.
Dann sieht sie zwei Engel. Doch selbst diese Vision führt noch nicht zur Erkenntnis. Die Engel fragen: „Frau, warum weinst du?“ Maria antwortet schlicht: „Man hat meinen Herrn weggenommen.“ Noch denkt sie in Kategorien des Verlustes.
Das zeigt: Selbst religiöse Zeichen führen nicht automatisch zum Glauben.
Dann wendet sie sich um und sieht Jesus, den sie aber nicht erkennt und ihn für den Gärtner hält. Diese Verwechslung ist kein Zufall. Im Johannesevangelium hat der Garten eine tiefe Symbolik. Der Garten erinnert an den Anfang der Schöpfung. So wird betont: Die Auferstehung ist der Beginn einer neuen Schöpfung. Doch Maria sieht zunächst nur einen Gärtner.
Es ist oft so, dass wir die Wirklichkeit nur nach unseren Erwartungen sehen. Maria erwartet keinen Auferstandenen. Darum erkennt sie ihn nicht.
Und es gilt: Auferstehung tritt nicht spektakulär auf. Sie kommt unscheinbar, alltäglich, verwechselbar.
Jesus fragt: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Es ist die gleiche Frage, die Gott dem Menschen am Anfang im Paradies stellt: Wen suchst du?
Der Mensch sucht vieles: Sicherheit, Sinn, Liebe. Doch so oft erkennt er nicht, dass Gott bereits da ist.
Dann sagt Jesus ein Wort, das keine Offenbarung im theologischen Sinn ist. Er spricht Maria mit Namen an. Und das reicht. Das Nennen des Names macht die Welt neu.
Nicht weil durch den Namen neue Informationen gegeben würden, die überzeugen würden. Glaube beginnt mit einem Angesprochen-Sein. Und genau in diesem Moment erkennt Maria den Auferstandenen. Die Erkenntnis Gottes geschieht nicht zuerst im Denken, sondern in der Beziehung. Der Mensch erkennt sich selbst, wenn er beim Namen gerufen wird. Maria erkennt Jesus nicht am Gesicht, nicht an der Stimme, sondern daran, dass sie von ihm angesprochen wird.
Maria will ihn festhalten. Aber Jesus wehrt sich dagegen. Auferstehung ist kein Zurückholen des Alten. Auferstehung ist ein neues Dasein, das nicht festgehalten, sondern gelebt werden will. Es ist eine neue Form der Gegenwart Jesu, eine neue Weise seiner Nähe. Und diese Weise seiner Nähe lässt die Jünger erst das Geschehen im Grab als Auferstehung erkennen.
Jesus sagt: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater.“ Der Gott Jesu wird jetzt auch der Gott der Jünger. Die Beziehung Jesu zum Vater öffnet sich. Die Jünger werden mit hineingenommen. Die Auferstehung ist nicht nur ein Ereignis für Jesus. Sie verändert auch die Beziehung der Menschen zu Gott.
Maria bleibt nicht beim Grab. Jesus sendet sie. „Geh zu meinen Brüdern.“ Maria wird zur ersten Zeugin der Auferstehung.
Maria wird von Jesus gesandt, nicht zu Theologen, nicht zu Autoritäten. Zu den Brüdern. Und Jesus nennt die Jünger hier zum ersten Mal so: meine Brüder.
In der antiken Welt war das Zeugnis einer Frau rechtlich wenig wert. Doch das Evangelium stellt bewusst eine Frau an den Anfang der Osterbotschaft. Die Wahrheit der Auferstehung braucht keine gesellschaftliche Absicherung. Sie braucht Zeugen.
Maria geht zu den Jüngern und sagt: „Ich habe den Herrn gesehen.“ Das ist alles. Ein einfacher Satz. Sie kann Auferstehung nicht erklären. Doch dieser Satz verändert die Geschichte.
Der Auferstandene bleibt nicht sichtbar. Doch seine Gegenwart verschwindet nicht. Sie verändert sich. Der Osterglaube lebt davon, dass Christus gegenwärtig ist, auch wenn wir ihn nicht sehen.
Deshalb hat es der Osterglaube in unserer heutigen Zeit so schwer. Unsere Zeit kann man als eine Kultur der Sichtbarkeit beschreiben, in der nur gilt, was man sieh, was man erklären kann, was man kontrollieren kann. Der Osterglaube widerspricht dieser Logik. Er lebt aus der unsichtbaren Nähe.
Ostern beginnt nicht mit einem Beweis. Es beginnt mit einem Namen. „Maria.“ Der Auferstandene ruft den Menschen beim Namen.
Vielleicht ist das die tiefste Botschaft des Ostermorgens: Dass Gott uns kennt. Dass er uns ruft. Dass er uns kennt mit Namen. Und dass wir antworten dürfen.
 
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater