Osternacht 2026
04.04.2026 |
Predigt | Lesejahr A - Osternacht 2026 - Matthäus 28,1–10
P. Ambrosius Leidinger, 04.04.2026
Liebe Schwestern und Brüder,
die Osternacht beginnt nicht im Licht. Sie beginnt im Dunkel. „Nach dem Sabbat, beim Anbruch des ersten Tages der Woche, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.“ Kein Jubel. Kein Halleluja. Kein Aufbruch.
Zwei Frauen gehen. Still. In der Frühe. Noch im Schatten.
Das Evangelium nimmt uns nicht sofort mit in die Freude. Es hält uns einen Augenblick in der Wirklichkeit der Nacht. Die Wüstenväter wussten: Jede echte Gotteserfahrung beginnt im Dunkel.
Abba Antonius sagt: „Der Mensch findet Gott nicht, indem er dem Licht nachläuft, sondern indem er die Nacht aushält.“ Maria und die andere Maria gehen genau diesen Weg.
Die Frauen gehen nicht, weil sie an die Auferstehung glauben. Unter Auferstehung können sie ich nichts vorstellen. Sie gehen, weil sie treu sind. Der erste Schritt des Glaubens ist nicht Erkenntnis, sondern Treue und Bindung.
Das Grab ist der Ort, an dem alles endet. Hier ist kein Raum mehr für Hoffnung, kein Raum für Zukunft. Das Grab ist die Logik der Welt: Was gestorben ist, ist vorbei. Doch genau an diesen Ort führt uns das Evangelium. Es führt uns nicht am Tod vorbei. Es führt uns hinein in ihn. Noch einmal die Wüstenväter: Wer Gott begegnen will, muss den Ort aufsuchen, an dem er am wenigsten erwartet wird.
„Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben.“ Das erste Zeichen der Auferstehung ist keine Stimme, kein Licht, kein Trost. Es ist eine Erschütterung. Die Welt gerät ins Wanken. Das Erdbeben ist mehr als ein Naturphänomen. Es ist ein Symbol: Die Ordnung, die wir für stabil halten, ist nicht absolut. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Ostern beginnt nicht mit Beruhigung. Es beginnt mit Erschütterung.
„Ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.“ Der Engel ist das Zeichen, dass eine andere Wirklichkeit in diese Welt hineintritt.
„Die Wächter erschraken vor ihm und fielen wie tot zu Boden.“ Die Wächter stehen für Sicherung, für Ordnung. Sie bewachen das Grab. Doch sie können das Leben nicht bewachen.
Die Wüstenväter wussten: Wer alles sichern will, verliert die Fähigkeit, das Neue zu erkennen. Abba Poimen sagt: „Der Mensch, der alles festhalten will, verpasst den Augenblick Gottes.“
Der Engel sagt zu den Frauen: „Fürchtet euch nicht.“ Das ist das erste Wort der Auferstehung. Nicht: Freut euch. Nicht: Versteht. Nicht: Erklärt. Fürchtet euch nicht. Die Frauen haben Angst. Denn sie stehen vor etwas, was wirklich Angst machen kann.
„Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden.“ Die Leere des Grabes ist kein Trost. Der tote Jesus war greifbar. Er war sichtbar. Er war fassbar. Der Auferstandene ist es nicht. Die Leere zwingt uns, anders zu glauben. „Erinnert euch daran, was er gesagt hat.“ Der Glaube wächst nicht nur aus dem, was neu geschieht, sondern aus dem, was im Herzen bewahrt wurde.
„Geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden.“ Die Frauen sollen nicht bleiben. Ostern setzt in Bewegung. Die Frauen sollen gehen.
„Da verließen sie eilig das Grab und liefen voll Furcht und großer Freude.“ Das ist ein sehr bemerkenswerter Satz. Die Frauen sind nicht einfach nur froh. Sie sind zugleich ängstlich und voller Freude. Ostern hebt die Spannung nicht auf. Es schafft keine glatte, eindeutige Gefühlslage.
„Und siehe, Jesus kam ihnen entgegen.“ Das ist der entscheidende Schritt. Jesus begegnet ihnen nicht im Grab, nicht am Ort des Todes, nicht am Ort der Vergangenheit. Er begegnet ihnen auf dem Weg. Das ist ein zentrales Motiv des Evangeliums: Gott ist kein statischer Gegenstand, er ist vielmehr Begegnung in Bewegung.
Johannes Bours formuliert so: „Gott findet den Menschen selten im Stillstand, sondern auf dem Weg, den er trotz allem geht.“ Die Frauen gehen – und gerade darin geschieht die Begegnung.
Ganz einfach beginnt die Begegnung mit dem Auferstandenen. „Seid gegrüßt!“ Kein Donner. Kein Licht. Kein überwältigendes Zeichen. Ein einfacher Gruß. Das ist vielleicht das Überraschendste. Abba Antonius sagt: „Gott erscheint normalerweise nicht im Außergewöhnlichen, sondern im Gewöhnlichen, das plötzlich durchsichtig wird.“
„Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.“ Die Frauen berühren Jesus. Der Auferstandene ist kein Geist, keine Idee, keine Erinnerung. Er ist Wirklichkeit.
Und doch ist diese Wirklichkeit anders. Sie können ihn berühren – aber sie können ihn nicht festhalten.
„Geht und sagt meinen Brüdern …“ Die Frauen werden gesandt, nicht die Jünger, nicht die Autoritäten. Die Frauen. Die, die geblieben sind. Die, die zum Grab gegangen sind. Das Evangelium stellt damit alles auf den Kopf. Die ersten Zeugen der Auferstehung sind nicht die Mächtigen, sondern die Treuen.
„… sagt meinen Brüdern …“. Die Jünger sind geflohen. Sie haben versagt. Sie haben Jesus verlassen. Und doch nennt er sie: Brüder. Ostern stellt Beziehung her, bevor es etwas erklärt. Die Wüstenväter wussten: Gott beginnt immer neu. Abba Moses sagt: „Der Mensch fällt viele Male, aber Gott hebt ihn immer wieder auf.“
„Sie sollen nach Galiläa gehen; dort werden sie mich sehen.“ Galiläa ist der Ort des Anfangs. Ostern führt nicht in eine neue Welt. Es führt zurück in die alte – aber verwandelt. Glaube bedeutet nicht, die Welt zu verlassen, sondern in derselben Welt anders zu leben.
Was bedeutet diese Geschichte für uns? Vielleicht dies: Dass wir nicht auf das perfekte Verständnis warten müssen. Dass wir gehen dürfen, auch wenn wir noch nicht alles verstehen. Dass wir glauben dürfen, auch wenn wir noch Angst haben. Dass wir hoffen dürfen, auch wenn wir noch trauern.
Ostern ist keine Aufhebung der Realität. Der Tod verschwindet nicht aus der Welt. Das Leid verschwindet nicht. Die Angst bleibt möglich. Aber sie haben nicht mehr das letzte Wort.
Amen.










