Predigt -A- Gründonnerstag 2026

02.04.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Gründonnerstag - Joh 13, 1-15

P. Ambrosius Leidinger, 02.04.2026
Liebe Schwestern und Brüder!
 
Jesus weiß, dass das, was nun geschieht, sein Leben endgültig auslegen wird.
Johannes nennt diesen Moment die Stunde. In der Sprache des Johannesevangeliums bedeutet die Stunde nicht einfach einen Zeitpunkt. Sie ist der Augenblick, in dem sich die Wahrheit eines Lebens offenbart. Für Jesus ist diese Stunde jetzt gekommen. Johannes formuliert einen Satz, der zu den dichtesten der ganzen Bibel gehört: „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.“
 
Die Liebe Jesu ist keine Stimmung, keine emotionale Bewegung, keine religiöse Idee. Sie ist eine Entscheidung. Die Stunde der Wahrheit ist eine Stunde der Liebe, die nicht zurückweicht.
Wir hören: „Es fand ein Mahl statt.“ Unter der Oberfläche brodelt es bereits. Johannes sagt es offen: „Der Teufel hatte Judas bereits ins Herz gegeben, ihn zu verraten.“ Der Verrat sitzt mit am Tisch. Das ist eine der erschütterndsten Realitäten dieses Abends: Liebe und Verrat teilen sich denselben Raum.
„Jesus stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und nahm ein Leinentuch.“
Das klingt unscheinbar. Doch wer den Kontext kennt, weiß: Hier geschieht etwas Ungeheuerliches.
 
Die Fußwaschung war die Aufgabe des niedrigsten Dieners. Nicht einmal jüdische Sklaven mussten diese Arbeit tun – sie war so erniedrigend, dass sie meist fremden Sklaven überlassen wurde. Und jetzt steht Jesus selbst auf, der Lehrer, der Meister, der, den sie eben noch „Herr“ genannt haben.
Er legt sein Gewand ab. Er nimmt ein Tuch. Er kniet. In diesem Moment wird sichtbar, was Macht im Reich Gottes bedeutet.
 
Martin Schleske, der Geigenbaumeister, beschreibt einmal eine Erfahrung aus seiner Werkstatt. Beim Bau einer Geige wird das Holz nicht durch Druck zum Klingen gebracht, sondern durch Feinheit und Resonanz. Je sensibler der Umgang mit dem Material, desto tiefer wird der Klang.
Übertragen auf das Evangelium heißt das: Die Kraft Jesu liegt nicht im Druck, sondern in der Resonanz der Liebe.
 
Als Jesus zu Petrus kommt, geschieht etwas für ihn Typisches. Sein Widerstand ist verständlich. Er denkt in Kategorien von Ordnung, von angemessenem Verhalten.
Gegen den Widerstand des Petrus antwortet Jesus: „Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen.“ Petrus wehrt sich weiter: „Du sollst mir niemals die Füße waschen!“ Hier zeigt sich eine tiefere Angst. Es ist nicht nur die Angst, dass Jesus sich erniedrigt. Es ist auch die Angst, selbst berührt zu werden, selbst auf diese Haltung verpflichtet zu sein.
Anselm Grün schreibt: „Viele Menschen können Gott nur schwer annehmen, weil sie nicht glauben, dass von ihm ihre verletzliche Seite geliebt ist.“
 
Die Fußwaschung sagt genau das Gegenteil: Gott berührt nicht unsere Stärke. Er berührt unsere schwache Seite. Jesus weiß, wer ihn verraten wird. Und doch wäscht er auch Judas die Füße. Das ist vielleicht die tiefste Provokation dieses Abends. Liebe hört nicht dort auf, wo Verrat beginnt.
Nachdem Jesus die Füße gewaschen hat, zieht er sein Gewand wieder an und setzt sich.
Dann sagt er: „Versteht ihr, was ich euch getan habe?“ Denn Jesus erklärt nicht einfach eine symbolische Handlung. Er deutet sein ganzes Leben. Jesus lebt, was er lehrt. Er spricht nicht über Demut – er kniet. Er predigt nicht über Liebe – er berührt. Jesus sagt: „Ihr sagt zu mir: Meister und Herr – und ihr nennt mich mit Recht so.“ Er widerspricht der Anrede nicht. Er relativiert seine Autorität nicht. Er bleibt Herr. Doch genau dieser Herr kniet.
 
Das ist die paradoxe Struktur des Evangeliums: Die Autorität Jesu besteht nicht darin, dass er über anderen steht, sondern darin, dass er unter ihnen steht. Hier berührt sich das Evangelium mit einer tiefen Einsicht des heiligen Benedikt. Benedikt schreibt über den Abt: „Er wisse, dass er mehr helfen als herrschen soll (RB 64,8).“ Jesus sagt: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Jesus hinterlässt also keine Theorie über Demut, sondern das Beispiel seines Lebens.
Die Wüstenväter wussten das sehr genau. Abba Poimen sagte einmal: „Die Menschen hören nicht auf Worte, sie hören auf das Leben.“ Darum waren viele der Wüstenväter so sparsam mit Predigten.
Dienen klingt schön. Aber es ist schwierig. Denn Dienen bedeutet nicht nur, etwas für andere tun. Es bedeutet auch, die eigenen Vorstellungen loslassen. Oft wollen wir helfen – aber auf unsere Weise. Wenn das nicht so angenommen wird, sind wir beleidigt. Jesus dient anders. Er dient vom Bedürfnis des anderen her.
 
Karrieren gehen aufwärts. Doch Jesus geht abwärts. Meister Eckhart beschreibt diese Bewegung als den Weg Gottes selbst: „Je tiefer der Mensch sich neigt, desto höher steigt Gott in ihm auf.“
Demut ist nicht Selbstverkleinerung. Demut schafft Raum für Gott.
Gründonnerstag stellt eine Frage an die Kirche. Nicht: Wie organisiert ihr euch? Nicht: Wie überzeugend sind eure Programme? Sondern: Wessen Füße wascht ihr?
Die Fußwaschung ist nicht spektakulär. Sie verändert keine Weltordnung. Aber sie verändert den Raum zwischen Menschen. Und genau dort beginnt das Reich Gottes.
 
Am Ende bleibt eine Frage. Nicht: Haben wir verstanden, was Jesus getan hat? Sondern: Sind wir bereit, es auch zu tun? Nicht dramatisch, nicht öffentlich aber konkret: jemanden zuhören, jemanden ernst nehmen, jemanden nicht fallen lassen. Die Fußwaschung beginnt dort, wo wir uns für ein Anliegen des anderen ansprechen lassen.
 
Gründonnerstag ist kein Tag großer Worte. Er ist der Tag einer Geste.
Ein Mensch kniet. Er berührt den Staub. Er wäscht Füße. Und in dieser einfachen Handlung zeigt sich die Wahrheit Gottes.
 
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater