Epiphanie 2026

06.01.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Erscheinung des Herrn 

P. Ambrosius Leidinger, 06.01.2026
 
Liebe Schwestern und Brüder!
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Epiphanie heißt „Aufleuchten“. Heute leuchtet Gott auf „für alle Völker“ (vgl. Jes 60). Das Kind in der Krippe wird zur Lichtgestalt auf die Weltbühne. Ein Stern reicht aus, um Suchende in Bewegung zu setzen. Drei Weise – nicht notwendigerweise drei an der Zahl, aber in jedem Fall klug und visionär – gehen los. Warum? Weil echte Weisheit nicht stehenbleibt. Sie sieht ein Zeichen, hört die Schrift, prüft im Gebet – und bricht auf.
 
Drei Schritte der Epiphanie: sehen – gehen – geben
 
Sehen:
Die Weisen beginnen nicht mit Antworten, sondern mit einem Blick nach oben. Sie lassen sich stören von einem Licht. Der erste Schritt des Glaubens ist nicht Machen, sondern Wahrnehmen: Wo blitzt Gottes Spur in meinem Alltag auf? In einem Gesicht, das meine Aufmerksamkeit braucht? in einem Wort der Schrift? im Schweigen vor dem Tabernakel? Die Weisen trauen dem Stern, befragen aber auch die Schrift. Die Weisen hätten beim Stern stehenbleiben können. Sie suchen jedoch Auskunft im Wort Gottes. Klug ist, wer Zeichen prüft; visionär, wer sie in Gottes Geschichte einordnet. Für uns heißt das: Spirituelle Intuition und theologische Nüchternheit gehören zusammen, eine Entscheidung im Licht des Evangeliums gilt es abzuwägen.
 
Gehen:
Die Weisen bleiben keine Himmelsbeobachter. Sie lassen sich auf die Mühen des Weges ein – mit Umwegen, mit Fragen in Jerusalem. Glaubenswege sind selten geradlinig. Auch wir haben unsere „Wüstenetappen“: Unklarheiten, Erschöpfung, vielleicht auch Enttäuschung über die Kirche. Aber: Wer sich vom Evangelium führen lässt, geht nicht im Kreis. Matthäus betont: Sie „zogen ihren Weg“ – Schritt für Schritt, geführt vom Stern und von der Schrift. Visionär ist nicht, wer groß träumt und klein handelt, sondern wer Gottes Stern am Himmel und Gottes Wort auf der Erde zusammensieht. Epiphanie sprengt Grenzen. Paulus sagt: „Die Heiden sind Miterben“ (Eph 3,6). Gott schreibt niemanden ab. Visionär ist eine Kirche, die nicht nur die Nahen sieht, sondern auch die Fernen an den Rändern sucht, unter Zweifelnden und Verzweifelnden. Christlicher Blick heißt: Menschen nicht auf Defizite reduzieren, sondern auf Möglichkeiten hin begleiten. Wir sind nicht Grenzpolizei des Heiligen, sondern Weggefährten auf dem Weg zum Heiligen.
 
Geben:
Am Ziel angekommen, „fallen sie nieder und huldigen“ (Mt 2,11). Aus Sehen wird Anbetung, aus Gehen wird Hingabe. Gold, Weihrauch, Myrrhe: Die Tradition liest darin ein Bekenntnis. Das Gold symbolisiert Christus, den König, der Weihrauch Christus, der Gott, die Myrrhe den Menschen bis ins Leid.
Was sind unsere Gaben?
- Gold ist das, worüber wir verfügen: Zeit, Kompetenzen, Netzwerke. Bringen wir sie vor Christus, damit er mit unserem „Gold“ Reich Gottes gestalten kann.
- Weihrauch ist unser Gebet, das aufsteigt. Eine dienende Kirche kniet, bevor sie aufbricht. Ohne Anbetung kann der gute Einsatz für den Nächsten zum Aktivismus verflachen.
-Myrrhe ist das, was weh tut – unsere Brüche, Sorgen, Wunden. Wenn wir sie Christus überlassen, werden sie nicht verdrängt, sondern verwandelt.
„Auf einem anderen Weg kehrten sie heim“ (Mt 2,12)
 
Dieses eine Wort macht Epiphanie zur Wende. Wer Christus wirklich begegnet, kommt nicht genauso zurück. Die Weisen umgehen Herodes – sie verweigern sich der Logik der Angst, der Manipulation, des Machterhalts. Wir müssen das Leben schützen, das zerbrechlich ist. Wir stehen gegen diejenigen, die heute Herodes heißen: Zynismus, Gleichgültigkeit, Resignation, Kriegstreiber.
Anders heimkehren heißt in der benediktinischen Tradition nennen conversatio morum – die tägliche Umformung des Herzens. Es ist nicht etwas Einmaliges, sondern es ist ein Lebensstil.
 
Liebe Schwestern und Brüder, Gott zeigt sich – klein, arm, zugänglich. Wer dieses Kind anbetet, wird klug ohne Zynismus und visionär ohne Größenwahn.
Möge sein Stern unsere Schritte leiten. Mögen wir immer von Christus verwandelt heimkehren.
 
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater