Sonntag nach Neujahr 2026

04.01.2026 |

Predigt | Sonntag nach Neujahr 

P. Ambrosius Leidinger, 04.01.2026
 
Liebe Schwestern und Brüder!
 
Das berühmte Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippe hier“ hat Paul Gerhardt geschrieben, der große lutherische Theologie und Lyriker. 1607 geboren, 1676 gestorben, war sein ganzes Leben vom dem schrecklichen 30 jährigen Krieg geprägt, das unser Heimatland so sehr verwüstete.
Paul Gerhard’s Weihnachtslied berührt heute noch die Herzen der Gläubigen. Ich möchte einige Gedanken über die erste Strophe sagen. (Gl 256)
Ich steh‘ an deiner Krippen hier
O Jesu, du mein Leben.
Ich komme, bring‘ und schenke dir
Was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel‘ und Mut, nimm alles hin
Und lass dir‘s wohl gefallen.
Ein einfaches Wort: „Ich steh an deiner Krippen hier …“
Kein Pathos. Keine Forderung. Ein Mensch steht. Nicht als Macher, nicht als Beter, nicht als Erklärer. Sondern als einer, der innehält – vor dem Ursprung, vor dem Leben selbst. An einem Ort, der mehr ist als ein geografischer Punkt, der ein Ursprungsort des Menschseins ist, an dem sich Ewigkeit und Zeit berühren.
 
In einer Welt, in der alles rast, Bilder flackern, Märkte zucken und jeder Augenblick in Daten zersplittert, in einer Welt, in der wir uns im Streben nach immer mehr erschöpfen, ist das Stehen selbst ein Akt des Widerstandes.
Paul Gerhardt lehrt uns: Die Krippe Gottes ist nicht der Ort, an dem Du etwas leisten musst. Sie ist der Ort, an dem Du einfach sein darfst.
Der Mensch bekennt sich zu seiner Verwundbarkeit.
Er durchbricht das neoliberale Paradigma der Selbstoptimierung.
Er verweigert sich dem Diktat der Nützlichkeit.
Wer an der Krippe steht, steht gegen den Zeitgeist.
Er steht an einem Ort der Demut, wo Gott selbst sich in Armut offenbart.
Paul Gerhardt sagt nicht: „Ich kniee“, nicht: „Ich lobe“, nicht: „Ich besinge“ – er steht.
Und in diesem Stehen verneigt sich sein Herz. Heute verneigen wir uns selten. Wir verneigen uns nicht mehr voreinander. Wir verneigen uns nicht vor dem Leben. Denn das Verneigen ist in Vergessenheit geraten. Es gilt als Schwäche.
Doch das Herz, das sich nicht mehr verneigen kann, wird hart.
Wir leben in einer „Transparenzgesellschaft“, in der alles sichtbar, alles kontrollierbar, alles verfügbar sein muss. Doch Liebe entzieht sich der Transparenz. Sie ist verhüllt, leise tastend.
An der Krippe geschieht etwas, das sich unserem Zugriff entzieht.
Hier wird uns etwas geschenkt, das nicht durch Verstehen, nicht durch Machen, nicht durch Besitz erlangt werden kann.
Der Gott in der Krippe macht sich selbst zum Empfangenen.
Wer an der Krippe steht, muss lernen, sein Herz wieder zu öffnen.
Was Paul Gerhardt hier beschreibt, ist keine individuelle fromme Regung. Es ist eine Revolution des Blicks. Eine Revolution des Menschseins.
Unsere Gesellschaft glaubt, sich durch Konkurrenz stabilisieren zu können. Doch die Krippe zeigt uns: Stabilität erwächst aus Verletzlichkeit. Die Schwachen halten die Welt zusammen.
Paul Gerhardt lädt uns nicht ein, die Krippe zu bestaunen. Er lädt uns ein, vor der Krippe zu verweilen. Zu bleiben. Uns berühren zu lassen.
Das ist in unserer Zeit etwas, was nicht geschätzt wird. Wer bleibt, gilt als Zauderer, wer nicht konsumiert, als Außenseiter. Wer schweigt, wird überhört.
Doch gerade hier, im Stillstehen, geschieht das Entscheidende.
Inmitten der Erschöpfung unserer Leistungsgesellschaft wächst die Ahnung: Vielleicht ist es gerade das Kleine, das Unscheinbare, das die Welt retten kann.
Vielleicht ist die zarte Gegenwart Gottes in einem neugeborenen Kind die tiefste Antwort auf unsere Rastlosigkeit.
Vielleicht ist die Krippe kein Ziel, sondern ein Anfang.
„Ich bring, was du mir hast gegeben …“
Kein Tausch. Keine Leistung. Keine Selbstbehauptung. Sondern: Rückgabe. In einer Gesellschaft, in der alles Ökonomie ist, sagt einer: Alles, was ich bin, habe ich von dir. Und ich bringe es dir zurück.
„Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben;
Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.“
Paul Gerhardt spricht in einer Sprache, die wir verlernt haben. Eine Sprache des Schenkens, nicht des Rechnens.
Unsere Zeit glaubt an Zahlen, an Optimierung, an Effizienz. Wir definieren uns über das Messbare, das Quantifizierbare. Doch die großen Fragen des Lebens lassen sich nicht zählen. Liebe, Trost, Sinn – sie entziehen sich der Bilanz.
„Mein Geist, mein Sinn, mein Herz und Mut … nimm alles hin.“
Nicht nur das Gute. Nicht nur das Starke. Sondern das Ganze und er nennt den Mut.
In einer späteren Strophe schreibt er:
„Und wenn ich gleich nichts fühle von deiner Macht und Herrlichkeit…“
Mitten im Lob, mitten in der Hingabe, mitten in der Weihnachtsfreude – bricht dieser Satz hinein. Ein Satz des Zweifelns. Des Fühlens, das ausbleibt. Der Ohnmacht. Der geistlichen Trockenheit.
Das ist mutig und ehrlich.
Das ist das Licht der Nacht. Denn wer trotzdem bleibt, trotzdem steht, trotzdem betet – der beginnt zu glauben. Nicht aus Gefühl, sondern aus Treue.
Johannes Bours, der große geistliche Lehrer aus Münster, sagt: „Wenn Gott sich nicht zeigt, ist das nicht sein Verschwinden – sondern sein Rückzug, damit unser Glaube wachsen kann.“
Diese Linie zieht sich durch das Leben aller großen geistlichen Menschen. Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, auch Jesus selbst am Kreuz – alle kannten das Nicht-Fühlen. Das Schweigen Gottes. Und sie blieben in der Liebe, in der Treue, in der Hoffnung.
So ist Weihnachten auch ein Fest derer, die nichts fühlen. Die sich leer vorkommen. Aber gerade dann, sagt Gerhardt, ist das Kind in der Krippe da.
„Ich steh an deiner Krippen hier …“
Es beginnt mit dem Stehen. Es führt zum Verneigen. Es mündet ins Schenken.
Das ist der Weg des Herzens. Ein Weg, der nicht laut ist. Ein Weg, der nicht gefeiert wird in den Schlagzeilen. Ein Weg, der leise begangen wird – und gerade darin den Himmel berührt.
Die Krippe ist der leise Ruf an unsere Zeit: Werdet still. Bleibt stehen. Verneigt euch. Schaut.
Das Stehen wird zur Rückkehr. Die Krippe zum Zentrum. Der Mensch zur Gabe. In einer Zeit des Zerfalls, ist dieses Lied ein Ort des Werdens.
 
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater