Neujahr 2026
01.01.2026 |
Predigt | Lesejahr A - Neujahr | Lk 2,16-21
P. Ambrosius Leidinger, 01.01.2026
Liebe Schwestern und Brüder!
Liebe Schwestern und Brüder,
Neujahr ist wie ein Übergang. Ein fast heiliger Augenblick, in dem die Zeit selbst innehält – zwischen dem, was war, und dem, was werden will. Wir stehen an einer Schwelle; und gerade an Schwellen spricht Gott gern zu uns Menschen.
Das heutige Evangelium führt uns an eine andere Schwelle – nicht die zwischen zwei Kalenderjahren, sondern die Schwelle zwischen Himmel und Erde.
Ein neues Jahr beginnt.
Wir sehen Kriege, wir sehen Menschen auf der Flucht, wir sehen die Bilder von Katastrophen, und oft genug fragen wir uns: Wo ist in all dem die Hoffnung?
Wir verlieren den roten Faden. Nachrichten stürzen wie einzelne Fragmente auf uns ein, ohne Anfang, ohne Ende. Wir sehen das Elend, aber wir erkennen keine Linie, keinen Weg, der hindurchführt und Besserung bringt.
Das Evangelium heute zeigt etwas anderes: Die Hirten stellen ihr Erlebnis in einen größeren Zusammenhang. Sie sagen nicht nur: „Wir haben etwas gesehen.“ Sie sagen: „Das, was wir gesehen haben, ist Teil von Gottes Geschichte.“ Sie binden ihr kleines Stück Wirklichkeit in eine Erzählung ein, die älter und größer ist als sie selbst.
Die Hirten sind die ersten Zeugen des Neuen. „Die Hirten eilten hin und fanden Maria und Josef und das Kind.“ Sie kommen nicht als Kenner der Schrift, nicht als religiöse Experten.
Sie kommen als Menschen, die sich überraschen lassen konnten. Sie kommen als Menschen, die fähig waren, einer Stimme zu folgen, die nur ihr Herz hörte.
Vielleicht ist das schon der erste Satz dieser Predigt: Der Glaube beginnt dort, wo wir uns unterbrechen lassen. Nicht dort, wo wir alles verstehen, sondern dort, wo wir bereit sind zu hören.
Die Hirten erzählen – und Maria bewahrt.
„Die Hirten erzählten… und alle staunten.“ Der erste Verkündigungsakt im Neuen Testament ist kein Vortrag, sondern das Erzählen von etwas, das größer ist als die eigene Sprache. Die Hirten sprechen – und ihre Worte tragen die Wärme des Erlebten. Aber dann geschieht etwas Erstaunliches: „Maria aber bewahrte alles und erwog es in ihrem Herzen.“
Ein Gegensatz, der keiner ist: Die einen sprechen, die andere schweigt. Beide dienen dem Geheimnis. Beide sind Teil eines fundamental neuen Wirkens Gottes in der Welt. In diesem einen Satz liegt eine ganze Theologie. So kann man sagen:
Maria ist die Theologin der Tiefe.
Maria ist kein passives Gefäß. Sie ist die erste Theologin des Neuen Bundes. Sie bewahrt – und dieses Bewahren ist kein Sammeln, sondern ein Verwandeln wie bei einem Samen. Sie trägt die Ereignisse in sich, bis sie reifen. Sie ist die Meisterin der inneren Deutung.
Sie gibt den Dingen Zeit, bis sie ihren Sinn zeigen. In einer Welt der Sofortreaktionen ist das schon ein prophetischer Akt: Das Unfertige unserer Welt auszuhalten.
Kommunikation ist nicht nur Senden – es braucht auch Stille, in der die Botschaft Wurzeln schlagen kann. Maria lebt diese stille Form der Kommunikation: eine „Vita Contemplativa“, die das Gehörte bewahrt, bis es Frucht bringt.
Der Philosoph Martin Heidegger sagt: „Das Wesen des Menschen ist das Wohnen im Geheimnis.“
Maria wohnt im Geheimnis Gottes, und das Geheimnis wohnt in ihr. Ihr Schweigen ist keine Leere, sondern ein Raum, in dem Gott sprechen kann.
Vielleicht ist das unser Auftrag am Beginn eines neuen Jahres: nicht sofort zu reden, sondern zu hören und es zu erwägen unter dem Gesichtspunkt Gottes.
„Am achten Tag gab man dem Kind den Namen Jesus.“
Dieser Satz klingt wie von einer Verwaltung geschrieben. Aber er hat geistliche Kraft. Im biblischen Denken ist der Name das Wesen. Der Name „Jesus“ bedeutet: „Gott rettet.“ Die Namengebung bezeichnet einen göttlichen Anfang.
Gott optimiert nicht, Gott erklärt nicht, Gott kontrolliert nicht, sondern Gott rettet.
Ein ganzes Evangelium in einem Wort. Ein ganzes Jahr in einem Namen. Über allen Krisen, allen Unsicherheiten, allen Schatten der Geschichte steht dieser eine Name: Jesus, Gott rettet.
Das Kind in der Krippe ist Gottes Zeichen, dass er unsere Welt nicht aufgibt, eine Welt, die keine friedliche Welt ist, sondern eine Welt unter der Besatzung Roms, voller Gewalt, voller Unrecht. Genau in diese Welt kommt er – und genau deshalb kommt er auch in unsere heutige so verwundete Welt.
Das neue Jahr wird nicht leicht. Es wird hell und dunkel sein, wie jedes Jahr. Es wird Freude bringen und Last und Sorgen.
Wir werden vor Fragen stehen, die wir nicht alle beantworten können. Aber mitten hindurch gilt: Gott rettet.
Er ist das Kind, das sich finden lässt. Eine Gegenwart, die bleibt. Eine leise, aber wirkmächtige Gegenwart.
Die Weltgeschichte zählt ihre Herrscher, die Engel ihre Lieder, die Hirten ihre Schafe – und Gott zählt unsere Herzen.
Er beginnt eine Revolution, die leise und zärtlich ist und unaufhaltsam. Und wir dürfen Teil davon sein – nicht als Perfekte oder Auserwählte, sondern als Hörende, als Suchende.
Neujahr kann ein geistlicher Beginn sein.
So wünsche ich uns für dieses neue Jahr: – die Wachheit der Hirten, die sich in ihrer Arbeit unterbrechen lassen, weil Gott ruft;
– die stille Tiefe Marias, die bewahrt, damit das Wort wachsen kann und reif werden;
– den Mut Josefs, dem Engel zu glauben, auch wenn der Weg nicht klar ist;
– und vor allem: den Frieden des Kindes, das uns heute seinen Namen schenkt: Jesus – Gott rettet.
Wenn wir diesen Namen über unser Jahr schreiben, dann dürfen wir es getrost beschreiten. Und wir dürfen es tun für die, die Jesus nicht mehr in ihrem Leben erkennen.
Der Neue Jahr wird nicht einfach werden, aber wir gehen es nicht allein. Gott rettet.
Amen.










