Hl. Familie
28.12.2025 |
Predigt | Lesejahr A - Hl. Familie | Mt 2,13-15 19-23
P. Ambrosius Leidinger, 28.12.2025
Liebe Schwestern und Brüder!
Keine romantische Idylle – sondern Aufbruch in der Nacht: die Heilige Familie auf der Flucht. Josef wird im Traum gewarnt: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten.“ Es geht ums Überleben. Und so beginnt die Kindheit Jesu mit Unsicherheit, mit Gefahr, mit der Erfahrung, dass das Leben von heute auf morgen kippen kann.
Ich lese im Augenblick den zeitgenössischen Philosophen Byung-Chul Han. Er ist Koreaner, wohnt aber schon lange in Karlsruhe und Berlin. Er beschreibt in seinem Buch Im Schwarm, wie wir uns heute in digitalen Massen bewegen – ständig vernetzt, ständig informiert, aber so oft ohne Richtung. Völlig wahllos überfluten uns die Nachrichten.
Die Heilige Familie lebt das Gegenteil: sie ist eine kleine Gemeinschaft. Obwohl sie Vertriebene auf der Flucht sind, kann man bei ihnen keine Getriebenheit feststellen, sondern spüren: trotz allem: sie wissen um ein Geleitet-Sein von Gott, - Josephs Träume sind Zeugnis dafür - auch wenn der Weg unklar bleibt. Die kroatische Franziskanerin Ilia Delio, die sich auf Teilhard de Chardin beruft, dem großen französischen Jesuiten, Naturwissenschaftler und Theologen, spricht von einer Welt, die noch im Werden ist. Gott ist nicht der ferne Uhrmacher, der alles fixiert hat. Gott geht vielmehr mit.
Gott formt und gestaltet in der Geschichte, besonders an den Bruchstellen unseres Lebensweges, wenn wir innerlich auf den Flucht sind. Wenn wir nur noch fühlen: Es ist zum Weglaufen. Die Heilige Familie erfährt Gott, der mitgeht, der in der Katastrophe da ist und im Ungewissen, in der Fremde.
C. G. Jung hätte gesagt: Die Flucht nach Ägypten ist auch ein Archetyp: Es ist der Weg in das Fremde, damit das Eigene reifen kann. Jedes Leben kennt diese Wegstrecken – Zeiten, in denen wir aus der gewohnten Ordnung fallen und uns in einer neuen, ungesicherten seelischen Landschaft wiederfinden. Aber dort – und nicht im sicheren Zuhause – geschieht Wandlung. Ich hätte nie in ein Kloster in meiner Heimat eintreten können. Als junger Mann musste ich weg, musste neue Erfahrungen machen. Ein Student, der bei seinen Eltern wohnen bleibt, und sich von Hause an die Uni begibt, kann sich nicht so erproben wie ein anderer, der in eine fremde Stadt und Umgebung zieht. Hier kann das Eigene doch besser heranreifen.
In diesem Licht ist auch die Flucht nach Ägypten kein Umweg, sondern Teil einer großen Bewegung, eines großen göttlichen Plans: Gott geht in seiner Menschwerdung den ganzen Weg der Menschheit mit – bis in die innere Unsicherheit des Menschen, in das existentielle Ungesichert-Sein.
Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben in einer Zeit, in der so viele Familien durch Krieg, Armut oder Katastrophen ihr Zuhause verlassen müssen, da krasse Armut sie dazu zwingt, da Bomben über ihren Köpfen und den Köpfen ihrer Kinder explodieren. Wir sehen Bilder von Müttern mit Kindern an Grenzen, von Vätern, die nicht wissen, wie sie Sicherheit geben können.
Wir verspüren eine latente Angst vor diesen Zuständen und von den fremden Kulturen. Wir möchten am liebsten nichts mehr davon hören und verdrängen ein Stück weit die Katastrophe vor unserer Haustür. Und oft verhalten wir uns so, als ob die Flüchtlinge an diesem Elend Schuld seien. Auch die Hl. Familie müsste uns verunsichern. Als Kinder haben so gerne in den Krippenspielen die Flucht nach Ägypten und die Herbergssuche gespielt. Nichts gegen die Kinder in ihrer Freude am Spiel. Aber es besteht die Gefahr, dass wir die biblische Botschaft so verharmlosen und verkitschen, um uns nicht wirklich der Botschaft Jesu stellen zu müssen. Die Heilige Familie steht mitten unter den Flüchtlingen. Sie weiß, was es heißt, die Nacht durchzugehen und immer weiter gehen zu müssen.
Byung-Chul Han mahnt, dass die digitale Schwarmbewegung uns oft blind macht für den Einzelnen. Wir scrollen mit der Computermaus an Schicksalen vorbei, ohne dass sie uns wirklich berühren. Das Evangelium zwingt uns heute hinzusehen – nicht auf eine Masse, sondern auf ein Gesicht: auf das Kind, die Mutter, den Vater. Sr. Ilia Delio sagt: „Der Gott, der mit uns geht, ruft uns, Mitschöpfer einer neuen Welt zu sein.“
Das Fest der Heiligen Familie ruft uns dazu auf, nicht Zuschauer zu bleiben, sondern in unserem Umfeld Schutzräume zu schaffen für Kinder, für Mütter, für alle, die auf der Flucht sind, für alle Menschen in Not: was immer das im Einzelnen bedeuten mag. Nicht nur der Staat in seiner sozialen Verantwortung ist gefragt. Die Sorge um Flüchtlinge ist nicht irgendeine Aufgabe der Kirche, wenn auch eine wichtige. Nein, sie ist in das Fundament des Christentums eingegossen. Das nationale Denken, das stärker wird, ist nicht katholisch. Katholisch heißt „die ganze Welt umspannend“. Und diese Welt wird immer mehr zu einem „globalen Dorf“, in dem viele Tausend Kilometer keine Entfernung mehr darstellen. 51 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Es sind Menschen von nebenan auf der Erde.
Die Fremdenangst, die heute so geschürt wird, ist eine Variation der alten Geschichte. Die heilige Familie trägt die Züge der Flüchtlinge, die bei uns anklopfen! Die das christliche Abendland in Gefahr sehen und es retten wollen, fühlen sich aufgerufen, Flüchtlinge abzuweisen, und bemerken gar nicht, dass sie gerade so unchristlich handeln, um das Christentum zu retten. Ich finde das paradox und bizarr. Josef, Maria und das Kind kommen zurück, als die Zeit reif ist. Aber sie kehren nicht in dasselbe Leben zurück. Sie tragen die Erfahrung der Fremde in sich und vor allem die Gewissheit, dass Gott auch dort mit ihnen war. Vielleicht ist das die Hoffnung dieses Festes: Es gibt keinen Ort, keine Situation, keine Unsicherheit, keine innere oder äußere Bedrängnis im menschlichen Leben, die Gott nicht mitgeht. Und so kann unsere eigene Lebensgeschichte - mit all ihren Brüchen - Teil der größeren Geschichte werden, der Geschichte Gottes mit uns Menschen, in der Gott sagt: „Ich bin mit euch – alle Tage eures Lebens.“
Amen.










