Weihnachten
25.12.2025 |
Predigt | Lesejahr A Weihnachten | Joh. 1,1-18
P. Ambrosius Leidinger, 25.12.2025
Liebe Schwestern und Brüder,
nach der Heiligen Nacht mit Krippe, Hirten und Gesang der Engel hören wir am 1. Weihnachtsfeiertag ein ganz anderes Weihnachtsevangelium. Kein Stall, keine Engel, kein Kind. Stattdessen Worte von unbegreiflicher Tiefe: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“
Hier spricht der Evangelist Johannes nicht von Bethlehem, sondern vom Ursprung. Er zeigt uns: Das, was in der Krippe geschah, hat kosmische Dimensionen. Das Wort, das am Anfang war, ist kein Laut, keine Idee, keine Theorie. Es ist Gottes schöpferische Gegenwart, sein lebendiges Ja zur Welt.
Dieses „Am Anfang war das Wort“ war für Goethe der entscheidende Ausgangspunkt für seine berühmte Übersetzungsszene in Faust I: Der Ausgangspunkt: Faust, verzweifelt über die Grenzen menschlichen Wissens, beginnt, das Johannesevangelium zu übersetzen. „Im Anfang war das Wort!“: Hier schon stockt Faust, da ihm das „Wort“ als zu abstrakt erscheint. Er übersetzt: „Im Anfang war der Sinn!“: Aber es war doch mehr als Sinn. Dann übersetzt er: „Im Anfang war die Kraft!“: Er zweifelt erneut, dass dies schon die ultimative Wahrheit ist. „Im Anfang war die Tat!“: Dies überzeugt ihn schließlich, da die Tat die Schöpfung vollendet und dem Geist Ausdruck verleiht. Die Konsequenz: Kaum hat er „die Tat“ geschrieben, erscheint der berühmte Pudel, der sich als Mephisto entpuppt und Faust in seine Welt des Handelns und der Versuchung führt.
Wort, Sinn, Kraft, Tat: sie alle kommen im griechischen Wort Logos zum Ausdruck. Der Logos ist der Grund aller Dinge. Alles, was Gott denkt und spricht, ist auch Sinn, Kraft und Tat, ist Wirklichkeit. Im Schöpfungsbericht heißt es: Gott sprach, und es ward. Wir können das mit unserer Sprache und Erfahrung gar nicht benennen. Wir können es nur so ausdrücken als wären es zwei Tätigkeiten hintereinander. Aber was Gott spricht, ist auch. Und dieses Wort, der Grund des Universums, hat sich sichtbar gemacht: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Das ist das Wunder von Weihnachten: Das Ewige tritt in die Zeit. Das Unsichtbare wird greifbar. Das Unbegreifliche wird Mensch.
Das Unendliche nimmt das Endliche an.
Gott kommt nicht als Idee, nicht als eine entfernte Energie, sondern als ein Mensch – mit Herzschlag, Haut und Haaren. Wir Menschen suchen nach Zeichen des Göttlichen. Wir stellen uns Gott immer wieder groß vor – im Glanz, als der Allmächtige. Das stimmt ja auch. Aber wir müssen immer wieder lernen, wir müssen uns immer wieder vor Augen stellen: Gott entscheidet sich für einen anderen Weg, sich erfahrbar zu machen: Gott kommt in das Alltägliche. Er nimmt Fleisch an, er offenbart sich in der Liebe. Ich denke an ein Wort von Stephen Hawking, des berühmten britischen Astrophysikers: „Wenn wir die Gleichung finden, die alles erklärt, dann werden wir den Geist Gottes kennen.“
Johannes sagt: Diese Gleichung ist kein Code – sie ist ein Gesicht. Sie ist Christus. Er ist der Sinn, das Zentrum, das Herz des Universums. Das Heilige zeigt sich nicht im Rückzug aus der Welt, sondern in ihrer Bejahung in Jesus Christus. In seiner Menschwerdung spannt Gott nicht den Himmel auf Abstand, sondern spannt ihn über unser Leben. Er segnet die Materie, den Leib, das Menschsein. „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“
Das ist die Botschaft: Das Licht ist stärker als die Dunkelheit. Nicht weil die Dunkelheit verschwindet, aber Licht bleibt. Das Evangelium sagt auch in die heutige Dunkelheit, in die Kriege, in die Gewalt, in die Angst, in die Einsamkeit. Das Licht ist da – und es hört nicht auf zu leuchten. Weihnachten ist so immer wieder eine geistige Herausforderung, ein geistiger Aufbruch. „Er hat unter uns gewohnt“ – wörtlich übersetzt heißt es: Er hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen. Gott ist uns ein Mitbewohner geworden. Er ist nicht wie ein Tourist, der kurz vorbeikommt und weiterreist. Er teilt jeden Tag unseres Lebens mit uns. Das Johannesevangelium sagt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Kinder sind keine Statisten oder Zuschauer, sondern Teil seiner Familie. Wir gehören zu Gott Familie. Das heißt weitergedacht: Gott wird Mensch, damit der Mensch göttlich wird. Er kommt zu uns, damit wir zu ihm kommen können.
„Das Licht kam in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“. Manchmal fragen wir uns: Wie kann das Licht bleiben, wenn die Welt so dunkel ist? Weil es in jedem Herzen leuchtet, das offen bleibt für die Liebe. Weil es da brennt, wo Menschen vergeben, wo sie teilen, wo sie Hoffnung säen. Ich denke an das berühmte Wort von Angelus Silesius: „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren?“ Das ist die immer wieder entscheidende Frage auch heute: Wird das Wort in uns Fleisch? Wird sein Licht in uns leuchten? Wird die Liebe in uns wohnen?
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht feiern wir Weihnachten am ehrlichsten, wenn wir – wie Gott selbst – diese Erde bejahen trotz aller negativen schmerzlichen Erfahrungen. Dass wir auch Angst um sie haben dürfen: so wie sie ist und von Menschen auch gemacht wurde – auch das bedeutet die Erde bejahen. Wenn wir den Raum, den wir bewohnen, nicht nur nutzen, sondern positiv gestalten. Wenn wir die Zeit, die uns gegeben ist, nicht nur füllen, sondern segnen. Denn Weihnachten heißt: Gott ist hier. Gott ist jetzt. In unserer Zeit. Auf unserer Erde.
Amen.










