Weihnachten - Hl. Abend
24.12.2025 |
Predigt | Lesejahr A Hl.Aend | Lk 2,1-14
P. Ambrosius Leidinger, 24.12.2025
Liebe Schwestern und Brüder!
„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.“ So beginnt das Weihnachtsevangelium. Nicht mit Musik, nicht mit Kerzenlicht, sondern mit einem Verwaltungsakt, mit Bürokratie, mit dem nüchternen Ton eines administrativen Vorgang des Staates.
Und genau in diese Welt hinein, in eine unruhige, überforderte, von Macht und Kontrolle bestimmte Welt, wird Gott Mensch. Kaiser Augustus lässt zählen. Der mächtigste Mann der Welt ordnet eine Volkszählung an – und glaubt damit, alles unter Kontrolle zu haben. Doch während die Großen der Geschichte rechnen, zählt Gott anders. Er schreibt ein anderes Kapitel – nicht im Palast, sondern im Stall, nicht in Rom, sondern in Bethlehem. Weihnachten beginnt an einem Ort, den niemand auf dem Schirm hatte. So wie Gott bis heute oft dort anfängt, wo es am wenigsten erwartet wird. Maria und Josef sind unterwegs.
Nicht freiwillig, nicht aus Abenteuerlust, sondern weil die Umstände sie treiben. Und als sie ankommen, finden sie keinen Platz, keinen Raum, keinen Schutz, keine Tür, die sich öffnet.
Wie aktuell das Weihnachtsevangelium ist: Wie viele Menschen heute kennen genau dieses Gefühl?
Keinen Platz finden, keinen Raum, keinen Ort, wo gesagt wird: „Komm herein, du bist willkommen.“
Und genau in diese Erfahrung hinein wird Gott geboren. „Sie wickelte das Kind in Windeln und legte es in eine Krippe.“ Mehr Armut geht nicht. Mehr Liebe aber auch nicht. Wir sehen hier kein religiöses Bild, sondern das Herz Gottes. Gott, der sagt: Ich kenne deine Mühe. Ich kenne deine Unruhe. Ich kenne das Gefühl, dass du keinen Platz findest. Darum komme ich zu dir – nicht als Machthaber, sondern als Kind.
Und draußen, auf dem Feld, wachen die Hirten. Menschen am Rand, Unwichtige, Unbeachtete. Doch der Himmel weiß ihren Namen. Der Engel spricht zu ihnen: „Fürchtet euch nicht!“
Es ist das erste Wort der Weihnacht. „Fürchtet euch nicht!“ Nicht: „Strengt euch an.“ Nicht: „Macht alles richtig.“ Nicht: „Werdet besser.“ Sondern: „Fürchtet euch nicht.“ Die Angst ist das Erste, was Gott wegnehmen will. Noch vor der Schuld, noch vor der Schwäche, noch vor dem Versagen. Zuerst die Angst.
Dann die Botschaft: „Heute ist euch der Retter geboren.“ Nicht irgendwann. Nicht „eines Tages“. Heute. In diese Nacht hinein. In unser Heute hinein. Weihnachten ist kein Rückblick, sondern eine Gegenwart.
Christus wird geboren – nicht nur vor zweitausend Jahren, sondern jetzt, hier, in deinem Leben.
Oft fragen wir uns: Wo ist Gott in dieser Welt voller Dunkelheit? Wo ist Gott in Kriegen, in Streit, in Sorgen, in Erschöpfung, in all dem, was uns den Atem nimmt?
Weihnachten antwortet: Gott ist mitten drin. Nicht darüber, nicht darunter, nicht dahinter, nicht daneben, sondern in allem, was zerbrechlich ist. Seine Stärke ist das leise Berühren. Seine Macht ist die Nähe. Seine Antwort ist ein Kind. Weihnachten ist ein göttlicher Einbruch in unsere Welt. Ein göttlicher Durchbruch in unsere Zeit. Und dieser Durchbruch geschieht bis heute: wo ein Mensch barmherzig ist, wo jemand vergibt, wo einer teilt, wo einer liebt, da wird Gott Mensch. Die Engel verkünden: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ Ehre Gottes und Friede der Menschen gehören zusammen.
Es kann keinen Frieden auf Erden geben, wenn wir Gott nicht ehren – und es gibt keine Ehre Gottes, wenn wir den Frieden unter den Menschen verweigern.
Weihnachten ist ein Fest, das uns zurückführt zu dem, was trägt. Gott kommt, um unser Leben zu. Er kommt in unsere Müdigkeit, in unsere Unruhe, in unsere Verletzlichkeit. Gott kommt dorthin, wo man ihn nicht erwartet, wo die Welt schwach und verwundet ist. Er kommt dorthin, wo die Liebe neu geboren werden muss. Ich denke an das schöne Wort von Angelus Silesius: „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren?“ Das ist die eigentliche Frage dieser Nacht: Wird er in mir geboren?
Darf er in meinem Herzen Wohnung nehmen? Darf er meine Angst in Vertrauen verwandeln, meine Müdigkeit in Hoffnung, meine Gleichgültigkeit in Liebe? So wünsche ich uns allen: den Mut Marias – in dieser Welt „Ja“ zu sagen zu Gott; die Treue Josefs – auch dann zu glauben, wenn vieles unklar bleibt; die Wachsamkeit der Hirten, die sich vom Licht überraschen lassen und die Freude der Engel, die den Himmel öffnen und singen:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“
Das sei unser Wunsch zu Weihnachten!
Amen.










