4. Advent
19.12.2025 |
Predigt | Lesejahr A 4. Adventssonntag | Mt 1,18-24
P. Ambrosius Leidinger, 21.12.2025
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist ein stiller Johannes, den wir heute erleben, nicht mehr den Rufer in der Wüste, der mit lauter Stimme zur Umkehr mahnt, d.h. sensibel zu werden für Gott und sein Wirken. Johannes sitzt im Kerker. Johannes hat zeitlebens für diese eine Aufgabe und diesen einen Dienst gelebt: den Messias zu verkünden, die Menschen darauf vorzubereiten, dass er kommt und dass er jetzt kommt. Was mag er gedacht und gefühlt haben, von dem Machthaber Herodes in einem Kerker weggesperrt, als er von Jesu Wundertaten erfährt? Und wie berührend menschlich ist seine Frage an Jesus, mit der er sich vergewissern will, dass er sein Leben nicht einem Irrtum verschrieben hat, einem Hirngespinst nachgelaufen ist. Und so sendet er seine Jünger zu Jesus mit dieser einzigen Frage: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Eine einfache, ehrliche Frage, auf deren Antwort alles ankommt. Auch sein Glaube kennt Dunkelheit und Ungewissheit. Auch der größte Prophet hat seine Fragen.
Johannes, der durch Gottes Gnade Jesus erkannt und auf ihn hingewiesen hat, muss neu fragen. Seine Wüste ist nicht mehr die Gegend um den Jordan, sondern seine Zelle. Und in der Einsamkeit dieser Gefängniszelle steigen Fragen in seinem Herzen auf: War mein Weg, meine Verkündigung, richtig? Oder habe ich mich getäuscht? Jesus antwortet nicht mit einer theoretischen, abstrakten, theologischen Aussage. Er sagt nicht: „Ja, ich bin es.“ Er sagt vielmehr: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ Jesus verweist nicht direkt auf sich, sondern auf das, was an Wunderbarem geschieht. Er sagt: Schau hin! Da, wo Menschen aufatmen, wo Leben aufblüht, wo Verzweifelte Hoffnung schöpfen – da bin ich. Glaube ist kein Besitz, den man ein für alle Mal hat. Glaube ist Bewegung. Glaube ist ein Weg. Und manchmal ist dieser Weg auch mühsam, angefochten, dunkel. Der Advent sagt: Das darf dich nicht beunruhigen, das darf dich nicht aus der Bahn werfen. Gerade die Dunkelheit gehört zum Kommen Gottes. Gott kommt nicht erst, wenn alles hell und heil ist. Er kommt mitten in der Nacht.
Manchmal fragen wir wie Johannes: Wo bist du, Gott, wenn wir dich brauchen? Warum diese Kriege, diese Gewalt, diese Zerrissenheit? Warum Krankheit, Schmerz, Verlust? Warum diese Schwere des Lebens? In einem seiner Briefe schrieb der Mystiker Johannes vom Kreuz: „Gott wohnt dort, wo der Mensch ihn normalerweise nicht sucht.“ Jesus verweist uns nicht auf große Wunder, sondern auf kleine Zeichen: auf einen Menschen, der uns tröstet; auf ein Wort, das trägt; auf eine Gewissheit im Herzen, die bleibt. Dort wohnt Gott. Die Wirklichkeit Gottes ist tiefer als die äußeren Umstände und unser äußeres Erkennen. Auch im Gefängnis bleibt Johannes ein Prophet – weil er offen bleibt für eine Antwort Gottes, auch wenn sie anders ausfällt als er es sich gedacht hat. Gott ist da – im Gefängnis, gerade dort, gerade im Zweifel, gerade im Warten, gerade in der Unsicherheit. Gerade dort ist er nicht fern. Auch wenn er nicht unmittelbar erfahrbar ist, ist er gegenwärtig.
Jesus lobt Johannes: „Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner größer als Johannes.“ Und er fügt hinzu: „Der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.“ Das ist kein Widerspruch, sondern ein Trostwort. Denn das Himmelreich beginnt dort, wo wir einfach bleiben – im Vertrauen. Wo wir versuchen, unseren Glauben zu leben, so gut wir können, besonders in sozialer Verantwortung. Darin wird Jesu Handeln besonders sichtbar. Dann befinden wir uns in der Nähe zu Gott. Der Advent führt uns genau dorthin. Vielleicht ist das die Einladung dieses dritten Adventssonntags: Zu vertrauen und sich zu freuen, dass Gott auch im Unbegreiflichen gegenwärtig ist, und zu vertrauen, dass er sich erahnen, erfahren lässt.
Ich denke an ein Wort eines benediktinischen Mitbruders. Er sagte: „Wir sind nicht Menschen, die spirituelle Erfahrungen machen – wir sind spirituelle Wesen, die menschliche Erfahrungen machen.“ Vielleicht hilft uns das, Johannes zu verstehen. Seine Gefangenschaft ist kein Scheitern. Sie ist Teil seines Weges. Er ist nicht weniger Prophet, weil er fragt. Er ist Mensch, und weil er in seiner Dunkelheit offen bleibt für Gott, bleibt er Prophet. Wir sind spirituelle Wesen, die menschliche Erfahrungen machen. Johannes’ Frage bleibt auch unsere: „Bist du es?“ Und Jesu Antwort bleibt die gleiche: „Schau hin, was geschieht.“ Schau hin, was du tun kannst. Vielleicht entdecken wir ihn genau da, wo wir es nie erwartet hätten - in einem unscheinbaren Moment, in einem Wort, in einem Blick, in einem Menschen. So führt uns der Advent nicht aus der Welt hinaus, sondern tiefer in sie hinein. Und mitten darin begegnet uns Gott – nicht laut, sondern leise. Nicht fern, sondern nah. Das ist der Advent des Herrn. In dieser Gewissheit können wir mit Paulus frohen Herzens sagen: „Freut euch, noch einmal sage ich euch: Freut euch! Der Herr ist nahe!“
Amen.










