2. Advent

07.12.2025 |

Predigt | Lesejahr A 2. Adventssonntag |  Mt 3,1–12

P. Ambrosius Leidinger, 07.12.2025
gehalten in St. Elisabeth
 
Liebe Schwestern und Brüder,
der Advent schreitet fort – und heute steht einer vor uns, der alles andere als gemütlich ist: Johannes der Täufer. Kein Mann für Kerzenlicht und Glühwein, keiner, der sich anpasst. Ein Prophet, der in der Wüste steht, dessen Rede grob ist, der laut ruft: „Bereitet den Weg des Herrn, ebnet ihm die Straßen!“ Er steht nicht in der Stadtmitte, sondern in der Wüste. Wer zu ihm will, muss aufbrechen, muss den vertrauten Boden verlassen. Das, was wir am allerwenigstens wollen, die wir unsere Sicherheit und Ruhe haben wollen. Nur keine Änderung. Wir spüren sofort: Dieser Ruf ist kein Appell an die Anderen. Er meint uns. Aber wir nehmen Johannes nicht wirklich ernst. Der Weg des Herrn – das ist ja kein Straßenbauprojekt, sondern die Einladung, dass Gott in meinem Leben Raum bekommt.
 
Johannes predigt nicht Optimismus, dass alles gut wird. Er predigt Umkehr. Und Umkehr ist mehr als ein Richtungswechsel. Umkehr ist Offenheit für das, was kommt, und damit eigentlich ein Wort voller Hoffnung. Umkehr heißt nicht: zurück zu alten Zeiten. Umkehr heißt: mich neu ausrichten auf Gott hin, auf das Leben, auf das, was Sinn gibt. Sie ist nicht das naive „Es wird schon gut“, sondern eine innere Beweglichkeit. Thomas Merton, der Trappist, hat Hoffnung einmal so beschrieben: „Hoffnung ist nicht die Gewissheit, dass alles gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – egal wie es ausgeht.“ Johannes weiß nicht, wann der kommt, den er ankündigt. Aber die Hoffnung trägt ihn. Er kennt nicht das ganze Drehbuch Gottes. Aber er weiß: Er ist unterwegs. Und das ist ihm genug, um zu rufen. Das ist adventliche Haltung: Ein Ja zu Gott. Das Ja zu Gottes Kommen, auch wenn es uns verändert, Bereit-Sein, auch Veränderungen zuzulassen.
 
Johannes ist der Mann in der Wüste. Die Wüste ist gemeint als Ort der Klärung als Ort, an dem das Unwichtige abfällt und nur das Wesentliche bleibt. Vielleicht brauchen wir diese Wüste heute dringender denn je. So viele Stimmen reden auf uns ein. So viele Nachrichten, Angebote, Termine. Advent kann zur lautesten Zeit des Jahres werden. Doch die Stimme Gottes ist leise. Und nur wer still wird, wird sie hören. Liebe Schwestern, liebe Brüder, die Menschen damals fragten Johannes: „Was sollen wir tun?“ Und er sagte: „Wer zwei Gewänder hat, gebe eines dem, der keines hat. Und wer zu essen hat, tue ebenso.“ Das klingt einfach – und genau das ist das Evangelium. Umkehr beginnt nicht mit großen Gesten. Sie beginnt im Alltag. In der Art, wie ich spreche, wie ich über den anderen spreche, wie ich mit anderen umgehe, wie ich teile, wie ich verzeihe. Johannes’ Ruf ist unbequem – und zugleich tröstlich. Denn Gott will kein perfektes Herz, sondern ein offenes. Umkehr ist kein moralischer Akt, sondern das Sich-Bereithalten für die göttliche Gegenwart in uns. Das ist der tiefste Sinn des Advents: aufzuwachen für Gott, der längst in uns wohnt – und der uns immer wieder neu entgegenkommt, der uns berührt, damit wir so getröstet und gestärkt unser Leben gut weiterleben können, im Bewusstsein, von Gott getragen zu sein.
 
Johannes der Täufer ist Türöffner. Advent ist nicht nur Warten, sondern vielmehr aktives Bereiten. Wege begradigen, Steine aus dem Weg räumen, Türe öffnen, loslassen – unsere Sorgen, unseren Groll, unseren Anspruch auf Kontrolle.  Dann entsteht Raum für Gott. So wünsche ich uns allen in dieser zweiten Adventswoche: dass wir etwas Wüste wagen – ein bisschen in die Stille gehen, ein bisschen Verzicht leisten, ein bisschen mehr Klarheit bekommen. Und dass wir, wenn der Herr kommt, nicht erschrecken, sondern sagen können: Ja, Herr – der Weg in meinem Herzen ist bereitet.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater