der Gute Hirt

11.05.2025 |

Predigt | Lesejahr B 4. Ostersonntag | Joh 10, 27–30

P. Ambrosius Leidinger, 11.05.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Um die Papstwahl von Papst Leo wurde in den Medien immer wieder diskutiert, wie er neue Papst sein solle, welches Profil er haben solle, was er in der Kirche verändern solle. Berechtigte Fragen. Aber die Papstwahl wäre doch auch ein Anlass, den Blick auf mich selbst zu richten, zu fragen, welches Profil ich als Glied der Kirche haben soll, was ich bei mir verändern soll, wie mein persönlicher Weg der Christusnachfolge sein sollte. Wir alle haben unsere guten starken Seiten, unser Charismen, wir alle haben unsere Ausrichtung auf Christus, und wir alle sind gleichzeitig Sünder. Das berühmte Lutherwort. Simul iustus et peccator sei genannt. Wir sind gerechtfertigt, d.h. wir alle sind Kinder Gottes, leben in einer guten rechten Beziehung zu Christus und sind gleichzeitig Sünder.
 
Das gilt für jeden, auch für jeden Heiligen. Kein Heiliger kann uns makelloses Vorbild sein. Als Christ komme ich nicht darum herum, mir ein eigenes Bild zu machen, das Gute zu sehen in meinen Vorbildern, mich davon inspirieren zu lassen, aber auch seine Schattenseiten nicht schönzureden. Jeder Heilige war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich meine, gerade mit seinen Gefährdungen und mit seinem Ringen, immer wieder das Gute zu erreichen, kann er uns Vorbild sein. Wie die Heiligen mit ihren Ecken und Kanten umgegangen sind, das ist es doch, wo wir am meisten lernen können. Das wir immer wieder neu lernen, darauf kommt es an. Ein Säulenheiliger aus Gips kann uns nicht weiterhelfen, er kann uns kein Vorbild sein.
 
Die große Weisheit unseres Ordensgründer Benedikt etwa ist nicht nur für uns Benediktiner inspirierend. Aber es gibt auch in seiner Regel Stellen, wo man merkt, wie da ein Mensch zu erkennen ist, der auch erst allmählich gelernt hat, auf dem Weg Christi weiterzugehen. Jesus allein ist der ganz Heilige, „der gute Hirt“ (Joh 10,11). Das hat er ja auch gegenüber den religiösen Führern seiner Zeit in Jerusalem klar benannt. Er kritisiert damit diejenigen, die sich gerne selbst in der Rolle des „Guten Hirten“ sehen, dem aber nicht gerecht werden. Aber das Entscheidende ist: in der Absolutheit, in der Jesus sich als den Hirten seiner Herde und als den Guten Hirten bezeichnet, klingt etwas in jüdischen Ohren deutlich mit, dass er hier die Rolle Gottes annimmt, der im Alten Testament der Hirt seines Volkes ist. Jesus betreibt also nach jüdischem Verständnis nicht nur Amtsbeleidigung, sondern vor allem maßt er sich an, wie Gott zu sein.
 
Und dem setzt er noch eines drauf: „Ich und der Vater sind eins“. Damit sagt er nicht, dass er und Gott, der Vater, ein und dasselbe seien. Das, so einfachhin gesagt, wäre Unsinn. Die Christen haben später versucht, das Gemeinte in der Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes zu fassen. Jesus macht im gesamten Johannesevangelium immer wieder klar: Was er den Vater tun sieht, das tut auch er, weil er im Vater ist und der Vater in ihm. In Christus wird fassbar, was die gesamte Heilige Schrift immer wieder von Gott sagt. Papst Leo hat es nach seiner Wahl in seiner Ansprache auf der Loggia des Petersdomes so gesagt: Gott liebt sein Volk in Christus, er sorgt sich um sein Volk in Christus. Gott ist uns so nah, wie nur Gott uns nahe sein kann in Christus. Wie die Kolonnaden des Peterplatzes uns umarmen, so umarmt uns Gott, so umarmt uns der „Gute Hirte“, Christus. Jesus greift das Bild von der Vertrautheit des Hirten mit seiner Herde auf und sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir“. Nicht, dass wir blökende Schafe seien, sagt das Bild, sondern dass wir Gottes Volk und Herde sind.
 
Das eigentlich Wunderbare ist: Wir alle sind berufen, heilig zu sein. Das bedeutet: Wir sollen eine Person mitten in der Welt sein, durch die trotz unserer Unzulänglichkeit Gott in dem erfahrbar ist, was wir reden und tun, in unserem Leben, in den Werken der Liebe. Wir alle sollen sichtbar machen, was wir sind: ein Ort der Gegenwart Gottes. Wer sich sozusagen nur wie im Publikum empfindet, und alles nur beobachtet und vielleicht auch noch etwas zu kritisieren hat, ist genauso weit vom guten Hirten entfernt wie so mancher Amtsträger, der meint, alles bestimmen zu können aufgrund einer falsch verstandenen Autorität, der seinen Mitchristen nicht zugesteht, dass auch sie auf die Stimme des „Guten Hirten“ hören.
 
Die Lehre der Kirche widerspricht dem. Der Papst hat sich Leo genannt. Ich denke, er bezieht sich auch auf Leo XIII., der von 1870-1903 Papst war. Er gilt als der Arbeiterpapst, der 1893 die erste Sozialenzyklika geschrieben hat: „Rerum novarum“ als Antwort auf die soziale Verelendung der Arbeiterschaft im Industriezeitalter. Seitdem hat die Kirche als Handlungsrichtlinie, auch im sozialen Verhalten, das sogenannte Subsidiaritätsprinzip d.h. jeder soll, soweit es geht, frei sein in seinem Handeln, in Verantwortung die eigenen Gaben einbringen und leben. Subsidium heißt nichts anderes als Hilfe – d.h. wenn er an seine Grenzen stößt, dann soll ihm vom außen Hilfe gewährt werden in Solidarität. Auch ich bin meines Nachbarn Hirte. Auch ich trage für meinen Bruder, für meine Schwester neben mir Verantwortung, auch ich eröffne ihm Freiheit und Leben, oder sperre sie ihm. Ich begebe mich auf den Wegen des „Guten Hirten“ oder nicht.
 
Die nächste grundlegende Aussage Jesu im heutigen Evangelium:
„Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“
Ein Zimmermann aus kleinen Verhältnissen und unklarer Familiensituation. Ein Wanderprediger, der ungebildete Fischer, Prostituierte und Zolleintreiber in seinem Gefolge hat. Und einer, der von den Autoritäten seiner Zeit zu Boden getreten wurde und den die Römer der widerlichsten Strafe für Verbrecher unterworfen haben. Einer, der es nicht einmal für sich selber geschafft hat, nicht zugrunde zu gehen, der verspricht denen, die ihm folgen, dass sie niemals zugrunde gehen. Das Johannesevangelium wurde vermutlich für Gemeinden im Gebiet des heutigen Syrien aufgeschrieben, die nicht mehr Renommee hatten als ihr gekreuzigter Hirte. Aber das Johannes-Evangelium wurde von der ganzen Kirche anerkannt und angenommen. In einer Zeit, in der sie regelmäßig blutige Verfolgungen heimsuchten. Das Evangelium ist kontrafaktisch. Niemals zugrunde gehen! Ist das nur final gemeint? Sollen wir uns trösten, dass es uns zwar elendig dreckig gehen kann, wir aber dennoch irgendwie und irgendwann notfalls in einem ewigen Leben nicht zugrunde gehen?  Zu allen Zeiten hat diese Zusage des guten Hirten Menschen in Extremsituationen Orientierung gegeben und in ihnen eine unglaubliche Kraft entfaltet, an der Liebe festzuhalten.
 
Das Johannesevangelium zeigt uns ein Leben, das aus der Einheit mit Gott getragen ist. Wir sehen den Menschen Jesus, mit seinem Mühen und Zweifeln bis hin zur Gottesverlassenheit am Kreuz, als denjenigen, der allein uns letztlich Heil schenken kann. Es ist ein Paradox: in dieser Schwäche liegt die Kraft. In diesem Gewöhnlichen liegt das Außergewöhnliche. Dieser Gekreuzigte führt zum Leben. Der gute Hirt ist selbst ein Lamm, das geschlachtet ist. Er ist das Lamm, das der Seher Johannes in der Offenbarung in der Mitte der Herrlichkeit von Gottes Thron erschaut. Er und der Vater sind eins und doch kann jeder von uns in ihm bleiben und ihm folgen, weil er einer von uns ist. Das immer wieder neu im Glauben zu erfassen, wird uns zum christlichen Anker, zur Interpretation unseres Lebens.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater