Thomas

27.04.2025 |

Predigt | Lesejahr C 2. Ostersonntag | Joh 20, 19–31

P. Ambrosius Leidinger, 27.04.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Es ist schon hinterhältig, den Finger in die Wunde zu legen: den weinenden Schulkameraden nach seiner Note in der Mathematikarbeit zu fragen, dem Alkoholiker ein Bier anzubieten, die Mutter, die seit Jahren nichts mehr von ihren Kinder gehört hat, zu fragen, was die Enkel machen…. Wer den Finger in die Wunde legt, reißt sie von neuem auf. Sowas macht man nicht. Thomas will den Finger in die Wunde legen. Ganz bewusst. Jesu Tod hat auch ihn verwundet. Seine Wunde ist, dass seine Hoffnung, die er auf Jesus gesetzt hatte, zerbrochen ist, sein Glaube an ihn erschüttert. Er wird wohl gesagt haben: Ihr könnt mir ja viel erzählen! Ich kann mir vorstellen, wie die anderen ihn aufhalten wollten: So etwas macht man nicht.
 
Wunden sind uns eher peinlich, und wir wollen sie verstecken. Sie sind schmerzhaft, sie zeigen unsere eigene Verwundbarkeit. Vielleicht wollten die anderen Jünger auch nur ihren eigenen Zweifel verbergen. Wir alle glauben nur bis zu einem gewissen Punkt. Aber Thomas weiß: Die Wunden garantieren die Echtheit. Wenn Jesus wirklich auferstanden ist, dann muss er die Wunden an sich tragen, die ihm am Kreuz zugefügt wurden. Die Wunden sind sowas wie das Wasserzeichen für seine Auferstehung. Aber es geht noch tiefer. Jesus trägt die Wunden nicht aus Versehen. Das Kreuz ist kein Unfall. Die Wunden erzählen von menschlicher Schuld. Von Mord und Verrat. Von Hass und Unverständnis. Nicht-verstehen- Wollen und Zweifeln. Die Wunden erzählen von Leugnen und Wegschauen. Vom Kneifen und Weglaufen. Und Thomas ist sich bewusst: Da hat auch er seinen Anteil.
 
Und dann stehen sie sich gegenüber. Jesus und Thomas. Auge in Auge. Oder sagen wir besser: Finger gegen Wunde. Und Jesus fordert Thomas auf, seine Wunden zu berühren. Und Thomas kommt. Er kommt aus seiner Welt des Verstandes, in der nur Fakten zählen. Er kommt auch mit seiner Schuld und Verlorenheit. Aus seinem Nichtlieben. Aber aus der Sehnsucht nach Leben. Er kommt als ganzer Mensch. Und Thomas darf die Wunden Jesu berühren. Und in dem Moment wird er selbst tief berührt: Und in diesem Moment wird er freigesprochen. Thomas wird freigesprochen von seiner menschlichen Schuld. Gott hat sie in Jesus angenommen. Jesus trägt seine Schuld.
 
Thomas kommt und legt seinen Finger in Jesu Wunde. Und er bekennt: Mein Herr und mein Gott! (V28) Und wie er seinen Finger in die Wunde legt und glaubt, da wird Ostern in seinem Herzen. Und genau da hat Ostern seinen Platz. Es ist einfach zu groß für unser Begreifen. Aber Ostern passt in unser Herz. Thomas erfährt es am eigenen Leib. Und erfährt, dass Ostern den Menschen mit Leib und Seele betrifft. Den Thomas, wie oft geschehen, ungläubig zu nennen, ist schlicht Unsinn. Thomas ist seinen individuellen Weg des Glaubens mit Jesus gegangen. Nicht nur die schöne Seite unseres Lebens mit all den Gaben, die wir erfahren, sondern auch das Leidvolle und Phasen des Zweifels bilden und formen unser inneres Leben, unseren österlichen Weg mit Jesus.
 
Der große spanische Philosoph Miguel de Unamuno, gestorben 1936, schreibt:
„Diejenigen, die glauben, dass sie an Gott glauben, aber dies ohne Leidenschaft in ihrem Herzen tun, ohne Qual des Geistes, ohne Ungewissheit, ohne Zweifel, ohne ein Element der Verzweiflung selbst im Trost, die glauben nur an den Gottesgedanken, nicht an Gott selbst.“
Unser Zweifel an Gott kann ein Bote Gottes sein. Wir sollten den Zweifel nicht fürchten. Wovor wir uns in Acht nehmen sollten, ist die Gleichgültigkeit. Papst Franziskus hat uns das als sein Vermächtnis gegeben: Die Gleichgültigkeit ist der Tod der Liebe, ist der Tod des Glaubens, die Gleichgültigkeit gegenüber der Not so vieler Menschen, so vieler Flüchtlinge. Natürlich macht der Zweifel den Glauben nicht leichter, doch er kann ihn wahrhaftiger und tiefer machen. Der Zweifel kann eine Form des Glaubens sein, denn in ihm lebt der fragende Glaube, der darunter leidet, dass manche Antworten ihn nicht mehr tragen.
 
So heißt das Wesentliche des Glaubens Lernen. Menschen, die an Jesus glauben, nennen sich heute Christen. Dieser Begriff steht im Neuen Testament nur dreimal. Der Begriff Jünger aber kommt über 180-mal vor. Hier wird ein feiner Unterschied deutlich: Der Christ definiert sich durch das, was er glaubt; er glaubt an Christus, den Auferstandenen. Ein Jünger bestimmt sich dadurch, wer sein Meister ist und was er durch ihn lernt. Der Glaubensweg der Jünger begann nicht damit, dass Jesus ihr Glaubensbekenntnis abfragte, sondern darin: Er hat sie berufen, mit ihm zu gehen und von ihm zu lernen. Erst als sie vieles gelernt und gesehen hatten, stellte er ihnen die Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Lukas 9,20).
 
Jesus nachzufolgen ist ein Weg. Wenn wir nicht als Lernende mit Jesus gehen, werden wir nichts erfahren. Wir werden Gottes nur dann gewiss werden, wenn wir uns sozusagen hineingestalten lassen in sein Wesen. Erst wenn wir die Vollkommenheit suchen, werden wir sehen, dass es einen vollkommenen Gott gibt. Nur als Liebende werden wir Gott als den Liebenden erkennen. Ein anderer Weg ist uns nicht möglich als der, dass wir Gott näher kommen, weil wir ihm ähnlicher werden. Er bleibt uns treu, doch wir sollen es auch sein. Darum redet Jesus zu seinen Jüngern so häufig vom Bleiben. „Bleibt in meiner Liebe. Bleibt in meinem Wort.“ Was ich mit alldem sagen möchte, ist: Nur der lernende Glaube kann Zweifel überwinden, wird in der Lage sein, Jesus nachzufolgen.
 
Der Dalai Lama hat recht, wenn er sagt: „Wir leben nicht, um zu glauben, sondern um zu lernen.“ Es ist kein Wort, das dem Religionsstreit gilt, sondern der Krise. Denn in der Glaubenskrise wird der Glaube ein lernender und hörender Glaube sein, oder er wird aufhören zu sein. Wenn der Zweifel ein Bote Gottes ist, dann widersetzt er sich allem religiösen Hochmut, aller Rechthaberei. Worin der Zweifel uns im Namen Gottes segnen darf, ist einzig, uns das Herz eines Anfängers zu geben - damit wir als Lernende an die Anfangsorte zurückkehren, an denen der Glaube seinen Segen hat.Martin Schleske, der seine Berufserfahrung als Geigenbauer mit seinem Glauben immer wieder auf geniale Weise in Verbindung bringt, sagt:
„Darum erschüttert der Zweifel die Härte, die einmal Festigkeit war; er erschüttert Besitz, der einmal Gewissheit war;
er erschüttert Starrheit, die einmal Klarheit war;
er erschüttert Macht, die einmal Charisma war;
er erschüttert Stolz, der einmal Segen war;
er erschüttert Fanatismus, der einmal Leidenschaft war;
er erschüttert Opfer, dies einmal Hingabe waren,
er erschüttert Lehren, die einmal Wahrheit waren;
er erschüttert Erfahrungen, die einmal Gnade waren,
er erschüttert Worte, die einmal Gebete waren
 - in alldem geschieht immer das eine: Er erschüttert, was einmal Liebe war“ (Martin Schleske).
Nur über das liebende Herz, das sich aufmacht, erfahren wir den auferstandenen Herrn.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater