Ostersonntag

20.04.2025 |

Predigt | Lesejahr C Ostersonntag | Joh 20, 1-18

P. Ambrosius Leidinger, 20.04.2025
gehalten in St. Elisabeth
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Wenn man in Stuttgart die Staatsgalerie besucht, stößt man gleich in den ersten Sälen auf ein riesig großes Altarbild aus der Renaissancezeit, den sogenannten Herrenberger Altar. Es wurde vor 500 Jahren von einem Jerg Ratgeb gemalt. In seiner Mitte ist Christus dargestellt, aus dem Grabe auferstehend in Gloriole. Die Grabplatte schlägt berstend auf den Erdboden auf und die Soldaten der Grabesbewachung sind wie tot auf dem Boden hingeschleudert gemalt. Neben diesem Hauptmotiv sind auf der Altarretabel viele andere Osterszenen zu sehen. Alle sind sie biblisch belegt, nur das Hauptbild, der auferstandene Christus in seinem Lichtschein, nicht. Dieses Bild haben die Maler aus freien Stücken ergänzt. Das ist schon bemerkenswert. Nirgendwo in der Bibel ist von einer solchen Erscheinung am Ostertag die Rede. Das unfassbare Geschehen der Auferstehung ist nicht direkt, sondern nur indirekt geschildert. Auf der rechten Seite des Altares ist der hl. Thomas zu sehen, dann die drei Marien, die mit ihren Salbgefäßen zum Grab eilen, schließlich Maria Magdalena, die den auferstandenen Herrn, der einen Spaten in der Hand hält, als Gärtner ansieht und auch Johannes und Petrus, die zum Grab laufen.
 
Diese Schilderung von Johannes und Petrus ist die merkwürdigste aller Ostererzählungen: Es ist da genau geschildert, wie die Leichentücher exakt gefaltet im leeren Grab liegen. Nur das, worauf wir eigentlich warten, dass sich der auferstandene Herr zeigt, bleibt aus. Und was weiterhin merkwürdig ist: Johannes kommt zuerst am Grab an und lässt dem Petrus dennoch den Vortritt. Eine oft gebotene Deutung lautet, dass Johannes, der große Theologe, hier durch sein Verhalten deutlich machen wollte, dass das Amt Vorrang hat vor dem Charisma. Das Amt muss es geben, um das Ganze zusammenzuhalten. Aber das Amt ist nicht das Schnellste; vorwärts im Glauben drängen die, die vom Geist bewegt sind! Das war immer so in der Geschichte der Christenheit. Franz von Assisi war dem Papst und dem Bischof, unter denen er lebte, im Erspüren dessen, was Gott mit der Welt vorhat, um Jahrhunderte voraus. Gleiches gilt für die hl. Elisabeth, für Teresa von Avila, für Ignatius von Loyola. Man kann vielleicht etwa provokativ sagen: Mutter Teresa hat mehr vom Evangelium in unsere Welt gebracht als die ganze indische Bischofskonferenz. Reformen sind selten von der sogenannten Weltkirche ausgegangen, sondern immer von Orden, von charismatischen Gemeinschaften in der Kirche. Und die wahren Charismatiker lassen dem „Petrus“, dem Amt, den Vortritt. Vielleicht ist es das, was bei Papst Franziskus viele beunruhigt. Auf der einen Seite ist er das Amt, auf der anderen Seite Ordensmann, der eher das charismatische in der Kirche vertritt, beides in einer Person.
 
Von Maria Magdalena heißt es: „Sie stand draußen vor dem Grab und weinte“ (Joh 20,11). Die Frau mit dem großen Herzen war allen anderen immer ein Schritt voraus. Sie war die erste am Grab. Sie musste Johannes und Petrus erst auf das Geschehen dort aufmerksam machen. Es war so: Der Leichnam Jesu wurde noch schnell vor dem Sabbat von Kreuz abgenommen und ohne richtige Salbung ins Grab gelegt, denn der Sabbat begann, der diese Liebesdienste verhinderte. Maria Magdalena wartete den Sabbat ab, und sobald der Brauch es ihr erlaubte, eilte sie zum Grab. Das war typisch für sie: Ihre Trauer ließ sie nicht in Resignation und Niedergeschlagenheit versinken, sondern im Gegenteil, die Trauer war Antriebsmotor für ihr Sorgen und Organisieren. Sie meinte, ihre Liebe zu Jesus am besten dadurch zeigen zu können, wenn sie tätig wird, wenn sie sich um den toten Freund kümmert. So ist sie die Erste. Während die Apostel die offene Grabhöhle untersuchen, wie die Leichentücher dort sorgfältig gefaltet daliegen und schon wieder nach Hause gegangen sind, ist Maria schon wieder zurück am Grab, und sie weint. Viermal wird gesagt, dass sie weint. Tränen sind ja das Grundwasser der Seele. Und während sie weint, sieht sie, was die Apostel bei der Untersuchung des Grabes nicht gesehen haben: Sie sieht den Engel Gottes. Und dieser fragt sie: Warum weinst du? Und sie spricht von ihrem Kummer, der ihr Herz überschwemmt.
 
Jetzt wird wieder etwas Merkwürdiges berichtet: Sie war so sehr von ihrem Plan, sich um den Leichnam Jesu zu kümmern, in Anspruch genommen, dass sie unfähig wurde, die Geschehnisse ihrer Umgebung wirklich wahrzunehmen. Das ging so weit, - wir haben es gehört - dass sie den auferstandenen Herrn als einen Gärtner ansah, der ihr in der Ausführung ihres Planes helfen sollte. Sie war in ihrer Besorgtheit so blind geworden, dass sie den, dem doch ihre ganze Sorge galt, den sie so verzweifelt suchte, nicht mehr sah. Sie hatte sich – so können wir sagen - in ihrem besorgten Planen verloren. Und was macht Jesus? Er ruft sie zu sich selbst zurück. Er ruft sie bei ihrem Namen: Maria. Das ist die Ostererfahrung. Jesus ruft sie bei ihrem Namen. Die Ostererfahrung kommt nicht aus dem Suchen, nicht aus dem leeren Grab, nicht aus ihrer Besorgtheit. Indem Jesus sie beim Namen ruft, wird sie sich plötzlich bewusst, dass er vor ihr steht, und sie ist imstande, seine Stimme zu erkennen.
 
Und was tut sie? Sie klammert sich an ihn. Sie will ihn mit allen Mitteln festhalten. Doch Jesus korrigiert ihr altes Verhalten zum zweiten Mal. Er bremst sie sozusagen zum zweiten Mal aus. Er ruft sie wieder zu sich selbst. „Halte mich nicht fest“ (Joh 20,17). Das berühmte „noli me tangere“. Und er tat das, weil er diese Frau liebte, weil er wollte, dass sie aus dem Zwang der Beziehung herauskommen sollte. Nur so konnte sie Zeugin sein: ihre persönliche Erfahrung, in der sie selbst vorkam, gab ihrem Zeugnis erst die lebendige Kraft. Ihre Beziehung, aus der sie lebte, war nun nicht mehr äußerlich und zwanghaft, sondern - das ist das Entscheidende - : sie kam selbst darin vor, und nur so erkannte sie Jesus wirklich. Diesen Weg hatte der Herr ihr gezeigt. Und das ist der Schatz, den sie uns bringen kann. Alle geistliche Erfahrung lehrt: Nur wo wir selbst vorkommen, erfahren wir den Herrn. Das ist ihr Charisma: „Maria ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte“. Jetzt ist die Geschichte an ihr Ende gekommen. Kein Apostel ist der erste Zeuge der Auferstehung, sondern eine Frau, die Frau mit dem großen Herzen und der starken Liebe, die in ihrer Liebe in der Erfahrung des auferstandenen Herrn den anderen immer ein Stück voraus war: Maria aus Magdala!
 
Noch ein letzter Punkt: Frauen wurden damals vor keinem Gericht als Zeugen zugelassen. Und deshalb werden ihr die beiden Jünger am Grab zugesellt, weil nach jüdischer Auffassung ein Sachverhalt durch zwei Zeugen beglaubigt werden muss. Und jetzt wird uns eine letzte erstaunliche Erkenntnis geschenkt: Wenn wir auf den Auferstandenen blicken, erkennen wir Jesus. Er ist sich treu geblieben. Denn er durchbricht, wie er es so oft tat, alle lebensfeindlichen sozialen Schranken. Auch an Ostern hat er sich zuerst denen am Rand, denen, die nichts gelten, der Frau aus Magdala, gezeigt! Sie ist so die apostola apostolorum geworden, wie der hl. Augustinus sagt: die Apostelin der Apostel. Es ist nicht das Erblicken des auferstandenen Herrn in einer Gloriole, kein äußeres Bild steht am Anfang, das wurde hinzugedichtet, sondern in der Kraft des Herzens wurde Christus erkannt. Und wir schauen auf den auferstandenen Herrn und erkennen von neuem staunend und mit Zuversicht und Freude: Der Weg des liebenden Herzens führt uns zu ihm, denn das Geheimnis des Lebens und der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes!
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater