Dornbusch
23.03.2025 |
Predigt | Lesejahr C 3. Fastensonntag | Ex 3,1-15 Lk 13,1-9
P. Ambrosius Leidinger, 23.03.2025
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder,
die biblischen Lesungen der Sonntage der Fastenzeit möchten uns ausdrücklich an ganz zentrale Glaubenserfahrungen heranführen, wie Menschen Gott erfahren. Die Berufung des Mose, die wir gerade gehört haben, stellt unsere normale Sicht der Dinge regelrecht auf den Kopf. Nicht Mose sucht Gott, sondern Gott ist auf der Suche nach ihm, auf der Suche nach dem Menschen. Das ist das erste wichtige, was uns heute gesagt wird. Und wie hat Mose Gott erfahren? Zunächst nicht in Worten, sondern durch ein einfaches, starkes Bild. Mose sieht einen Dornbusch, aus dem die Flammen schlagen, und der doch nicht verbrennt: Er brennt und verbrennt doch nicht. Er ist wie ein Feuer, aber er versengt nicht, d. h. man kann sich ihm ohne Furcht überlassen. Wir sind ja alle unterwegs zu ihm, dem ewigen Licht, wie wir sagen. Aber wir sind nicht wie Falter, die sich am Licht ihre Flügel verbrennen. Wir können auf Gott zugehen als auf ein Licht, das uns aufnehmen wird, in das wir hinein schreiten können, ohne dass es uns zerstört.
Die Theologen sprechen vom „fascinosum“, dass wir fasziniert sind vom unbegreiflichen Gott und gleichzeitig vom „tremendum“, dass wir vor dem unbegreiflichen Gott eine kreatürliche Angst empfinden. Das alles schwingt mit bei der Gottesbegegnung des Mose:
„Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab. Hier ist heiliger Boden“.
Und gleich alErsteses wir sofort gesagt:
„Du kennst mich. Ich bin der Gott deiner Väter, von Abraham, Isaak und Jakob. Verhülle dein Gesicht. Aber hab keine Angst“.
Wir sind zu Gott unterwegs. Vor Gott brauchen wir keine Angst zu haben. Das ist die zweite Aussage dieser alten Erzählung über Gott. Und diese Gottesbegegnung wird zugleich auch ins Wort gefasst, wenn aus der Flamme heraus Gott zu Mose spricht:
„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und ihr Klagegeschrei gegen ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihre Leiden.“
Mose ist ein Flüchtling. Er ist aus Ägypten geflohen, weil er einen ägyptischen Aufseher niedergeschlagen hat, der seine Landsleute quälte. Aber das alles braucht er Gott nicht zu erzählen. Denn Gott hat das Elend seines Volkes gesehen. „Ich kenne ihre Leiden.“ Wenn wir nichts anderes wüssten über Gott als dies: Er kennt mein Leiden, wir wüssten genug. Wir brauchten kaum mehr zu sagen. In dieser dritten Aussage über Gott kommt unsere Berufungsgeschichte an ihr Ziel: Gott kennt mein Leiden.
Dass Gott allwissend ist, wie wir es oft als Kinder gelernt haben, brauchen wir eigentlich gar nicht zu wissen. Dieser Gedanke, Gott wisse besonders genau, wann wir einmal unrecht tun, sein Auge durchdringe alles, und er bestrafe das unnachsichtig, wird von Jesus im heutigen Evangelium vehement zurückgewiesen. Die meisten Religionen haben Praktiken, mit denen man die Götter besänftigen will durch Riten und Bräuche, durch Opfer usw. Damit versucht man sich irgendwie vor Gott zu schützen. Man konstruiert einen Zusammenhang von eigenem Verhalten und Gottes Verhalten. Gerade diesen Zusammenhang weißt Jesus ausdrücklich zurück. Die durch ein Unglück umgekommen sind, sind nicht umgekommen, weil sie besonders große Sünder waren und nun bestraft werden. Ansonsten würde da wird etwas zusammen konstruiert, was so nicht stimmt. Jesus meint vielmehr, dass der plötzliche Tod auch über dich kommen kann. Der Gedanke daran sollte dir Anlass sein, an deinem Leben das zu ändern, was nicht in Ordnung ist.
Als Mose Gott fragt, was er denn sagen solle, wenn ihn seine Landsleute nach Gott fragen, welchen Namen er dann nennen solle, antwortete ihm Gott:
„Ich bin der Ich-bin-da. So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin-da hat mich zu euch gesandt.“
Gott hat keinen anderen Namen, hat keinen anderen Gedanken und keine andere Absicht als: Ich bin da. Meine lieben Schwestern und Brüder, wenn sie mich nun fragen: Gut, es ist ein fraglos großes wunderbares Gottesbild! Aber was sollen wir damit anfangen? Wie erfahren wir das? Die Antwort ist: Machen wir es wie die Geschichte selbst. Beginnen wir nicht mit Worten, sondern damit, unserem Ehepartner, unserem Kind, dem Flüchtling unserer Tage, dem, er mit uns lebt, zu vermitteln, wie Gott ist, indem wir mit ihm umgehen, wie Gott mit uns umgeht. Gott sucht den Menschen. Suchen wir den, der uns als unser Nächster anvertraut ist. Gott schadet nicht; wir brauchen keine Furcht vor ihm zu haben. Gott kennt vielmehr unser Leid. Gott ist da. Auch dem, der neben uns lebt, wird es oftmals elend sein. Dann lassen Sie ihn erleben, was es heißt: Ich kenne dein Leid; ich bin da.
Es ist schon viele Jahre her, da war ich noch Student und Gast in einem französischen Kloster und bekam zur Vesper das entsprechende dicke Buch, das Antiphonale, in die Hand gedrückt. Beim Aufschlagen fiel mir ein frommes Bildchen entgegen, gedruckt zu einem Jubiläum. Es stand da ein Zitat aus dem ersten Johannesbrief, das mir dann zu einem Schlüsselwort wurde. Es war auf lateinisch zu lesen: Credidimus caritati. Wir haben der Liebe geglaubt. Wir haben der Liebe einen Kredit eingeräumt. Credidimus. Wir haben durch unser Christsein eine Grundentscheidung für die Liebe getroffen und aus dieser Grundentscheidung versuchen wir, unser Leben zu leben. Das ist es doch, was uns als Christen ausmacht, wie schwer uns das auch im Konkreten ankommen mag oder gar unmöglich erscheint.Und das können wir nur sagen, weil umgekehrt die Liebe uns einen Kredit eingeräumt hat. Weil wir Liebe erfahren haben, können wir ihr glauben und unser Leben darauf bauen. Tausendfach wurde uns Liebe geschenkt, sodass wir sie weiterschenken können. Wir leben von den Zinsen des Kredits, der Gott uns großzügig eingeräumt hat, durch die Liebe von vielen Menschen.
Und genau das meint das heutige Gleichnis vom Feigenbaum, dass der Mensch, der in Schuld geraten ist, eben dass wir alle, die wir so sehr der Umkehr bedürfen, die wir mehr oder weniger unfruchtbar leben, die wir mehr oder weniger alles egoistisch auf uns beziehen,
eben diejenigen, die die Bibel Sünder nennt, dass die nicht einfach umgehauen und als wertlos beseitigt werden. Nein, ich Sünder stehe in der Gnade Gottes, gerade auf mein Elend hat Gott geschaut, gerade darin ist Gott mir nahe. Der Gärtner im Evangelium lässt den Feigenbaum nicht einfach stehen, er überlässt ihn nicht einfach sich selbst und wartet distanziert ab, wie er sich denn nun entwickle. Nein, der Gärtner gräbt den Boden auf. Das heißt auch: Wir alle mögen uns gegenseitig Gärtner sein: Wir alle sind aufgerufen, uns gegenseitig den verkrusteten Boden unserer Leere, unserer Kälte, unserer Starre und Resignation aufzugraben, dass da unser Leben aufgebrochen wird, letztlich zum großen Geheimnis unseres Lebens, zu Gott hin. Dazu sollen wir unseren Kredit der Liebe einsetzen. Und wenn wir das getan haben, und der Baum trägt trotzdem keine Frucht, dann liegt es immer noch nicht an uns, über ihn zu urteilen - denn noch leben wir vor dem Jüngsten Gericht und deshalb kommt jede Verurteilung zu früh, sondern der Weinbergbesitzer selbst wird kommen und sehen,
eben diejenigen, die die Bibel Sünder nennt, dass die nicht einfach umgehauen und als wertlos beseitigt werden. Nein, ich Sünder stehe in der Gnade Gottes, gerade auf mein Elend hat Gott geschaut, gerade darin ist Gott mir nahe. Der Gärtner im Evangelium lässt den Feigenbaum nicht einfach stehen, er überlässt ihn nicht einfach sich selbst und wartet distanziert ab, wie er sich denn nun entwickle. Nein, der Gärtner gräbt den Boden auf. Das heißt auch: Wir alle mögen uns gegenseitig Gärtner sein: Wir alle sind aufgerufen, uns gegenseitig den verkrusteten Boden unserer Leere, unserer Kälte, unserer Starre und Resignation aufzugraben, dass da unser Leben aufgebrochen wird, letztlich zum großen Geheimnis unseres Lebens, zu Gott hin. Dazu sollen wir unseren Kredit der Liebe einsetzen. Und wenn wir das getan haben, und der Baum trägt trotzdem keine Frucht, dann liegt es immer noch nicht an uns, über ihn zu urteilen - denn noch leben wir vor dem Jüngsten Gericht und deshalb kommt jede Verurteilung zu früh, sondern der Weinbergbesitzer selbst wird kommen und sehen,
Gott, der mich sucht.
Gott, der mir nahe ist,
Gott, der mein Leid kennt.
Gott, der mir nahe ist,
Gott, der mein Leid kennt.
Amen.










