Feindesliebe

23.02.2025 |

Predigt | Lesejahr C 7. Sonntag | Lk 6,27-36

P. Ambrosius Leidinger, 23.02.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Können wir Putin lieben? „Liebt eure Feinde! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halte auch die andere hin“. Wer bekommt nicht schon einmal Streit mit Kollegen, Bekannten oder Angehörigen? Wem ist nicht dieser oder jener unsympathisch oder wer ist einem schon einmal auf die Nerven gegangen? Es gibt vielleicht Menschen, die man sich möglichst weit weg wünscht, dort, wo der Pfeffer wächst, oder mit denen man sich auseinander gelebt hat. Aber im normalen Leben ausgesprochene Feinde zu haben, ist eher die Ausnahme als die Regel.
 
Was kann das heißen: seine Feinde lieben? Die Sozialpsychologie, die Wissenschaft, die sich Gedanken macht, wie Menschen und Gruppen aufeinander reagieren, lehrt uns, dass Feindesliebe nicht nur die Liebe zum ausgesprochenen Feind beinhaltet. In ihrer Sprache würde die Forderung Jesu dann etwa so lauten: „Fühle dich von den Angehörigen der Fremdgruppe nicht weiter entfernt als von denen deiner Wir-Gruppe!“ Die Wir-Gruppe sind jene, bei denen ich mich zu Hause fühle, für die ich gerne das Wort „wir“ gebrauche, es sind die, die ich liebe: meine Familienangehörigen, meine Freunde und Kollegen. Mit ihnen verstehe ich mich. Zu ihnen hin gibt es keine Gräben und Mauern. Ihre Not mache ich zu meiner Not, ihre Sorgen zu meiner Sorge und umgekehrt. Fremdgruppen dagegen bestehen aus all denen, zu denen ich „die“ sage: die Jugend, die Ossis, die Wessis, die Ausländer, die Immigranten, die Bischöfe usw. Es sind die, die ich nicht kenne, vor denen ich vielleicht etwas Angst habe, da ich sie nur schwer einschätzen kann. Sie sind mir oft gleichgültig, manchmal lästig, manchmal unsympathisch. „Fühle dich von den Angehörigen der Fremdgruppe nicht weiter entfernt als von denen deiner Wir-Gruppe!“, so die Interpretation der Forderung Jesu nach Feindesliebe. Nähe, Verstehen, wird verlangt. Wer lieben will, sucht den anderen kennenzulernen und zu verstehen. Das ist der erste Schritt zur Gemeinschaft. Er sieht zu, hört hin. Er denkt sich in sie hinein, indem er wohlwollend durchdenkt, warum sie so und nicht anders reden, handeln und reagieren.
 
Ich las letzthin in einem Zeitungskommentar eine sehr interessante Begründung, warum sich Israelis und Palästinenser bis aufs Messer feindlich sind. Die Antwort ist in unserem Sinn verblüffend: Obwohl sie räumlich zusammenleben, kennen sie sich nicht und wollen sich auch nicht kennenlernen. Das ist der Hauptgrund ihrer Feindschaft. Ein Beispiel stand dort: Ein junges Paar, er Israeli, sie Palästinenserin, konnten in ihrer Heimat nicht heiraten. Der Druck von beiden Familien war so enorm, dass sie nach Europa auswanderten und hier eine Familie gründeten. Ein weiteres sehr aktuelles Beispiel. Der neue amerikanische Vizepräsident Vance sagte in einem Interview, er sei von einer evangelikalen fundamentalistischen Kirche der USA zur katholischen Kirche konvertiert, weil ihm der hl. Augustinus so faszinierte, der einen „ordo amoris“ lehre. Die Liebe, das Fundament des Christentums, habe eine Ordnung. Augustinus soll gesagt haben: zuerst kommt die Familie, dann die Nachbarn, dann die Gemeinde, dann das Land, dann die Fremden. So begründete Vance die angekündigte Massenabschiebung von illegalen Flüchtlingen in den USA. Die von der Amtskirche und dem Vatikan propagierte Nächstenliebe für alle sei ein pseudochristlicher Deckmantel für finanzielle Eigeninteressen. Der Papst wies das umgehend als unhaltbar zurück und verwies auf das Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ (Lk 10,25-32). Der Samariter, ein Fremder, war der Einzige, der half. Die kritische Frage: Denken und handeln wir nicht ebenso wie Vance sagt: zuerst die Familie und dann ganz zum Schluss die Fremden. Das ist unser natürliches Empfinden: Und dann Jesus: „Fühle dich von den Angehörigen der Fremdgruppe nicht weiter entfernt als von denen deiner Wir-Gruppe!“?
 
Das Einander-fremd-werden nimmt immer mehr zu. Wie oft habe ich schon gehört: „Ja, wissen Sie, auch bei uns auf dem Dorf werden die Leute sich immer fremder. Sie laufen immer mehr aneinander vorbei. Keiner nimmt mehr wirklich Anteil an dem anderen. Man braucht ja auch nicht mehr den anderen, jeder lebt relativ unabhängig in seinem Wohlstand und da gibt es auch noch das Internet und das Fernsehen.“ Wenn wir uns beschweren, wie kinderfeindlich unsere Welt ist, und wir wollen selbst keine Kinder mehr und halten uns lieber als Ersatz einen Hund, oder wenn wir klagen, wie gefährdet die heutige Jugend ist und wie groß der Glaubensschwund, und leben selbst unseren Glauben nicht mehr, wenn uns, soziologisch ausgedrückt, die Fremdgruppe kaltlässt, wenn wir uns in keiner Weise bemühen, die Ausländer in unserem Land zu verstehen und auch nicht anstrengen, sie zu integrieren, dann bekommt das Wort Jesu von der Feindesliebe doch einen sehr realistischen Bezug und ist ganz und gar nichts Überstiegenes. Das ist eine Lebenshaltung, zu der Hermann Hesse schreibt: „Wir töten, indem wir vor Armut, Not, Schande die Augen zudrücken. Wie für den konsequenten Sozialismus das Eigentum ein Diebstahl ist, so ist für den konsequenten Gläubigen jenes Nichtanerkennen von Leben, jede Härte, jede Gleichgültigkeit, jede Verachtung nichts anderes als Töten.“
 
Der große Wiener Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat als eine der „acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ den „Wärmetod der Gefühle“ genannt, den Schwund der Fähigkeit, Nöte in unserer Umgebung zu sehen und an uns heranzulassen, die verborgenen Wünsche der nächsten Menschen zu ahnen und den Mut zu haben, sich in das Leben der anderen einzumischen, um ihnen zu helfen. Um diese Hinwendung und Zuwendung zum Mitmenschen, zum Angehörigen der Fremdgruppe, geht es Jesus. „Was ist denn Besonderes, mit den Leuten zu reden, die man mag?“ (vgl. Lk 6,31ff.). Allen auf einmal nahe kommen wollen, ist eine Sache der Unmöglichkeit. Aber wenn sich ein jeder bemühte, nur zu einem einzigen Menschen eine bessere Beziehung aufzubauen und zu leben! Ich weiß noch, dass ich zu einem Bruder am Anfang meines Klosterlebens gar keine Beziehung hatte. Und wie sich das Verhältnis gewandelt hat, weil ich an seinem Leben Anteil nahm und erst jetzt sein wahres Wesen kennenlernte.
 
Und noch ein Aspekt ist wichtig, der in eine ganz andere Richtung weist: Feindesliebe ist ohne Vergebung nicht möglich. Wie soll man miteinander sprechen, wenn immer noch heimliche Rachegeffühle mich überschwemmen? Es gibt auch in unserer Zeit Zeugen dafür, dass Vergebung möglich ist. Vielleicht haben Sie von dem Vater in Frankreich gehört, der dem Mörder seines Sohnes vergeben und ihn sogar adoptiert hat. Er hatte den Mörder im Gefängnis aufgesucht und ihm wurde klar, dass er einen völlig heruntergekommenen Menschen vor sich hatte, der nie Zuwendung erfahren hatte. So konnte er sich erklären, wie es zu so einem schrecklichen Verbrechen kommen konnte. Und er wollte diesem Menschen die Zuwendung geben, die er nie erfahren hatte. Ist dieser Vater ein Verrückter, weil er gehandelt hat, wie Jesus gehandelt hätte und konsequent in der Liebe war? Als Papst Johannes Paul II. in den 1980er Jahren seinen Attentäter im Gefängnis besuchte, um ihm persönlich zu vergeben, wurde sichtbar, was für ein großer Mann der Papst war, der bis zu seinem Lebensende an den gesundheitlichen Folgen des Attentats litt, als er dem Menschen vergab, der versucht hatte, ihn zu töten. Mangelnde Vergebung blockiert das spirituelle Leben. Viele Katholiken treten heute aus der Kirche aus, weil irgendwann ein Priester oder Bischof etwas gesagt oder getan hat, das sie verletzt hat. Auf die verbrecherischen Taten eines Einzelnen bauen Menschen dann Vorurteile gegen ganze Gruppen auf und verallgemeinern. Solche Menschen können nicht vergeben. Dabei heißt „vergeben“ nicht, dass verletzende und schwerwiegend destruktive Handlungen oder Worte einfach vergessen oder verdrängt werden sollen. Vergeben heißt, sich innerlich von etwas frei machen. Wenn man vergibt, verblasst der Schmerz der Verletzung, verschwinden die Rachegefühle und Ressentiments, das Leiden und der Hass. Wir werden wieder liebesfähig, können unsere Energie dafür verwenden, uns selbst besser zu entfalten. In dem Wort „vergeben“ steckt auch das Wort „geben“. Wir geben uns selbst Leben zurück, weil wir Hass durch Liebe ersetzen. Wir werfen eine Bürde ab. Wir können unsere Kräfte dafür einsetzen, lebendig zu sein.
 
Zum Schluss noch ein Gedanke des hl. Benedikt. Er sagt in seiner Klosterregel: Wir müssen unterscheiden lernen zwischen dem Bösen, das uns einer antat, und dem Menschen, der uns das angetan hat. Nur wenn wir ihm mit dem Bösen nicht selbst verdammen, wird überhaupt Feindesliebe möglich. Der hl. Benedikt sagt es in seinem Kapitel über den Abt: „Er (der Abt) hasse das Böse und liebe die Brüder“ (RB 64,11). Der hl. Franz von Sales hat es ins Positive gewandt so gesagt: „Man soll so lange bei einem Menschen nicht aufhören zu suchen, bis man etwas Gutes bei ihm gefunden hat.“
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater