Fischfang

09.02.2025 |

Predigt | Lesejahr C 5. Sonntag | Lk 5, 1–11

P. Ambrosius Leidinger, 09.02.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Der reiche Fischfang damals. Und heute? Manchem Christen heute macht es schwer zu schaffen: im Netz ist nicht mehr viel, das Netz muss Löcher haben. Viele Fische verschwinden. Ja, Gott selbst scheint zu verschwinden. Es geht in unserer wissenschaftlich-technischen Welt eine tiefe Veränderung des religiösen Bewusstseins vor sich. Gott verschwindet im Bewusstsein sehr vieler Menschen. Er verschwindet unter einer Woge von Desinteresse und Gottvergessenheit. Nun kann man aber den Glauben an Gott, das absolute Geheimnis nur durchhalten, wenn man etwas von ihm erfährt, und das geschieht  – natürlich im letzten aus Gnade - nur, wenn man sich wirklich auf ihn einlässt. In der heutigen Zeit etwas von Gott zu erfahren, passiert am ehesten, wenn wir uns auf einen „Wesenszug“ Gottes einlassen. Ich möchte ihn nennen: die Wehrlosigkeit seiner Liebe. Gott ist der, dessen Allmacht sich als wehrlose Liebe zeigt. So wird er der Rettende. Gott wird anschaubar im hilflosen Kind, das in der Krippe liegt, anschaubar in dem Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und seinen Mund nicht auftut.
 
Und diese Ohnmacht der Liebe Gottes ist es, die alles überwindet; sie besiegt den Tod. Es ist das abgründige Geheimnis Gottes, dass er, der Allmächtige, der absolute Herr, eben als Liebe retten will - und wahre Liebe ist wehrlos; aber ihre Wehrlosigkeit ist stärker als alles. Der Deus semper major, der Gott, der immer größer ist als wir es erfassen können, ein Gottesbild, das im Mittelalter so sehr im Vordergrund stand, wird zum Deus semper minor, zum je Geringeren, geringer als wir es je erfassen können. Man darf diese wehrlose Liebe nicht missverstehen. Sie ist nichts Schwächliches, Weichliches, Kernloses. Was sie ist, kann man an Jesus lernen, der immer mit großer Entschiedenheit auftritt, so auch heute im Evangelium: Jesus steht am Ufer des Sees Gennesareth. Das Volk drängt sich um ihn und will Gottes Wort hören. Nebenbei bemerkt: Hier wird zum ersten Mal gesagt, dass Menschen danach verlangen, von ihm Gottes Wort zu hören. Jesus steigt in das Boot des Simon, der dabei ist mit anderen Fischern, die Netze zu reinigen, und lässt ihn ein wenig vom Land abstoßen, um das Volk so besser lehren zu können. Simon ist mit Jesus im Boot und sieht die vielen, die Gottes Wort hören wollen.
 
Aus der Sicht des Evangelisten Lukas kommt hier schon das nachösterliche Werden des neuen Gottesvolkes in den Blick. Die Szene deutet an, in welchen Zusammenhang Simons Leben und das seiner Gefährten von jetzt an hineingestellt ist. Vor diesem Hintergrund ergeht Jesu Aufforderung an Simon:
„Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“
Es gibt keinen vernünftigen Grund, seinem Wort zu folgen. Alle Erfahrung spricht dagegen. Und doch ist in diesem Wort Jesu eine Kraft und Autorität zu spüren, die den Simon umstimmt. Als er dann sieht, dass er und seine Gefährten die unglaubliche Fülle des Fischfangs kaum bewältigen können, spürt er plötzlich in Jesu Nähe die Nähe Gottes. Bei der Ausübung seines Fischerhandwerks wird er plötzlich im innersten Kern seines Wesens berührt. Von seiner kreatürlichen Ohnmacht und menschlichen Sündigkeit überwältigt, fällt er Jesus zu Füßen und bittet:
„Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr“.
Jesu Gegenwart ist für ihn wie ein tiefer innerer Schmerz geworden - bis zur Unerträglichkeit. Auch seine Gefährten ergeht es ähnlich, sie werden von Staunen und Schrecken gepackt.
 
Der Text weiß schon um das spätere Versagen und die Bekehrung des Erstberufenen. Die Aufgabe, seine Brüder zu stärken, und die Vorhersage seiner Untreue unterstreichen später noch einmal: Simon ist Petrus, der Fels, allein durch Jesus Christus. Jetzt holt er ihn aus seinem staunenden Entsetzen heraus: „Fürchte dich nicht!“ und schenkt ihm die Verheißung: „Von jetzt an wirst du Menschen fangen“. Fangen klingt etwas negativ. Lukas verwendet hier ein Wort „zogréo“, unser Wort Zoo – Zoo bedeutet Leben - ist da drin. Also das Wort bedeutet so viel wie Menschen durch die Bindung an Jesus „vollständig lebendig machen“. Simon bittet um Aufhebung der Gemeinschaft mit Jesus. Dieser macht jedoch genau das Gegenteil: Jesus nimmt vielmehr den Menschen, der um die Macht des Bösen im eigenen Leben weiß und sich dazu bekennt, in seine Gemeinschaft auf. Der diese Selbsterkenntnis hat und zu seiner Schwäche steht, lässt er teilhaben an seinem Auftrag, die vielen zu Gott zu führen. Sie sollen im Netz Gottes „gefangen“ werden zu einem Leben in Freiheit und Würde, zu einem Leben, zu dem sie Gott geschaffen hat.
 
Die ersten Apostel haben die überwältigende Macht des Wortes Jesu an sich erfahren. „Von jetzt an“ können sie ihr Leben auf sein Wort hin gründen und neu „ordnen“. Damit stellt Lukas uns die neue Lebensweise mit Jesus vor Augen: Es ist ein Leben im Aushalten aller Ablehnung und aller Einsamkeit, aller Armut und Verachtung ihres Meisters, im Aushalten der ohnmächtigen Liebe Gottes, aber auch in dem immer neuen Wagnis, dem Mut und der Kraft, mit der Macht des Bösen zu brechen. Später in der Abschiedsrede (Lk 22,31-34) wird deutlich gesagt, dass Simon Petrus nur aufgrund der Fürbitte Jesu seinen Glauben bewahrt und seine Brüder stärken kann. Und man darf nicht übersehen, dass Simon kaum imstande war, seine Entscheidung für Jesus durchzuhalten ohne seine Gefährten.
 
Auch wir sind Gefährten im Glauben. Wer kommt auf diesem Weg des Glaubens ohne Zeichen und Gesten der Hoffnung wider alle Hoffnung von Seiten derer aus, die vor mir und mit mir den Weg Jesu zu gehen versuchen? Betrachten wir noch einmal das Bild vom Netz. Es hat seine Grenzen. Niemand möchte in einem Netz hängen bleiben und nur noch zappeln können. Und dieses Netz Jesu scheint heute große Löcher zu haben, sodass viele wieder entschwinden. Doch das Bild vom Netz weißt auch in eine ganz andere Richtung. Ein Netz kann auch auffangen. Man kann leben mit der Gewissheit: Mir kann nichts passieren, ich lebe mit Netz und doppeltem Boden, und dieses Netz und dieser doppelte Boden ist Gott. Ich kann nur in das Netz der wehrlosen Liebe Gottes fallen!
 
Von Werner Bergengruen, dem großen Schriftsteller, 1964 in Baden-Baden gestorben, eine Sinngeschichte zum Schluss: In einem Fischerdorf im Süden, in dem noch archaische Strukturen herrschten, war es Brauch, Ehebrecherinnen von einem schwarzen Felsen ins Meer zu stürzen, hatte man eine Frau beim Ehebruch ertappt. Der Frau wird noch erlaubt, vor dem Sturz in die Tiefe mit dem betrogenen Ehemann ein letztes Wort zu wechseln. Doch der ist unauffindbar. So wird das Urteil vollstreckt. Am nächsten Tag sieht man die Frau wohlbehalten neben ihrem Mann. Denn der hatte, als man ihm am Tag zuvor gesucht hatte, tief unten unter dem Felsen ein Netz gespannt.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater