Nehemia
26.01.2025 |
Predigt | Lesejahr C 3. Sonntag | Lk 1, 1–4; 4, 14–21, Neh 8, 2–4a.5–6.8–10
P. Ambrosius Leidinger, 26.01.2025
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Das schöne Wort aus unserer Lesung „Die Freude am Herrn ist unsere Stärke“ möchte ich in den Mittelpunkt meiner Predigt stellen. Soll ein Werk gelingen, muss man es mit Freude tun. Eine positive Grundstimmung ist ein großes Geschenk, das uns immer wieder hilft, unser Leben zu bewältigen. Und damit sind wir als Christen gefragt. Ist die Freude am Herrn unsere Stärke, ist Freude Ausdruck unseres Glaubens? Es wird interessant, wenn wir in den Blick nehmen, in welchem Zusammenhang dieser Satz: „Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn Gott ist eure Stärke“ gesprochen wurde. Das jüdische Volk war 586 v. Chr. nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier in die Gefangenschaft nach Babylon geführt worden. Fünfzig Jahre später wurde dann Babylon vom persischen König Kyrus erobert. Kyrus erlaubte den Juden nun die Rückkehr in ihre alte Heimat. Sofort begannen die ersten Heimgekehrten in Jerusalem mit der Errichtung des Brandopferaltares und dem Wiederaufbau des Tempels. Der Widerstand der im Umland lebenden Bevölkerung, die sich während der Zeit der Gefangenschaft angesiedelt hatte, verhinderte aber den Bau der Stadtmauer.
Ungefähr 20 Jahre nach der Rückkehr der ersten Gruppe war der Tempel einigermaßen wieder aufgebaut. Noch einmal 60 Jahre später kam eine neue Gruppe unter der Führung von Esra nach Jerusalem zurück. Esra, aus aaronitischem Priestergeschlecht, versuchte in Jerusalem eine geistliche Erneuerung des Volkes zu erreichen. Die Widerstände der im Umland wohnenden Bevölkerung steigerten sich dermaßen, dass die Heimgekehrten den Aufbau der schützenden Stadtmauer aufgaben. In dieser Situation setzt das Buch Nehemia ein. Nehemia hatte als Mundschenk des persischen Königs großen Einfluss auf ihn, sodass er ihm die Erlaubnis gab, nach Jerusalem zu gehen und den Weiterbau des Tempels und den Bau der Stadtmauer zu betreiben. Es beginnt der Aufbau der Tore und der Mauer. Den einzelnen Großfamilien werden je nach ihrer Stärke Abschnitte der Mauer zum Aufbau zugewiesen. Das ist ein wichtiger Prozess des Zusammenwachsens des Volkes durch das gemeinsame Werk. Der Widerstand lässt nicht nach, es kommt vielmehr sogar zu kriegerischen Angriffen. Schon wollen die Juden Jerusalems wieder mutlos werden.
Da ist wieder Nehemia der große Ermutiger. Er schreibt: „Seit jenem Tag arbeitete nur die Hälfte meiner Leute am Bau; die andere Hälfte hielt Lanzen, Schilde, Bogen und Panzer bereit … Die an der Mauer bauten und die Träger, die Lasten trugen, taten mit der einen Hand ihre Arbeit, in der andern hielten sie den Wurfspieß“ (Neh 4,10-11). Nehemia hatte schwer gegen die Resignation seiner Landsleute anzukämpfen. Vor allem wird es notwendig, einen Lernprozess in Gang zu bringen, und zwar im Blick auf soziale Gerechtigkeit. Nehemia drängt die Wohlhabenden zu radikalen Schuldnachlässen, zur Rückgabe von Äckern und Weinbergen usw., die die zahlreichen Verarmten ihnen verpfändet hatten (Neh 5‚11). Dann setzt unsere Lesung ein: Das Volk und Nehemia hatten die Mauer gebaut, sie sollte die Schutzwehr sein. Aber unter dem Eindruck der Gottesworte, die sie einen ganzen Tag lang hören, geht ihnen auf: nicht eine Schutzmauer ist ihre Kraft, sondern allein das Vertrauen auf den lebendigen Gott. Unsere Lesung ist also – so kann man sagen - ein erzählender Verfassungsentwurf, der nach einem langen spirituellen Lernprozess formuliert werden konnte: Er lädt das Gottesvolk ein, auf militärische und staatliche Macht zu verzichten und als brüderlich teilende, auf Jahwes Wort hörende Gemeinschaft ein Gegenbild zu den üblichen Gesellschaftsformen dieser Erde zu werden. Es wird ihnen bewusst: Wo das geschieht, da hat sich die Thora, die Schrift, erfüllt. „Seid nicht traurig; denn die Freude an Gott ist eure Stärke“ - eure Schutzwehr. Wir erfahren auch, wie, auf welche Weise, damals in Jerusalem diese Freude aufkommen konnte: Entscheidend für das Aufkommen der Freude an Gott ist das gemeinsame Hören auf das in der Thora gesammelte Jahwe-Wort, aus dem eine neue Gesellschaft Gestalt gewinnen will.
Auf die Kirche übertragen heißt das: Das Kriterium für die Kirche Jesu Christi wird also sein, ob sie mehr auf Absicherungen vertraut, im Bild gesprochen auf die Mauer vertraut, auf Machtmittel, auf das Geld, auf „Medien“ als auf die Schutzwehr, die aus der Freude an Gott, aus dem Glauben, und von dort ihre wahre Stärke gewinnt. „Seid nicht traurig, denn die Freude am Herrn ist eure Kraft!“ Das bedeutet nun für mich: Das Hören auf das in der Bibel gesammelte Gottes-Wort als Geschenk zu erfahren, als ein unverdanktes Geschenk. Nicht als Last, sondern als Freude am Herrn.
Ich möchte von ganz unterschiedlichen Glaubenswiderfahrnissen berichten.
Zunächst ein ganz prominentes: Der große französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) hatte im Jahre 1654 eine mystische Erfahrung, die er in seinem berühmt gewordenen Mémorial beschrieb. Er berichtet dort vom „Überwältigt-Werden“ der Freude an Gott in der Nacht des 23. November 1654. Da wird der 31-Jährige so von der Freude an Gott überwältigt, dass er das Erleben nachher nur stammelnd aufschreiben kann: „Freude, Freude, Freude, Tränen der Freude! Feuer Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit: Freude, Friede. Der Gott Jesu Christi. Er ist allein auf den Wegen zu finden, die das Evangelium lehrt. Freude, Freude, Freude, Freudentränen.“
Ein zweites, auch sehr ausdrückliches Zeugnis fand ich bei einem Widerstandskämpfer gegen Hitler: Ewald von Kleist-Schmenzin, ein Konservativer, in die Pläne Stauffenbergs gegen Hitler eingeweiht, am 15. April 1945 in Plötzensee durch Henkershand gestorben, schreibt im Gefängnis: „So merkwürdig es klingt, eins habe ich im Gefängnis gelernt: mich zu freuen... Ich bin... meines Glaubens völlig gewiss geworden, er hat allen Belastungen unerschüttert standgehalten ... Es war mir manchmal, als ob ich beinahe körperlich die führende und zu sich ziehende Hand Gottes spürte ... Ich habe es wirklich erfahren.“
Als Student in München hatte ich ein Erlebnis, das für mich bis heute wichtig ist. Im dritten Jahr meines Studiums saß ich eines Abends bei einer Veranstaltung in einem Kreis von Studenten und Studentinnen der verschiedensten Herkunft und Fakultäten in einem Raum der katholischen Hochschulgemeinde zusammen. Im Laufe des Abends kam das Gespräch auch auf die Frage nach Gott. Ich war besonders herausgefordert. Ein kalter Hauch von Unglaube, Zweifel, Skepsis ging durch den Raum. Es war, als würden alle Lichter ausgelöscht und als griffe die Finsternis mit dunklen Händen nach uns. Als ich dann nachher allein auf meinem Zimmer war, bedrückt nach dem Erlebten, stiegt in mir eine ganz große Dankbarkeit auf, eine Dankbarkeit dafür, dass mir mein Glaube an Gott geschenkt war. Der Wert, die Kostbarkeit, des Glaubens wurde mir schlagartig bewusst, der eben nicht selbstverständlich ist, und es kam über mich - ich weiß nicht wie - eine Woge von Dankbarkeit und Freude. Und zugleich kam eine tiefe, mir unerklärliche innere Verbundenheit mit den Menschen auf, die ich soeben verlassen hatte, eine Verbundenheit, die sie hineinziehen wollte in meine Freude vor Gott. So will ich sagen, meine Berufung, die Berufung aller Christen, besteht darin, den Anderen hineinziehen in die Freude mit Gott.
Amen.










