Taufe des Herrn

12.01.2025 |

Predigt | Lesejahr C Taufe des Herrn | Lk 3, 15–16.21–22; Gal 2,20

P. Ambrosius Leidinger, 12.01.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Wie bekannt: Nur zwei der vier Evangelien erwähnen die Ereignisse rund um die Geburt Jesu, Matthäus und Lukas. Über den längsten Abschnitt seines Lebens bis zu seiner Taufe durch den Täufer Johannes im Jordan hören wir im Neuen Testament nichts über Jesu Leben. Mit der Taufe beginnt die kurze Zeit seines öffentlichen Wirkens, die ungefähr - wie die Exegeten sagen – nur ein Jahr bis allerhöchstens drei Jahre dauerte. Mit der Taufe enden etwa dreißig Jahre seines Lebens im Verborgenen und Unauffälligen. Allem Anschein nach lebte Jesus in diesen Jahren wie jeder andere gewöhnliche Mensch seiner Zeit, er übte seine handwerkliche Arbeit aus und lebte im Rhythmus der Festtage wie jeder fromme Jude. In der Geschichte der christlichen Spiritualität und der christlichen Kunst wird diese längste Phase des Lebens Jesu völlig vernachlässigt, was ja gut verständlich ist. Eine der wenigen Ausnahmen bildet Charles de Foucauld, der in der Wüste Sahara über die Armut Jesu, über das Verborgene und Unauffällige in seinem Leben in Nazareth meditierte. Seine geistlichen Erben setzen diese Spiritualität mit ihrer stillen Solidarität in den Wüsten unserer Welt, in den Slums der Großstädte, inmitten der Ärmsten fort. Wir sollten uns also daran erinnern, dass zum Geheimnis der Menschwerdung nicht nur die Szenen aus Bethlehem gehören, sondern auch die Tatsache, dass Jesus mit uns viele Jahre lang das Gewöhnliche, das Alltägliche, eine normale Arbeit geteilt hat, dass er genauso wie wir „die Last des Tages und die Hitze“ (Vgl. Mt 20,12) getragen hat. Öffentliches Predigen, Wunder, Scharen von Zuhörern -das alles kam erst ganz am Ende seines Lebens.
 
Die Erzählung über die Taufe im Jordan nun ist voll von Symbolen, die auf Motive der hebräischen Bibel, des Alten Testaments, verweisen. Jesus steigt in das Wasser des Jordans hinab, so wie es das israelitische Volk tat, als es aus dem Haus der Sklaverei in Ägypten auszog, zunächst durch das Wasser des Roten Meeres hindurchging und nach einer langen Wanderschaft durch die Wüste noch den Jordan überqueren musste. Als Jesus aus dem Wasser hinausstieg, ertönte über ihm die Stimme des Vaters, und es erschien der Geist Gottes wie eine Taube. An die Anwesenheit des göttlichen Geistes wird in der ganzen Schrift jeweils dort erinnert, wo irgendeine neue Etappe beginnt. Zu Beginn des Schöpfungswerkes schwebt der Geist über den Wassern. Im Buch Exodus erscheint der Geist Gottes als Wolke über der Bundeslade und in ähnlicher Weise auch bei der Einweihung des Tempels in Jerusalem. Auch bei der Taufe des Herrn taucht eine Taube als Symbol des Geistes Gottes auf. Sie erinnert auch an die Taube, die in der Geschichte von der Sintflut einen grünen Zweig im Schnabel trägt als Verheißung und Zeichen dafür, dass die Zeit der Strafe beendet ist, dass neues Leben, dass neues Land sichtbar wird, dass eine neue Hoffnung ersteht. Christus, der aus dem Wasser des Jordans wieder auftaucht, ist gesalbt, durch den Geist geweiht - das ist der Inhalt des Begriffes Messias, griechisch Christos. Christus nimmt seine Berufung an.
 
Aber er geht dann nicht sofort auf die Straßen der Welt, sondern zieht sich in die Wüste zurück zu einer Zeit des Gebetes und der Prüfung. Dort wird er versucht, dort reift seine Berufung in der Konfrontation mit dem Geist des Bösen. Erst dann geht Jesus nach Galiläa, beginnt zu predigen, vollbringt seine machtvollen Taten und beruft seine Jünger. Auch viele Heilige z. B. viele Ordensgründer verbrachten vor dem Beginn ihrer Werke eine ähnliche Zeit der Meditation und Läuterung in der Einsamkeit. Der hl. Benedikt verbrachte zu Anfang seiner Berufung etwa 3 Jahre in einer Höhle als Einsiedler. Vielleicht verbirgt sich darin auch eine Botschaft für uns gewöhnliche Christen. Vor allem in Momenten der Entscheidung und zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts, aber vielleicht auch am Anfang eines Jahres, wäre es gut, wenn das möglich ist, eine bestimmte Zeit zum Stillwerden zu haben, eine Zeit der Besinnung und des Reifens. In einem Jahr, in dem neue Herausforderungen anstehen, will alles gut bedacht und geprüft sein. Auch wir brauchen Kraft für die Begegnung mit dem Geist des Bösen, auch wir brauchen Weisheit zur Unterscheidung von Wertvollem und Wertlosem, Kraft zum Erkennen der richtigen Wege und der irreführenden Sackgassen. Heute mehr denn je. Alles zu prüfen und herauszufinden, was erhalten bleiben soll und was an Neuem hinzukommen darf, ist gar nicht so einfach! Dazu braucht es Vertrauen. Vertrauen in die eigene Fähigkeit zu bewerten, was gut und was eben nicht gut ist. Eigenverantwortung und Umsicht ist gefragt.
 
Die von Johannes dem Täufer gespendete Taufe war eine Taufe zu dieser Läuterung und moralischen Bekehrung. Das ist auch ein Aspekt für die Taufe Jesu. Aber das Eigentliche der christlichen Taufe ist damit noch nicht genannt: Christi Eintauchen in den Tod, den er am Kreuz erleidet. Demnach ist das Fest der Taufe des Herrn hingeordnet auf das, was wir an Ostern feiern. Die Grundlage für unsere Taufe ist das Geheimnis von Ostern. Durch die Taufe wird der Mensch in Christus verwurzelt. Martin Luther rief in Momenten der größten Versuchung aus: „Ich bin getauft!“ Das bedeutete für ihn, wie er sagte: „die Mächte des Bösen haben kein Recht auf mich, ich gehöre Christus, ich bin erlöst.“ Im Bild gesprochen: Wenn ein grüner Zweig auf einen Baum, der ein Bild für Christus ist, aufgepfropft wird, dann wird er zu einem grünen Zweig, durch den der Lebenssaft Christi fließt. Die Geschichte Jesu und die Existenz Jesu wird im Leben des Getauften fortgesetzt. „Nicht mehr ich lebe“, bekennt der Apostel Paulus, „sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20), sein Lebenssaft durchströmt mich. Christus den Menschen zu bringen, ihn immer wieder durch unsere Existenz und unser Handeln zu bezeugen, dass wir von seinem Lebenssaft durchströmt sind, ist die große Aufgabe unserer Zeit.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater