Epiphanie
06.01.2025 |
Predigt | Lesejahr C Epiphanie| Mt 2, 1–12
P. Ambrosius Leidinger, 06.01.2025
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Das Markus-Evangelium, das älteste der vier Evangelien, beginnt mit der Predigt des Täufers Johannes. In der Nähe dieses rauen Wüstenpropheten begegnen wir zum ersten Mal Jesus von Nazareth. Der Autor des Markusevangeliums sagt nichts darüber, was diesem Ereignis im Leben Jesu vorausging, und wir sollten zugeben, dass wir darüber - über den Ort und die Umstände der Geburt Jesu, über seine Kindheit und Jugend - nichts historisch Verlässliches wissen. Die fromme Erinnerung und Phantasie der ersten Generationen von Christen füllte diese Lücke durch die Anhäufung von Legenden, Sagen und Erzählungen, von denen bis heute viele erhalten sind, die aber nicht in die Evangelien aufgenommen wurden. Die Verfasser des Matthäusevangeliums und des Lukasevangeliums fügten in ihre Schriften - die dann die Kirche in den Kanon des Neuen Testamentes aufgenommen hat - nur einen kleinen Teil dieser Erzählungen ein. Ihr Wert besteht nicht darin, historisch exakt zu sein, sondern in ihrer theologischen Botschaft. Ihr Sinn war nicht, uns so genau wie möglich darüber zu informieren, was damals passiert ist, das war ein Kriterium, welches die Antike und das Mittelalter nicht kannten, sondern im Lichte der Geschichten des Alten Testamentes uns nahezubringen, wer Jesus ist: Er ist die Erfüllung der Verheißungen und Vorhersagen der hebräischen Bibel.
Er wurde in Bethlehem geboren, dem Geburtsort von König David - das bedeutet: Er ist der neue David. So wie Mose wurde er beim Genozid an neugeborenen Jungen gerettet und kam aus Ägypten zurück: Er ist der neue Mose und mehr als Mose. Jemand hat geistreich darüber bemerkt: Er ist eine Erzählung von Dingen, die wahrscheinlich so nicht geschehen sind, aber dennoch jederzeit wahr sind. In der Zeit nach der Aufklärung hat sich auch die Theologie eine enge und verzerrte Auffassung von Wahrheit und Wirklichkeit aufzwingen lassen. Selbst die biblischen Texte wurden als Berichte, als Reportagen über die Vergangenheit verstanden - sie sind jedoch viel mehr. Ihr Wert wurde daran bemessen, inwieweit weitere Quellen oder andere wissenschaftliche Disziplinen, zum Beispiel die Archäologie, sie bestätigen. Die Bestätigung der Historizität der Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland suchte man in den astronomischen Konstellationen, und mithilfe dieser Konstellationen wurde wiederum das Datum der Geburt Jesu berechnet. Diese Art von Denken führt in eine Sackgasse. Carl Gustav Jung, einer der Väter der Tiefenpsychologie, unterscheidet verschiedene Verständnisse der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit. Er weist auf den Zusammenhang zwischen dem Substantiv „Wirklichkeit“ und dem Verb „wirken“ hin und formuliert: „Wirklich ist, was wirkt.“
Viele biblische Erzählungen verstehen wir nicht mehr als ein gläsernes Fenster, durch das wir auf die längst vergangenen Geschehnisse schauen. Wir konzentrieren uns eher darauf, wie dieses „Glas“ unser Gesicht, unser „inneres Gesicht“ widerspiegelt; wie es uns hilft, uns selbst, unsere Welt, unsere Gegenwart neu zu sehen und zu begreifen. So ist die Bibel für uns nicht vorwiegend ein Instrument zur Erforschung der Vergangenheit, sondern eher ein Instrument zu einem tieferen Verständnis der Gegenwart. Auch die Geschichte über die Weisen aus dem Morgenland hat einen anderen und größeren Wert als irgendeine Aufzeichnung aus der Vergangenheit. Die volkstümliche Vorstellungskraft bestimmte die Anzahl dieser Weisen und sprach ihnen Königskronen zu und erfand für sie die Personennamen - Kaspar, Melchior und Balthasar, die von den Anfangsbuchstaben des lateinischen Haussegens Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus, abgeleitet wurden.Der Hauptgrund, warum der Verfasser des Matthäusevangeliums die Erzählung über die Weisen aus dem Morgenland einbezog, ist vermutlich das Bekenntnis, welches das Lukasevangelium dem greisen Simeon in den Mund legt: Jesus ist nicht nur der Ruhm seines israelitischen Volkes, sondern auch ein Licht zur Erleuchtung der Heiden.
Theologische Kommentare sehen in den Weisen die ersten Früchte der Ernte, die die christliche Mission während der ganzen Geschichte der Kirche erwartet. Das auserwählte Volk ist in der Szene von Bethlehem durch die Hirten vertreten, die heidnischen Völker durch die Weisen, durch die Sterndeuter. Die Worte Jesu darüber, dass es seinen Landsleuten nichts nutzen werde, dass sie mit ihm gegessen und getrunken haben, dass beim verheißenen Festmahl im Reich Gottes diejenigen ihren Platz einnehmen werden, die von weit kommen, haben Christen jahrhundertelang als Anklage gegen das jüdische Volk gelesen, das seinen Messias nicht erkannt und nicht angenommen hat. Aber heute, nach der Enthüllung des tragischen moralischen Versagens einer schockierend gro9en Anzahl von offiziellen Würdenträgern der Kirche, müssen wir uns die Frage stellen, ob sich diese Sätze des Evangeliums nicht auf uns Christen beziehen, die wir uns angewöhnt haben, Jesus „Herr, Herr“ zu nennen und ihn als ihr „Eigentum“ zu betrachten. Papst Franziskus den Mut, den sexuellen, psychologischen und spirituellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen als Versagen des Systems Kirchezu bezeichnen - als Krankheit des „Klerikalismus“, die den Organismus der Kirche als Ganzes befallen hat.
Die Kirche von heute ist auf dem Weg ihrer Pilgerschaft durch die Geschichte noch sehr weit vom Ziel entfernt. Diese Pilgerschaft bedeutet keinen geradlinigen Fortschritt, auf diesem Weg gab und gibt es auch gefährliche Zeiten des Umherirrens und des Versagens - und wir sind heute mit einer solchen konfrontiert, die weder die erste ist noch wahrscheinlich die letzte sein wird. Papst Franziskus begreift die nötige Reform als synodalen Weg als eine gemeinsame Suche nach einem Weg in die Zukunft. Dazu gehört auch die Ökumene in einer bisher unvorstellbaren Breite. Der Enzyklika Fratelli tutti ging eine gemeinsame Erklärung des Papstes und des höchsten Repräsentanten des sunnitischen Islams voraus. In ihr wird nicht nur von einer Stärkung der Einheit zwischen den christlichen Kirchen gesprochen, sondern von „universaler Geschwisterlichkeit“. Wie gesagt: Am Dreikönigsfest lesen wir von den Weisen aus dem Morgenland als einem bescheidenen Anfang künftiger Menschenscharen aus fernen Kulturen, die auf ihren verschiedenen Wegen - Wegen, die mit Irrungen und Wirrungen verbunden sind, wie der Zwischenstopp der Weisen im Palast von Herodes - den verheißenen König doch erreichen. Das ist die Hoffnung, die uns die Drei Könige schenken. Mögen wir auf unserem Wegen zum Kind in der Krippe niemals müde werden und resignieren.
Amen.










