Neujahr 2025
01.01.2025 |
Predigt | Lesejahr C Neujahr | Lk 2, 16–21
P. Ambrosius Leidinger, 01.01.2025
gehalten in der Abteikirche
Liebe Schwestern und Brüder,
zu Beginn des neuen Jahres blicken viele von uns mit gemischten Gefühlen in die Zukunft, Hoffnungen und Wünsche mischen sich mit Sorgen und Ängsten: Wie wird das Jahr, das heute seinen Anfang nimmt, werden? Vor einem Jahr haben wir uns dieselbe Frage gestellt, und wahrscheinlich hat niemand von uns geahnt, was für ein schweres Jahr es für die ganze Welt sein würde und wie tragisch es für viele Menschen mit den Kriegen. Vielleicht können wir für dieses schwierige Jahr, das nun hinter uns liegt, dankbar sein, weil es uns endgültig von vielen Illusionen, Utopien und Ideologien geheilt hat, die sich in den Köpfen der Menschen während der Neuzeit eingenistet hatten. Die erste von ihnen war das anmaßende Vertrauen darauf, dass uns der Fortschritt von Wissenschaft und Technik automatisch und ganz von alleine sicher in eine strahlende Zukunft führen würde. Die zweite, genauso stolze wie naive Selbstüberschätzung war der menschliche Versuch, die Natur und die Geschichte, das eigene Schicksal und das Schicksal der anderen, unter die Herrschaft menschlicher Macht und Kraft zu bringen. Die Machthaber Russlands versuchen es durch Krieg. Der Krieg in der Ukraine scheint uns wie aus der Zeit gefallen. Wird uns dieses Jahr gewogener sein, dieses Heilige Jahr? Das ist eine Frage, deren Antwort nur Gott kennt.
Gott ist mit uns, wie die Zukunft mit uns ist. Wie Gott ist die Zukunft für uns unsichtbar, geheimnisvoll, unbeherrschbar. Die Zukunft wird erst in dem Augenblick sichtbar, wenn sie Gegenwart wird. Auch Gott ist für uns „sichtbar und hörbar“ nur in der Gegenwart. Wir können Gott nur in der Gegenwart erfahren. Es ist gut, dass wir Neujahr immer mit dem Hochfest der Gottesmutter Maria beginnen. Die Welt ist erfüllt von dem vorwiegend männlichen Bestreben, die Welt zu entwerfen, zu planen und mit äußerlicher Gewalt zu unterwerfen, alles nach unseren Vorstellungen umzugestalten und zu manipulieren. Das heutige Evangelium versetzt uns zurück nach Bethlehem. Die Hirten erzählen, was ihnen über dieses Kind von den Engeln gesagt wurde. Maria jedoch „bewahrte alles in ihrem Herzen“ und dachte darüber nach. Zu den Hirten kommen später die Weisen hinzu, die königlichen Weisen. So stehen neben den Einfachen und Armen auch die Weisen und Adeligen. Sie begegnen sich beim Kind, das auf dem Schoß Mariens sitzt - so kennen wir das aus unzähligen Abbildungen von den Volkskrippen bis hin zu den Gemälden der großen Meister.
In dieser Szene verbirgt sich eine wichtige Botschaft: Weisheit und Einfachheit sind zwei Pole, beide dem Geheimnis, das sich hinter dem „Zeichen des Kindes“ verbirgt, gleichermaßen nahe. Wer die Einfachheit verloren hat, kann auch nicht zur Weisheit reifen, kann den Weg nach Bethlehem kaum finden. Am besten kann mit dem Geheimnis umgehen, wer alles im Herzen bewahrt, wie es Maria tat. Das Herz ist nach biblischem Verständnis nicht nur ein bloßer „Sitz des Gefühls“. Das Herz ist der tiefste Kern unseres Wesens, in dem die eigentliche Motive unserer Überzeugung und Handlungen reifen. Es ist eine Tiefe, die wir nicht selbst geschaffen haben, ein Ort, an dem wir uns selbst überschreiten. Es ist ein Ort, an dem uns Gott anredet. Vernunft und Denken wohnen in unseren Köpfen; dort lösen wir Probleme und machen Pläne - der Glaube jedoch, ähnlich wie die Liebe und die Hoffnung, ist etwas ganz anderes. Der Glaube berührt das Geheimnis, während die Vernunft für das Geheimnis zu klein ist: Man muss das Geheimnis geduldig im Herzen bewahren - es dort wachsen lassen, wie das Kind unter dem Herzen seiner Mutter wächst. Das menschliche Herz ist nach der Bibel eine Tiefe, die keinen Grund hat - weil sie bis zum „Herzen Gottes“ reicht.
Wenn wir einen Gedanken von Blaise Pascal zitieren, dass „der Glaube eine Sache des Herzens ist“, dann verstehen wir nun, dass es im Tiefsten nicht nur um „eine emotionale Angelegenheit“ geht. Auch das leider so abgegriffene Wort von Antoine de Saint- Exupéry können wir wieder in seiner Tiefe und in seinem Glanz richtig verstehen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Der Abgrund ruft dem Abgrund zu - bei diesen Worten des 42. Psalms (Ps 42,89) können wir an die geheimnisvolle Verbindung zwischen Mensch und Gott denken, über die die Mystiker so viel gesagt haben- und noch mehr geschwiegen. Wenn im modernen Denken irgendetwas annähernd dem biblischen Bild „des Herzens“ annähernd entspricht‚ dann ist es „das Unbewusste“, von dem die Tiefenpsychologie spricht.
In der Abtei St. Matthias gibt ein berühmtes Marienbildnis aus dem Mittelalter. Maria ist als „sedes sapientia“ dargestellt, als Sitz der Weisheit. In der Tradition der christlichen Frömmigkeit verkörpert Maria die Weisheit, sie ist der Sitz der Weisheit, die sich mit Demut verbindet, und den Glauben, der sich mit Mut und Hoffnung auf neue, unbekannte Möglichkeiten einlässt: Maria glaubte, dass „für Gott nichts unmöglich ist“ (Lk 1,37), so das Lukasevangelium bei der Verkündigung. Um diesen Glauben voller Hoffnung wollen wir beten, mit diesem Glauben voller Hoffnung das neue Jahr beginnen.
Amen.










