Heilige Familie

29.12.2024 |

Predigt | Lesejahr C Fest der Hl. Familie | Lk 2, 41–52

P. Ambrosius Leidinger, 29.12.2024
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Ich darf Ihnen gestehen, ich konnte mit den kitschig romantisierenden Predigten zum heutigen Fest nie etwas anfangen, bei denen die Prediger oft von einem idyllischen Bild der Heiligen Familie schwärmten und es den heutigen Familien als Vorbild unter die Nase rieben, sodass es normalen Eltern ganz schwindelig wurde. Vor allem damit, dass sie in den biblischen Text ein idealisiertes Modell einer patriarchalischen Mittelstandsfamilie des 19. Jahrhunderts projizierten - eine Art von Familie, die der Prediger selbst nicht hatte und die auch mit der Heiligen Familie in Nazareth ganz sicher nichts zu tun hatte. Sie lebte den Lebensstil der armen Juden in Galiläa zur Zeit des Römischen Reiches, unter Bedingungen, die nur schwer auf die heutige Zeit zu übertragen sind und als Vorbild zu verstehen sind. Für vieles, was sich seit diesen Zeiten radikal verändert hat, sollte man dankbar sein. Dazu gehören die Anerkennung der Würde der Frau, für ihre vollständige Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben, das Verständnis von gleichberechtigter Partnerschaft. Damals gab es nur Unterwerfung und ehrerbietigen Gehorsam von Seiten der Frau. Schauen Sie in viele Länder des Islams, wo es heute noch so ist.
 
In unserem Abschnitt aus dem Lukasevangelium lesen wir von einem Konflikt in der Heiligen Familie, als Jesus seinen Eltern verloren ging:
„Kind, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“
Jesus konnte seinen Eltern nicht vollständig erklären, was er tat und warum er das tat, weil sie es zu diesem Zeitpunkt nicht hätten verstehen können. Selbst in der Heiligen Familie gab so etwas wie Missverständnisse und Konflikte wie in jeder Familie, zumal mit so einem besonderen Kind. Die Heiligkeit einer Familie ergibt sich nicht dadurch, dass es dort keine Konflikte gibt. Der Familienfrieden hängt eher davon ab, wie die Menschen mit angespannten Situationen umgehen: ob die Eltern dazu in der Lage sind, das Geheimnis ihres Kindes zu respektieren; ob der Heranwachsende, auch wenn er etwas will, das den Familienhorizont überschreitet, trotzdem inmitten seiner Familie zu leben vermag, ohne seine Eltern ständig zu verletzen und zu provozieren; ob beide Seiten dazu in der Lage sind, manchmal von ihren Ansprüchen zurückzutreten und mit den Augen des Anderen zu schauen.
 
Heute hören wir von allen Seiten, es ist unbestreitbar, dass es in unserer westlichen Gesellschaft eine tiefe Krise der Familien gibt. Jeder kann Beispiele dazu aufzählen. Es ist kein Wunder, dass die Kirche, oft durch den Mund der Päpste, ununterbrochen versucht, den Willen der Gläubigen zu mobilisieren, die Stabilität des Familienlebens aufrechtzuerhalten. Wer in unserer Zeit den Mut hat, eine Ehe zu schließen, mit dem Versprechen einer lebenslangen Achtung, Liebe und Treue, um Kinder zu zeugen und gut zu erziehen, verdient unsere Hochachtung und Dankbarkeit, unsere Bewunderung. Das ist heute eine viel schwierigere Aufgabe als je zuvor. Billige moralisierende Aufforderungen werden uns nicht helfen. Wir leben tatsächlich in einer Zivilisation, die das Familienleben in vieler Hinsicht nicht begünstigt. Und hier meine ich nicht nur die Dinge, die in vielen Predigten permanent verdammt werden: den Egoismus, den Konsumismus, den Materialismus, den Hedonismus. Diese wohlfeile Aufzählung der modernen Laster ist leider zu einem überstrapazierten kirchlichen Klischee geworden. Diese Klagen nimmt niemand mehr ernst. Denn es ist nicht die ganze Wahrheit über die Ursachen der Familienkrise. Auch die unzweifelhaft positiven Werte wie die Bemühung um Bildung oder der ganze Komplex von Veränderungen, die mit der bereits erwähnten Emanzipation der Frau verbunden sind, geraten in Konflikt mit den Ansprüchen des Familienlebens. Es gibt hier auch eine Reihe von ökonomischen und sozialen Problemen, mit denen Familien heute konfrontiert sind, Wohnungsprobleme, die Notwendigkeit, häufiger umziehen zu müssen, und so weiter. Es gibt gravierende geschichtliche Veränderungen im Verständnis von Familie, von Männer- und Frauenrollen. Sie widerlegen die naive Vorstellung davon, dass wir ahistorisch von irgendeiner ewigen und unveränderbaren natürlichen Familie sprechen können.
 
Welche Familie ist eigentlich gemeint? Eine Familie in biblischen Zeiten, als Polygamie geläufig war, - alle Väter Israels hatten ja mehrere Frauen - die Kultur im antiken Griechenland, die gleichgeschlechtliche Beziehungen akzeptierte, eine mittelalterliche Familie oder eine bürgerliche finanziell wohlsituierte Familie im 19. Jahrhundert oder eine heutige Familie - und falls ja, dann eine in Europa oder in Arabien oder in Afrika? Die Familie stützte sich Jahrtausende lang auf das Zusammenleben von mehreren Generationen. Das Zusammenspiel der Generationen ist heute wahrscheinlich mehr bedroht als alles andere. Es ist heute fast die Ausnahme, sondern es gibt Alleinerziehende mit ihren Kindern, die überhaupt keine familiäre Unterstützung erfahren und nicht selten die Armutsgrenze überschreiten. Papst Franziskus spricht oft von Menschen in  „irregulären Situationen“ – besonders auch von denjenigen, deren Ehen gescheitert sind und wiederholt stets, dass wir nicht zulassen dürfen, dass sie sich in den kirchlichen Gemeinschaften als Menschen zweiter Klasse fühlen. Er ergreift für sie Partei, gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer von heute, die am buchstäblichen Verständnis des Gesetzes festhalten und deshalb über die Nöte und Leiden der Menschen hinwegsehen. Diese Pharisäer irritiert die Haltung des Papstes, der mehr als die Paragraphen des Kirchenrechts das Prinzip der Barmherzigkeit, der Menschlichkeit betont und die Notwendigkeit der geistlichen Unterscheidung anmahnt - das heißt Respekt vor der Einzigartigkeit jeder einzelnen Person, Respekt vor der Einzigartigkeit der Lebenssituation, vor den verschiedenen Graden persönlicher Reife und vor dem persönlichen Gewissen der Einzelnen.
 
Schwestern und Brüder! Jesus kam als Arzt und Bruder für die Kranken, für die Sünder, für die Schwachen und Versagenden. Für sie ist er Brot geworden, für sie hatte er Ehrenplätze an seinem Tisch. Mit welchem Recht vertreiben wir Menschen in komplizierten und schwer zu ändernden Lebenssituationen, die sich nach Akzeptanz und Nähe sehnen, von seinem Tisch und machen aus dem „Brot für die Pilger“ eine Belohnung für moralische Leistungen? Wenn die kirchliche Gemeinschaft eine geistliche Familie sein soll, eine Hl. Familie, dann muss sie eine Familie sein, die nicht nur für rechtschaffene und gehorsame Söhne und Töchter offen ist. So eine Familie gibt es nicht. Erinnern wir uns an die zwei Brüder aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Wir auch immer, glücklich die Kinder, die eine Familie oder Bezugspersonen haben, die ihnen einen Raum des Vertrauens schenken, ein Raum, in dem sie sich ganz angenommen fühlen können, geliebt und geschätzt wissen, so wie sie sind, in dem sie sich angstfrei bewegen können. Ob die Familie nun intakt ist oder es sich um eine Rumpffamilie handelt, eine Patchwork- Familie, ob die Eltern sich verstehen oder in Scheidung leben, ob die Umstände ideal sind oder eine Katastrophe: Gott ist allen Menschenkindern nahe.
 
Nach einer Messe, in der ich das auch sagte, hat mir ein junger Messdiener mit Tränen in den Augen gedankt, dass ich auch die Familien mit den geschiedenen Eltern ausdrücklich genannt habe. Sonst würde immer nur von einer tollen idealen Familie gesprochen, und er fühle sich, da seine Eltern geschieden seien, dann immer ganz ausgeschlossen und ganz elend. Niemand kann sich die Zeit und die Rahmenbedingungen, unter denen er lebt, aussuchen. Aber es gilt auch: in Treue hält Gott gerade dann zu uns, wo es schwierig ist und alles andere als ideal. In Treue hält Gott zu jedem Menschen. Und jedes Kind hat ein Recht, das zu erfahren.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater