Weihnachten Prolog

24.12.2024 |

Predigt | Lesejahr C Weihnachten Prolog | Mt 1, 1–25

P. Ambrosius Leidinger, 24.12.2024
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder,
der Dachboden im Haus meiner Großeltern war für uns Kinder ein wahres Paradies. Viele alte Möbel und viele abgelegte Kleider längst vergangener Zeiten hingen da, mit denen wir uns wunderbar verkleiden konnten. Unter den vielen abgestellten Möbelstücken dort befand sich auch ein großer schwerer barocker Rahmen mit viel Gold. Nur das dazugehörige Bild war im Laufe der Zeiten abhandengekommen. Ist das nicht ein Sinnbild für Weihnachten heute? Der großartige weihnachtliche Rahmen. Wer möchte ihn missen? Das Fest muss doch einen Rahmen haben. Aber wo ist denn das Bild? Wir fragten die Großtante nach dem verschwundenen Bild, sie aber erklärte uns, nein, das sei früher ein großer kostbarer Spiegel gewesen, der irgendwann in die Brüche gegangen sei und der nie mehr ersetzt wurde. Wir sehen uns im weihnachtlichen Festrahmen selbst.
 
Das Weihnachtsevangelium sagt uns, dass der höchste Ausdruck des göttlichen Wortes, der göttlichen Selbstmitteilung, die Menschlichkeit ist - und die Menschlichkeit in ihrer ganzen Größe sehen wir in der Mitmenschlichkeit Jesu. Die Menschlichkeit Jesu, die ganze menschliche Geschichte Jesu, die in einer Nacht im Stall von Bethlehem begonnen hat, ist ein Fenster, durch das wir das göttliche Herz erblicken können. Das unerschöpfliche Geheimnis Gottes wird menschlich verständlich und menschennah. Gott ist durch das Weihnachtsgeheimnis in Bethlehem geboren worden, und damit in das Menschsein als solches eingetreten. Diese Botschaft wird durch das Ereignis der Osternacht wesentlich ergänzt: Es sagt uns, dass, was in der Höhle von Bethlehem begonnen hat, ging nicht in dem Felsengrab außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem zu Ende. Unser Glaube an die Auferstehung Jesu, an den lebenden Christus, bedeutet, dass das, was man „das Jesusgeschehen“ oder das „Christusgeheimnis“ genannt hat, also die Person, die Lehre und die Wirkung Jesu, nicht etwas Vergangenes ist, das am Kreuz endete, sondern dass Christus auch heute lebendig präsent ist im Glauben seiner Kirche, in ihren Sakramenten, in der Verkündigung des Evangeliums, dass er - wie er versprochen hat - mitten unter denen ist, die in seinem Namen versammelt sind, und dass er uns auch anonym in jedem Geringsten begegnet, der unsere Hilfe braucht.
 
Das Menschsein ist der heilige Ort, an dem Gott uns begegnet. So schreiben viele Kirchenväter, für uns vielleicht ungewohnt: Es muss etwas Großartiges sein, ein Mensch zu sein, wenn Gott selbst ein Mensch sein will. So glauben wir, dass jeder, der sein Leben und das Leben der anderen dankbar und verantwortlich annimmt als Gabe von Gott und als Aufgabe, dadurch schon Gott begegnet. Die Konsequenz aus dem Geheimnis der Menschwerdung ist, dass jeder Mensch bereits durch sein Menschsein Gott, das fleischgewordene Wort, berührt, und das noch bevor er Gott erkennt und bekennt und sogar auch dann, wenn er ihn nicht erkennt. Karl Rahner hat das anonymes Christentum genannt. Mensch und Gott, Gott und Mensch gehören wesentlich zusammen. Deshalb gehören auch unser Glaube an Gott und unser Menschenbild unzertrennlich zusammen. Daraus ergibt sich unsere Verpflichtung, die Würde, die Rechte und die Freiheit jedes einzelnen Menschen zu verteidigen.
 
Noch einen Schritt weiter: Besonders die Theologen der Frühen Kirche in Ägypten wie Origenes oder Clemens von Alexandrien, lehrten, dass Gott Mensch geworden ist, damit der Mensch Gott werden kann. Die Ursünde, die Sünde Adams, ist, wie Gott sein zu wollen. Adam ist das Symbol für das menschliche Streben danach, die göttliche Position einzunehmen, rücksichtslos und willkürlich darüber zu entscheiden, was gut und böse, was richtig und falsch ist. So hat sich jener Wunsch, „Gott zu sein“, letztendlich doch erfüllt - aber nicht auf die Art und Weise Adams, nicht dadurch, dass der Mensch in seinem Stolz versuchte, einen Platz einzunehmen, der ihm nicht zusteht. Es ist das genaue Gegenteil passiert: Gott neigte sich in seiner Liebe zu uns herab und erhob unser Menschsein dadurch zu sich. Derjenige, der an unserem Menschsein Anteil nimmt, lässt uns an seiner Gottheit teilhaben. Das ist der wirkliche Höhepunkt von Weihnachten.
 
So spricht der Priester spricht in jeder Eucharistiefeier, wenn er im Kelch Wein und Wasser vermischt, im Stillen: „Wie das Wasser sich mit dem Wein zum heiligen Zeichen verbindet, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.“ Manche Denker der Neuzeit - die bekanntesten von ihnen sind Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Sigmund Freud legten diese Beziehung so aus, dass Gott eine Projektion des Menschen sei. Gott sei die Projektion menschlicher Wünsche und menschlicher Angst in den Himmel hinein. Aber ist nicht eher das Gegenteil der Fall? Sagt uns nicht unser Glaube, dass der Mensch die Projektion Gottes ist - dass der Mensch die Frucht des göttlichen Wunsches und der göttlichen Liebe ist? Wenn wir in den großen weihnachtlichen Spiegel schauen, dann sehen wir das Kind in der Krippe, dann sehen wir uns, dann sehen wir, dass Gott uns in unserem ganz persönlichen Lebensschicksal annimmt. Wir sehen, wie sich das Leben des Kindes und unser Leben überschneiden, überlagern. Wie Gott in unserer Haut steckt. Er ist bei jedem Menschen, bei den Alten und Alleingelassenen, bei den Jungen und Glücklichen, bei den Wohlhabenden und den Bürger-geld- Empfängern, besonders bei denen, die in diesen Tagen der Weihnacht die Gräuel von Krieg und Terror erleben müssen.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater